Darum verlässt die Leiterin der Familienbildungsstätte Selm, Doris Krug, die Einrichtung

hzInterview

Fast 20 Jahre lang hat Doris Krug für die Familienbildungsstätte Selm gearbeitet. Jetzt verlässt die Leiterin die Einrichtung. Im Interview erzählt sie, wie es jetzt für sie weitergeht.

Selm, Werne

, 10.02.2019 / Lesedauer: 8 min

Im Interview mit Arndt Brede blickt Doris Krug zurück und nach vorn.

Frau Krug, wann haben Sie in der FBS Selm angefangen?

Das war am 15. April 1999.

Haben Sie sofort als Leiterin angefangen?

Ja.

Was haben Sie vorher gemacht?

Ich habe Diplom-Sozialpädagogik an der Katholischen Fachhochschule in Paderborn studiert. Sofort nach dem Studium hatte ich eine Leitungsstelle in der katholischen Jugendarbeit im Dekanat Dortmund-Nordost. Nach neun Jahren Familienpause bin ich in den Bereich der Familienbildung als pädagogische Mitarbeiterin mit halber Stelle in Duisburg-Rheinhausen eingestiegen. Von dort aus habe ich zur Familienbildungsstätte Selm gewechselt.

Zur Person Doris Krug ist 58 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Selm.

Sie haben also nach dem Studium sofort schon Leitungsstellen besetzt. Wie ist das gekommen?

Ich habe schon im Studium viel Erfahrung mit Gruppenleitung gehabt. Ich habe zahlreiche Schulungen und Fortbildungen im Team mit anderen geleitet und von daher ergab sich das recht schnell, weil die Stelle in Dortmund-Nordost vakant war.

Ihre letzte Stelle vor Selm war ja in Duisburg-Rheinhausen. Wie sind Sie dann auf Selm gekommen?

Meine damalige Chefin hat mir die Ausschreibung auf meinen Schreibtisch gelegt. Meine Stelle in Rheinhausen war befristet. Sie wusste um meine Ambitionen, wieder in Vollzeit arbeiten zu wollen und auf die Leitungsebene zu gehen. Ich habe mich in Selm beworben und die Stelle als Nachfolgerin von Marie-Luise Murlowski, die in den Ruhestand gegangen war, bekommen. Wir sind von Bottrop, wo wir damals gewohnt haben, nach Selm gezogen.

Wie haben Sie die Familienbildungsstätte Selm damals vorgefunden?

Intern hatte sie ein sehr versiertes Stammpersonal. Im letzten und vorletzten Jahr sind Kolleginnen verabschiedet worden, die länger als ich hier sind. Das war sehr von Vorteil, weil sie sich auskannten, vor allem das soziale Umfeld kannten. Schon damals gab es hier in der Familienbildungsstätte ein breites Angebot.

Sie hätten sich also quasi hinsetzen können und es laufen lassen ...

Nein (lacht), ich musste damals voll in die laufende Programmplanung einsteigen. Wir hatten gleich auch eine Umstellung auf elektronische Datenverarbeitung. Ein Jahr zuvor hatte es erstmals ein anwendungsgestütztes Programm für Anmeldung, Dozentenverwaltung und so weiter gegeben. Zu dem Zeitpunkt haben wir noch ganz viel handschriftlich gemacht. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Mein Vorgehen ist eigentlich immer „Sehen, Urteilen, Handeln“. Also, gut hinzuschauen, die örtlichen Gegebenheiten betrachten. Da habe ich angesetzt. Die Familienbildung liegt mir sehr am Herzen, sie wirkt schwerpunktmäßig im präventiven Bereich und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Unterstützung und Stärkung von Familien im Bereich der Alltags-, Beziehungs- und Erziehungskompetenz. In dem Maß wie sich Gesellschaft verändert, muss sich auch Familienbildung immer wieder neu an den Bedarf von Familien orientieren. Es werden stets zeitgemäße Formen und Konzepte entwickelt. In der Familienbildungsstätte finden Familien Anregungen und Hilfestellungen in verschiedenen Angebotsformen. So versteht sich Familienbildung als Begleitung von Lernprozessen, Stärkung von Ressourcen und ist kein Instrument zur Defizitkompensation. Wir sind unserer christlichen Werthaltung verpflichtet und leben diese in der Akzeptanz aller Menschen, die zu uns kommen. So bleibt Familienbildung in Bewegung und wir, die wir in dem Bereich arbeiten ebenso.

