Zwei Schüler stoßen auf dem Flur zusammen. Einer bleibt bewusstlos liegen. Was tun? An der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule ist die Antwort einfach.

Selm

, 04.11.2019, 15:19 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie sind 16, 17 Jahre jung, besuchen den neunten und zehnten Jahrgang der Sekundarschule. Sie sind zu zehnt. Bereit, zu helfen. Sie nennen sich Schulsanitäter. Sie sind diejenigen, die in einem Fall wie dem anfangs geschilderten, Erste Hilfe leisten.

Diese Jugendlichen bringen ihre Mitschüler im Ernstfall in die stabile Seitenlage

Das sind sechs der zehn Schulsanitäter der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule: (vorne v.r.): Justin, Walid, Joana, Mirabella, Cindy und Mike. Lehrerin Annette Lunemann, Erste-Hilfe-Ausbilder Frank Schnell und Rotkreuzleiter Ludger Westrup sind froh, dass es diese jungen Helfer gibt. © Arndt Brede

Ein Unfall passiert schnell. Eine plötzliche Übelkeit kann einen von jetzt auf gleich befallen. Das sind die Situationen, in denen schnelles Handeln gefordert ist. Schnelles, aber auch umsichtiges Handeln. Situationen, auf die die Schulsanitäter sich ein Jahr vorbereitet haben, wie Annette Lunemann, Lehrerin und Ansprechpartnerin der Schulsanitäterin, berichtet.

Seit einem Jahr

Seit einem Jahr gibt es an der Selmer Sekundarschule den Schulsanitätsdienst. Die Schüler, die diesen Dienst ausfüllen, machen das freiwillig. Walid (16) ist einer dieser Schüler. „Wir haben Ergänzungsstunden und konnten uns aussuchen, welchen Bereich wir wählen wollen“, erzählt er im Gespräch mit der Redaktion. Zur Auswahl standen Bereiche wie Homepage, Mathematik, Kreativa, Forscherlabor, Nachhaltigkeit und Umwelt sowie Rund ums Helfen. Walid hat sich für den letzteren Bereich entschieden. Warum? „Ich möchte anderen helfen.“

Das ist schon mal eine gute Voraussetzung, um diesen verantwortungsvollen Dienst des Schulsanitäters zu übernehmen. Bei Joana (17) ist das auch so. Und doch ganz anders: „Ich war fünf Jahre in der Selmer Jugendfeuerwehr“, erzählt sie. „Ich bin so in das Thema reingerutscht.“ Aus zeitlichen Gründen konnte sie dann nicht mehr bei der Jugendfeuerwehr sein. Aber sie sei immer an Erster Hilfe interessiert gewesen. Als das Fach Rund ums Helfen angeboten worden sei, habe sie sofort gewusst: „Das will ich machen.“ Joana möchte später zur Berufsfeuerwehr.

Lust am Helfen eint alle

Nicht jeder der jungen Schulsanitäter hat solche Ambitionen. Eines eint jedoch alle: die Lust am Helfen. Wobei die Gruppe schon mehrfach ihr Wissen anwenden musste. „Wir wurden aus dem Unterricht herausgeholt und haben die Information bekommen, dass im Erste-Hilfe-Raum jemand liegt“, erzählt Cindy (16). Ein Schüler war geschlagen worden. „Der blutete aus der Nase und ein Lippenpiercing war raus gerissen worden.“

Diese Jugendlichen bringen ihre Mitschüler im Ernstfall in die stabile Seitenlage

Der Eingang zum Krankenzimmer der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule. © Arndt Brede

In der Situation waren verschiedene Qualitäten gefragt. „Wir haben ihn dann beruhigt, haben gesagt, dass Hilfe unterwegs ist.“ Die Ersthelfer haben dem Jungen dann eine Kompresse auf die blutenden Wunden gelegt, ihm einen Eimer hingestellt, weil er Blut gespuckt hat“. Zwischenzeitlich habe jemand den Notruf 112 gewählt, um einen Rettungswagen zu ordern.

„Die Schüler sind top“

In Fällen wie diesen sind die Profis gefragt: die Rettungssanitäter nämlich. „Wir stellen dann Fragen wie, wo der Ort des Notfalls ist, was passiert ist, welche Verletzung vorliegt, ob der Verletzte ansprechbar ist“, erklärt der Erste-Hilfe-Ausbilder Frank Schnell. Fragen, die den Profis ein genaueres Bild der Lage geben, um einschätzen zu können, wie gehandelt werden muss. Seine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule: „Die Schüler hier sind top.“

Der Rettungstransportwagen (RTW), so erzählt Cindy, habe damals nicht lange gebraucht, um zur Sekundarschule zu kommen. Laut dem aktuellen Rettungsdienstbedarfsplan haben die Rettungswagen innerhalb von acht bis zwölf Minuten nach Alarmierung vor Ort zu sein, berichtet Selms Rotkreuzleiter Ludger Westrup. Das werde sich aber bald ändern. Die Selmer Politik hat das Thema Rettungsdienstbedarfsplan auf der Agenda. Gut möglich, dass Selm von zwölf auf acht Minuten runtergetaktet wird, wie Ludger Westrup berichtet.

