Diese Erinnerungen haben ehemalige Lehrer an die Otto-Hahn-Realschule Selm

hzAuslaufende Realschule

Die Otto-Hahn-Realschule wird nach Ende des laufenden Schuljahres als Schulform aus Selm verschwinden. Spuren hinterlässt sie aber auf jeden Fall.

Selm

, 18.02.2019 / Lesedauer: 7 min

Es ist Freitag. Ein klassischer Tag für Lehrer, um das unterrichtsfreie Wochenende einzuläuten. Lehrer wie Frauke Rommel, Monika Focke, Ulla Michalke und Hans W. Schumacher. Oder für Schulsekretärinnen wie Susi Jahn. Der Unterschied: Der Freitag ist schon seit Langem für sie ein Tag wie jeder andere der Woche auch: unterrichtsfrei. Die vier Frauen und Männer sind nämlich pensionierte Lehrer beziehungsweise pensionierte Schulsekretärin. Sie haben lange an der Otto-Hahn-Realschule unterrichtet, haben aber den Kontakt untereinander nicht verloren. Nun treffen sie sich also regelmäßig. So wie an diesem Februar-Freitag in der Gaststätte Klähr in Netteberge.

Munteres Trüppchen

Es ist ein munteres Trüppchen, das da mit dem Reporter am Tisch sitzt, Kaffee trinkt und Kuchen isst. Klar, Stärkung muss sein. Aber das Wichtigste ist, die Freunde wiederzusehen, zu hören, wie es dem anderen geht, was es Neues gibt. Natürlich aber drehen sich die Gespräche um die gemeinsame Zeit an der Otto-Hahn-Realschule. Einhelliger Tenor der Ehemaligen: „Die Otto-Hahn-Realschule hatte und hat einen sehr guten Ruf in der Region.“ Hans W. Schumacher führt aus: „Unsere Schulabgänger sind unheimlich gerne von umliegenden Gymnasien genommen worden.“

Frauke Rommel: „Schule war mein Leben“

Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer der Gründe: das Personal. Menschen wie Frauke Rommel. Sie hat Französisch und Sport studiert. „Als Neigungsfach hatte ich noch Mathematik.“ Alle drei Fächer hat sie an der Selmer Realschule unterrichtet. Bis 2006. An ihre Emotion am letzten Tag an der Realschule erinnert sich die 76-Jährige noch genau: „Das war wunderbar. Ich habe mit Beginn der Sommerferien aufgehört; alle sind in die Ferien gegangen.“ Doch aus dem letzten Tag wurden dann noch viele Tage mehr an der Realschule, denn: „Es war Mangel an Mathematiklehrern und da habe ich noch ein halbes Jahr ein paar Stunden pro Woche unterrichtet.“ Klingt, als ob es einfach war, Abschied zu nehmen. Ist es aber nicht: „Schule war mein Leben“, sagt Frauke Rommel. „Das hat mich voll ausgefüllt.“ Sie habe ein gutes Verhältnis zu den Schülern gehabt. Auch untereinander hatten die Lehrer ein gutes Verhältnis. „Das hat auch eine Rolle gespielt, dass es während der Unterrichtszeit so gut geklappt hat“, erklärt Frauke Rommel. Eine große Rolle habe auch die Schulleitung in Sachen Atmosphäre gespielt. „Er stand immer für uns parat. Wenn irgendwas geschah, durften wir uns an ihn wenden.“ Er, das war Herbert Teckenbrock. Durchweg bekommt er noch heute, viele Jahre nach seinem Tod, von den ehemaligen Mitgliedern seines Kollegiums Bestnoten. Das bestätigen auch die anderen aus dem Kreis der Ehemaligen.

Anstellung an der „Edelschule“

Auch Monika Focke hat erlebt, wie es war, an der Otto-Hahn-Realschule zu unterrichten. Von 1983 bis 1990 war das. Sie war Hauptschullehrerin in Bochum-Wattenscheid und suchte eine neue Stelle. An der Realschule Selm wurde sie angenommen und so zog sie mit ihrem Mann Reinhard in die Region. Für die 78-Jährige war der Wechsel so: „Es war etwas Besonderes für mich, von der Hauptschule auf solch eine Edelschule zu kommen.“ Edelschule? „Es war schon ein großer Unterschied zwischen der Hauptschule Wattenscheid und der Realschule Selm, wie sich die Schüler im Unterricht gezeigt haben.“ Von der Disziplin sei sie angetan gewesen.