Wo sind die ersten eigenen Spuren von Ihnen sichtbar gewesen?

Was wir zeitnah umgesetzt haben, ist, dass wir Bildung und Beratung kombiniert hier ins Haus geholt haben. Zu dem Zeitpunkt gab es in Selm keine Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen. Familien und Einzelpersonen, die Beratungsbedarf hatten, hatten weite Wege, zum Beispiel nach Lüdinghausen zur Schwangerschaftsberatung des Sozialdienstes Katholischer Frauen. Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung gab es in Lünen. Gemeinsam mit dem Jugendamt der Stadt Selm haben wir uns zu einem runden Tisch zusammengefunden. Daraus hat es sich entwickelt, dass die Sprechstunden einiger Anbieter hier im Haus waren. Das ist zum Teil immer noch so. Mittlerweile hat sich in Selm sehr viel in Sachen Beratung getan. Nach wie vor ist die Schwangerschaftsberatung vom SKF Lüdinghausen jede Woche für mehrere Stunden hier im Haus. Das ist ein absolutes Erfolgsmodell. Weil sich daraus viele niederschwellige Angebote entwickelt haben.

Die FBS Selm ist sehr breit aufgestellt, was die Angebote betrifft. War das zu Anfang Ihrer Zeit auch schon so?

Grundsätzlich schon. Wobei wir die einzelnen Bildungsbereiche mit den Jahren in der Beschreibung verändert haben. Damals wie heute ist das Motto „Mit Herz, Hand und Verstand“. Den ganzheitlichen Ansatz hat Familienbildung immer schon verfolgt. Was gut gelungen ist und in der Sozialstruktur der Stadt Selm begründet liegt, ist, dass wir uns wirklich nicht nachzusagen lassen brauchen, nur bestimmte Bürger und Bürgerinnen anzusprechen. Wir decken mit unseren Angeboten eine breite Bevölkerungsstruktur ab.

Die Familienbildungsstätte ist eigentlich ja auch ein Unternehmen, ist angewiesen auf Einnahmen durch Kursgebühren. Sie haben gerade gesagt, dass Sie Menschen mit geringem Einkommen bedienen. Wie kommen Sie an diese heran?

Durch die Kooperationen. Hier in Selm, also in einer Kleinstadt, hat sich über die Jahre ein Netzwerk entwickelt. Man kennt sich untereinander und weiß über die Angebote Bescheid. Enge Kooperationen gibt es mit den Familienzentren, mit der Stadt haben wir immer schon eng zusammengearbeitet. Wo es um Menschen geht, die besonderen Förderbedarf haben, ist die Zusammenarbeit mit dem SKF gerade für die ganz jungen Familien ganz fantastisch. Die Mitarbeiterin des SKF informiert z.B. die jungen Frauen über die Angebote der Familienbildungsstätte.

Die Struktur der Kursteilnehmer und der Kunden der FBS hat sich in den Jahren verändert. Stichwort: Stärkung der Kompetenz junger Eltern.

Die Anforderungen an die Kursleitungen sind damit auch gestiegen, sich nochmal viel stärker individuell um die Einzelnen zu kümmern. Wir müssen zudem viel mehr offene Treffpunkte für Familien und Einzelpersonen anbieten, weil diese sich oft nicht langfristig auf Angebote einlassen. Manche gehen kurzfristig auf Angebote ein. Bei manchen ist nicht die Zuverlässigkeit gegeben, sich abzumelden, wenn man mal nicht an einem Kurs teilnehmen kann.