Einsatzzeiten, die die Rettungssanitäter in der jüngeren Vergangenheit in Selm nicht selten nur schwer halten konnten, wie Westrup sagt: „Wegen der Baustellen.“ Wenn dann der RTW Umleitungen fahren müsse, „ist man froh, wenn man vor Ort solche fähigen Schulsanitäter hat“. Junge Menschen, denen die Verletzten vertrauen können.

Empathie ist die große Stärke

Vertrauen, weil sie nicht nur eine gute Ausbildung genossen haben, sondern noch über weitere Fähigkeiten verfügen. „Über Empathie nämlich“, berichtet Lehrerin Annette Lunemann. Die Fähigkeit also, sich in die Lage des Betroffenen zu versetzen und sich ihm entsprechend sensibel zuzuwenden. „Es kann aber auch sein, dass jemand zum Beispiel nicht angefasst werden will“, berichtet Walid. „Das respektieren wir dann natürlich.“

Diese Jugendlichen bringen ihre Mitschüler im Ernstfall in die stabile Seitenlage

Dem Verletzten - in diesem Fall Walid - Zuwendung zu geben, wie es Joana hier tut, ist wichtig. © Arndt Brede

Wie sieht eine Ausbildung zum Schulsanitäter aus? „Wir haben uns Filme angeschaut“, sagt Walid. Besuche beim Deutschen Roten Kreuz schulten die Schüler in Erster Hilfe - zum Beispiel in der Herz-Lungen-Wiederbelebung und in der Stabilen Seitenlage. Die Schüler sahen einen Rettungstransportwagen von innen, besuchten einen ambulanten Pflegedienst.

In Schichten eingeteilt

Nun sind sie also in den Schulalltag eingebunden. Es gibt eine Art Schichtplan. Drei bis vier Schulsanitäter seien in den Pausen im Einsatz, erzählt Joana. Zwei seien im Erste-Hilfe-Raum, zwei auf dem Schulhof. Auch bei größeren Veranstaltungen sind die Schulsanitäter gefordert, im Sportunterricht auch. Die Schulsanitäter sind dann gut ausgerüstet. Mit Kühlakkus, Pflastern.

Die Schulsanitäter seien mittlerweile sehr gefragt in der Schulgemeinde. „Sogar Lehrer wenden sich an sie“, berichtet Annette Lunemann. Die Ersthelfer werden ernst genommen an der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule. „Und viele Eltern kommen und bedanken sich bei uns, wenn wir ihrem Kind geholfen haben“, sagt Joana.

Bundesstatistik und Kontakt Wie wichtig Schulsanitäter sind, zeigt ein Blick in Statistiken. Laut dem DRK-Landesverband Westfalen-Lippe gab es allein im vergangenen Jahr bundesweit 1,1 Millionen Schulunfälle. Kreiszahlen oder sogar Zahlen für Selm gibt es nicht. Grundschulen, aber auch weiterführende Schulen, die sich für die Angebote des Deutschen Roten Kreuzes interessieren, erhalten nähere Informationen online unter: www.drk-kv-unna.de/modellprojekt-jrk-schule.html oder direkt bei Projektkoordinator Sebastian Bunse, Tel. (02303) 2545327; E-Mail: schularbeit@drk-kv-unna.de

Selbstbewusster geworden

Was macht das mit den Schulsanitätern selber, wenn sie solch gute Resonanz auf ihre Hilfe bekommen? „Am Anfang war ich bei der Hilfe zurückhaltend, weil ich nicht so genau wusste, wie ich das machen soll“, antwortet Joana. Im Laufe der Ausbildung habe sie gelernt, die Verletzten richtig anzusprechen und die richtigen Schritte einzuleiten. Sie habe auch allgemein an Selbstbewusstsein gewonnen.

Nicht zu vergessen: die Kompetenzen, die die jungen Leute erworben haben: Pünktlichkeit, Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, um nur drei zu nennen. Das alles zusammen genommen, macht die Schulsanitäter zu wichtigen Menschen im Schulalltag. Erste-Hilfe-Ausbilder Frank Schnell drückt es so aus: „Man kann sich getrost in ihre Hände begeben.“

Was der eine oder andere auch schon außerhalb des Schulgeländes erfahren hat. „Ich war mal am Bürgerhaus, als ein Radfahrer, so um die 40, gestürzt und mit dem Kopf auf eine Kante aufgeschlagen ist“, berichtet Joana. „Das hat ganz schön geblutet und ich habe mich um ihn gekümmert. Ich wollte einen Rettungswagen rufen, er wollte das aber nicht. Letztendlich habe ich ihn dann aber überzeugt, dass es besser ist, ins Krankenhaus zu gehen.“

Beruhigend, dass es Menschen wie Joana und ihre Mitschüler gibt. Und die nächste Generation steht schon in den Startlöchern. Schüler des aktuellen achten Jahrgangs lassen sich derzeit zu Schulsanitätern ausbilden.

Angebote auch für Grundschüler schaffen

Der DRK-Kreisverband Unna hat übrigens jüngst eine Zusage für ein weiteres Jahr Ausbildungsförderung durch die Glücksspirale bekommen, wie der Kreisverband mitteilt. „Nachdem wir uns im letzten Jahr vor allem auf die Einführung und Etablierung von Schulsanitätsdiensten in weiterführenden Schulen konzentriert haben, wollen wir nun spannende Angebote für Grundschülerinnen und Grundschüler schaffen“, freut sich Koordinator Sebastian Bunse vom DRK-Kreisverband Unna.

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