Eine besondere Geschichte verbindet Ulla Michalke mit der Otto-Hahn-Realschule. Von 1977 bis 2004 hat sie dort unterrichtet. Ihre Referendarzeit hatte die Borkerin in Werne absolviert und arbeitete zunächst an der Konrad-Adenauer-Realschule in Werne. „Nach Selm wollte ich nicht. Aus einem einfachen Grund: Ich habe mir gesagt, dass ich mindestens die Hälfte der Schüler und auch die Eltern kenne.“ Und wenn sie dann einem Schüler mal in Deutsch eine 5 geben würde, könne es sein, dass die Eltern vorwurfsvoll auf sie zukommen würden, wenn sie an der Wursttheke in Bork stünde. Solche Szenarien malte sich heute 78-jährige Ulla Michalke damals aus. Ihre Meinung änderte sich. Sie fing 1977 an der Realschule Selm an. Sie habe es nicht bereut, erzählt sie. Übrigens: Von Eltern sei sie privat nicht wegen Schulangelegenheiten angesprochen worden, nachdem sie in Selm angefangen hatte.

Mittlerin zwischen Schulleitung und Kollegium und den Schülern

Eine ganz spezielle Rolle hat Susi Jahn in der Otto-Hahn-Realschule gehabt. Sie war Sekretärin. Wobei die Berufsbezeichnung anfangs eine andere war: „Ich war die erste Schulschreibkraft in Selm.“ 1967 war das. Sie habe damals noch zwei schul- und kindergartenpflichtige Kinder gehabt. Für „ein paar Stunden“ arbeitete sie in dieser Zeit an der Realschule. Das wurde zeitlich ausgeweitet, die Schülerzahlen nahmen deutlich zu, bis sie nach einigen Jahren in Vollzeit beschäftigt war. Bis 2002 war Susi Jahn die Sekretärin der Realschule. Mittlerin zwischen Schulleitung und Lehrern auf der einen und den Schülern auf der anderen Seite. Eine Kunst? „Ich habe mich bemüht, allen zu helfen, so weit ich konnte.“ So einfach? „Natürlich kamen die Kinder auch mit Wehwehchen. Mit zunehmendem Alter war ich ganz schön im Stress. Gleichwohl: „Ich war gern an der Schule“, sagt die 78-Jährige. Ein „wunderbares Kollegium“, „überwiegend nette Eltern“, „überwiegend auch ganz angenehme Schüler“: Das sind die Gründe gewesen, warum ihr der Abschied 2002 dann schwer geworden ist.

Interesse an dem anderen verbindet

Jetzt, im Gespräch mit dem Reporter, ranken sich viele Sätze um die Vergangenheit. Das trifft aber nicht auf alle Treffen der Ehemaligen zu. Immerhin treffen sie sich seit ungefähr 15 Jahren. 2010, als Schumacher (74) als derjenige, der zuletzt - 2010 - aus dem Schuldienst ausgeschieden war, zur Truppe stieß, waren die anderen natürlich neugierig, was er so von der Realschule zu erzählen hatte. Das habe sich mit der Zeit geändert. Die Themen reichen von Musik bis hin zu anderen Bereichen. Vor allem das Interesse an den anderen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen ist es, was die Einzelnen im Kreis mit den anderen verbindet.

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Gleichwohl fällt ab und zu noch der Satz „Weißt du noch...?“ Es ist aber mittlerweile nicht mehr der eher nostalgische Aspekt dieser Frage. Es ist auch die Entwicklung der Schullandschaft, die die Ehemaligen verfolgen. Nicht immer mit Wohlwollen: „Eine ehemalige Kollegin hat erzählt, dass der Stress als Lehrer in den letzten Jahren zugenommen habe“, berichtet Hans W. Schumacher. Schüler zu disziplinieren, nehme fast die Hälfte des Unterrichts in Anspruch, habe die Ex-Kollegin erzählt. Das habe es zu ihren Zeiten so nicht gegeben, sagt Schumacher.