Sie sind ja Sozialpädagogin. Wie geht die FBS mit dieser Entwicklung um?

Wir versuchen gerade in den Anfängen bei Familien auch gegenzusteuern durch die Kursangebote, durch die Fachreferentinnen. Was man sagen muss: Zum Teil besteht in Familien ein hoher Anspruch, alles hinzukriegen, also Berufstätigkeit und Familien unter einen Hut zu bringen. Da spielt der Zeitfaktor eine Rolle. Frauen und Männer sind gestresster und haben weniger Zeit, sich mit zum Beispiel Erziehungsthemen zu beschäftigen. Hinzu kommt, dass wir Teilnehmende haben, die selber schon nicht gelernt haben, soziale Kompetenzen einzuüben. Das setzt sich auch in den folgenden Generationen fort. Da versuchen wir immer wieder, neue und andere Konzepte an den Start zu bringen, die dem Rechnung tragen. Hinzu kommt, dass der eine oder andere nicht bereit ist, für ein Angebot Geld auszugeben. Und da gucken wir, wo wir eine Querfinanzierung hinbekommen. Hier greift zum Beispiel ein Programm wie Elternstart, wo das Land Nordrhein-Westfalen eingestiegen ist. Eltern können kostenlose Angebote wahrnehmen. Wichtig sind in dem Zusammenhang Kooperation und Vernetzung.

Renner sind ja Entspannungs- und Sportkurse. Sind das nicht eigentlich Angebote, die woanders hingehören und nicht in eine Familienbildungsstätte?

Ich sehe da einen Unterschied, wie bei uns Kursarbeit abläuft. Der überwiegende Teil unserer Referenten identifiziert sich sehr stark mit der Familienbildungsstätte und machen mehr wie zum Beispiel reines Yoga oder Wirbelsäulengymnastik. Sie haben ganz gezielt die einzelnen Menschen im Blick und wissen teilweise auch um deren Einzelschicksale. In dem Bereich bleiben die Kursteilnehmer längere Zeit zusammen, kennen sich untereinander. Da passiert ganz viel an gegenseitiger Unterstützung. Ich weiß aus einem Kurs, dass der Mann einer Kursteilnehmerin schwer krank geworden ist. Da haben sich die anderen Kursteilnehmer abgesprochen und haben der Frau und dem Mann reihum Essen vorbei gebracht. Das sind Phänomene, die werden oft nur in unseren Kontexten geleistet. Familienbildung leistet Beziehungsbildung in allen Bereichen. Insofern gehören solche Angebote auch in den Familienbildungsbereich.

Wie hat sich in den 20 Jahren Ihrer Arbeit an der FBS Leitungsfunktion verändert?

Massiv. Ich war in den Anfängen auch noch in der Kursarbeit tätig. Weil ich es wichtig fand, nah an unseren Teilnehmenden zu sein. Das ist heute gar nicht mehr möglich. Weil sich unser Angebot so verändert hat, dass wir Projektarbeit machen, wenn ich z.B. an das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhaus denke. Da steckt sehr viel Organisation und Management im Hintergrund drin. Man muss gucken, ob die Finanzen stimmen, wo wir Finanzierungen erreichen können. Wir haben im Laufe der Zeit ja auch bedeutend mehr Angebote ins Programm genommen. Da heißt es, das gut zu steuern und zu sortieren. Und Kooperationen und Netzwerkarbeit kostet einfach auch Zeit.

Ich glaube nicht, dass man im Sozialpädagogikstudium lernt, Finanztöpfe anzuzapfen, sich zu vernetzen und Ähnliches. Wie haben Sie sich dem gestellt?

Das gehört zu meinen Stärken, dass ich gut organisieren und strukturieren kann und mich ich in neue Aufgabenfelder einarbeite.

Wie wird sich die FBS weiterentwickeln?

Ich hoffe, dass es uns auch in zehn, 20 Jahren noch gibt. Ich gehe aber davon aus. Es hat sich sehr viel verändert. Jetzt dadurch, dass ich aufgrund von Personaleinsparungen seit 2017 auch die Familienbildungsstätte Werne mit geleitet habe. Meine Kollegin Monika Wesberg, meine Nachfolgerin, wird auch beide Einrichtungen leiten. Das hat zur Konsequenz, dass weniger Zeit für eine Einrichtung bleibt. Von daher kann der eine oder andere Bereich nicht mehr so intensiv bearbeitet werden. Leider leidet gerade auch die enge Zusammenarbeit mit Referenten und Referentinnen darunter. Es muss genauer hingeschaut werden, was wir weiter leisten können und wo auch etwas wegfallen muss. Entscheidend ist, dass beide Einrichtungen eigenständig bleiben. Aber es ergeben sich auch Synergien. Ein Beispiel ist die Qualifizierung für Tagespflegepersonen, die aktuell für Selm und Werne angeboten wird.

Bedeutet das für die Teilnehmer, dass sie den einen oder anderen längeren Weg zu Kursen in Kauf nehmen müssen?

Wenn, dann eher im Fort- und Weiterbildungsbereich. Die anderen Kursangebote bleiben weiter vor Ort.

Warum verlassen Sie eigentlich die Familienbildungsstätte?

Das hat überwiegend persönliche Gründe. Ich möchte einfach mehr Zeit für die Familie einsetzen. Auch für unser Enkelkind. Zwei weitere Enkel sind unterwegs.

Sie reduzieren Ihre Arbeitszeit darum auch auf eine halbe Stelle ...

Ich habe den Antrag auf Reduzierung an den Vorstand des Bildungsforums im Kreisdekanat Coesfeld als unserem Träger gestellt und der ist dem Wunsch nachgekommen. Es war aber sehr schnell für beide Seiten klar, dass es wenig Sinn macht, die beiden Einrichtungen wieder zu trennen. Es ergab sich dann, dass ein Kollege im Kreisdekanat, der Leiter des Kreisbildungswerkes, zum Herbst in den Ruhestand geht. Dessen Nachfolge werde ich antreten.

Das heißt, Sie werden das Kreisbildungswerk leiten ...

Ja. Mein Dienstort wird Lüdinghausen sein. Das Bildungswerk hat auch einige Außenstellen, das sind die Bildungswerke in Kirchengemeinden, in denen Ehrenamtliche arbeiten. Mein Aufgabenbereich wird sein, die Ehrenamtlichen zu begleiten und mit ihnen gemeinsam das Programm in den Kirchengemeinden zu gestalten. Ein weiterer Bereich ist der der religionspädagogischen Angebote. Da werden wir an anderen Konzepten arbeiten, die dann wiederum in die Familienbildung zurückfließen.

Sie kommen also jetzt wieder an Ihre sozialpädagogische Wurzeln?

Zum Teil ja. Ich habe mich immer schon auch mit Theologie, Spiritualität beschäftigt. So werde ich etwas mehr zurückkehren zu inhaltlicher Arbeit.

Wie lautet Ihr Fazit nach 20 Jahren in der Familienbildungsstätte Selm?

20 Jahre sind eine lange Zeit. Ich habe ganz viele wertvolle Beziehungen knüpfen können, von denen sich einige zu einer guten Freundschaft entwickelt haben. Wir haben es mit Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Herkunft zu tun. Die zahlreichen Begegnungen haben mein Leben bereichert. Dafür bin ich sehr dankbar. Familienbildung ist halt Beziehungsbildung. Das alles macht diese Tätigkeit so spannend, anspruchsvoll, interessant und anregend. In der Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen herrscht ein toller Teamgeist mit großer Wertschätzung untereinander. Ich bin überzeugt davon, dass wir hier christliches Leben leben.

Wann treten Sie Ihre neue Stelle an?

Im Herbst. Bis Ende März bin ich hier noch im Hintergrund für die Übergabe an meine neue Kollegin Monika Wesberg tätig. Danach werde ich vom Kollegen im Kreisbildungswerk eingearbeitet.

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