Diese Erinnerungen haben ehemalige Lehrer an die Otto-Hahn-Realschule Selm

Hans W. Schumacher hat alle Notizbücher aus seiner Zeit als Realschullehrer aufbewahrt. Dort stehen Vor- und Nachnamen aller seiner Schüler und deren Schulnoten drin. © Arndt Brede

Alle Schülernamen und deren Noten aufbewahrt

Er selber hat alle Lehrerpläne aus der Zeit als Realschullehrer aufgehoben. Notizbücher, unter anderem mit allen Namen der Schüler und den Noten, die Schumacher ihnen gegeben hat.“Das ist natürlich besonders spannend, wenn ich als ehemaliger Lehrer zu Klassentreffen eingeladen werde.“ So manchen Lacher habe er dabei erzielt, wenn er den eine oder anderen schwarz auf weiß mit seiner damaligen Schulnote konfrontiert habe. 1973 hat er dort als Lehrer angefangen. Musik und Sport waren seine Fächer. Am 1. Februar 2010 hat er dort aufgehört. Aber mit dem Herzen ist er immer noch in der Realschule. Und erinnert sich noch genau, wie das damals war, als er angefangen hat: „17 Klassen gab es damals.“ Er selber hatte Unterricht in jeder der 17 Klassen, von der fünften bis zur zehnten Klasse.17 Lehrer groß war auch das Kollegium.

Die erste Skifreizeit überhaupt

Neben dem Unterricht hat Schumacher an der Realschule einst für ein Novum gesorgt: für eine Skifreizeit. Und das kam so: „Ich war Klassenlehrer mit 40 Kinder.“ Viele davon kamen aus der Selmer Altstadt, in Selm nur „Dorf“ genannt. Er habe es nach viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern geschafft, eine Skifreizeit auf die Beine zu stellen. „Das war die erste an der Realschule“, berichtet Schumacher. Gefahren habe die Truppe damals - Anfang der 1980er Jahre - Wilhelm Bülskämper, Chef des Unternehmens Selmer Reisen. Bülskämper sei aber mehr als nur der Fahrer gewesen: „Er hat uns versorgt.“ Er habe die Schüler und die beiden Lehrer - Frauke Rommel und Hans W. Schumacher - zum Skihang gefahren. „Und mittags hat er am Bus eine Klappe aufgemacht, den Kocher rausgeholt und uns Würstchen gekocht.“ Danach habe es regelmäßig Skifreizeiten an der Selmer Realschule gegeben.

Diese Erinnerungen haben ehemalige Lehrer an die Otto-Hahn-Realschule Selm

Schon in den 1970er Jahren wurden Feiern in der Otto-Hahn-Realschule musikalisch untermalt. © Repro Arndt Brede

Aus dem Schulchor wurden die Sonnenkinder

Das sind Geschichten, an die sich der 74-Jährige gern erinnert. Genau so, wie an den schon vorhandenen Schulchor, den er schon in den Anfängen seinen Realschullehrerzeiten ausgebaut hat. Jener Schulchor fand so gute Resonanz auch bei Menschen außerhalb der Realschule, dass der Chor schließlich für „Auswärtige“ geöffnet wurde. Kinderchor Selm hieß er damals. Und letztendlich ist daraus dann der renommierte Chor „Die Sonnenkinder“ entstanden. Auch das trug wohl zum Ansehen der Selmer Realschule bei.

Was das Besondere für Schumacher an der Otto-Hahn-Realschule war: „In den ersten Jahren war es sehr familiär. Man kannte sich gut. Das ist dann zuletzt anders gewesen.“ Etwas Trauer schwebt in seinen Worten mit.

Auslaufen der Realschule ist ein geschichtlicher Einschnitt

Und noch etwas macht alle ehemaligen Realschullehrer aus dem kleinen Kreis traurig: dass die Otto-Hahn-Realschule ab dem Sommer aus der Schullandschaft Selms verschwunden sein wird. „Es ist ein richtiger geschichtlicher Einschnitt“, sagt Ulla Michalke. „Wir, die wir hier sitzen, haben die beste Zeit an der Realschule erlebt in unserem Wunschberuf mit solchen guten Bedingungen.“ „Es ist doch fürchterlich, dass heutzutage junge Kollegen aufhören, weil sie mit dem Druck der Eltern, der Kollegen und weil es kaum möglich ist, die Schüler zu disziplinieren, nicht zurechtkommen“, ergänzt Frauke Rommel.

Nun wird die Realschule bald auslaufen. Doch noch heute - und das ist den Ehemaligen auch gemeinsam - treffen sie ehemalige Schüler und werden freundlich gegrüßt. „Sie freuen sich, dass sie uns an der Schule gehabt haben“, berichtet Frauke Rommel. Generationen von Schülern haben sie und ihre Kollegen unterrichtet. Viele dieser ehemaligen Schüler kennen die ehemaligen Lehrer übrigens heute noch beim Namen.

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