Die neue Youtube-Mini-Serie „Ehrenpflegas“ soll junge Leute für Berufe in der Pflege begeistern. Pflegerinnen und Pfleger wie Jasmina Dinter aus Selm fühlen sich davon aber beleidigt.

Selm

, 23.10.2020, 19:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Mein Name ist Boris und ich gehe erste Klasse. Erste Klasse Pflegeschule.“ Mit diesen Worten beginnt die Miniserie „Ehrenpflegas“, die seit dem 19. Oktober auf der Video-Plattform Youtube abrufbar ist und junge Menschen für einen Beruf in der Pflege begeistern soll.

Und diese Worte reichen eigentlich schon, um Jasmina Dinter auf die Palme zu bringen. „Als das Intro begann, war ich schon bedient“, sagt Dinter. Dinter kommt aus Selm und ist Fachaltenpflegerin. Sie hat zu der Serie, die den drei Pflege-Azubis Boris, Miray und Katrin folgt, eine eindeutige Meinung: „Das ist teuer produzierter Medienschrott“, sagt sie.

„Im Zentrum steht die Pflegeausbildung“

Die Mini-Serie mit einer Folgen-Länge von fünf Minuten hat das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben. „Sie soll auf unkonventionelle und unterhaltsame Weise über den Pflegeberuf und die neue Pflegeausbildung informieren und die Jugendlichen auf den Kanälen erreichen, die sie auch wirklich nutzen“, erklärt dieses in der dazugehörigen Pressemitteilung. Familienministerin Franziska Giffey tritt darin auch in einer Mini-Rolle auf. Hintergrund ist, dass es seit dem 1. Januar 2020 die Ausbildung zum Pflegefachmann und zur Pflegefachfrau gibt. Sie fügt die Ausbildungsberufe der Krankenpfleger, Kinderkrankenpfleger und Altenpflege zu einer zusammen - auch das soll durch die Serie erklärt werden.

Die Produzenten drücken es so aus: „Mit den ‚Ehrenpflegas‘ wollen wir die Gen Z (Generation Z, die Generation, die zwischen 2000 und 2019 geboren ist, Anm. d. Red.) für eine Ausbildung in der Pflege begeistern. Deshalb steht trotz prominentem Cast immer die neue Pflegeausbildung im Zentrum. Sie gibt die Geschichten vor, die wir kreativ verarbeitet haben“, sagt Cindy Singer, Kreativdirektorin bei der Agentur Zum goldenen Hirschen, die die Serie mit produziert hat.

Ziel der Serie laut Berufsverband verfehlt

Um das zu erreichen, setzen die Macher bewusst auf junge Darsteller, die bereits in anderen Streaming-Serien bekannt sind. Lena Klenke und Danilo Kamperidis spielen in der Serie „How to Sell Drugs Online (Fast)“ mit, Lisa Vicari in der Serie „Dark“.

Doch Pfleger und Pflegerinnen finden das Ziel, junge Leute für die Pflege zu begeistern, mehr als verfehlt. In der Serie macht Boris direkt klar, dass er sich Mühe gibt, bis er die Probezeit hat „und scheißt dann drauf“, Katrin freut sich über ihr Cabrio, das sie sich wegen ihrer angeblich üppigen Ausbildungsvergütung leisten kann, und Miray hat in Folge zwei zu berichten, dass bei ihr im Dienst jemand gestorben ist, „bisschen wie bei Game of Thrones“, sagt sie dazu.

Der deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) distanziert sich in einer Stellungnahme ausdrücklich von der Serie. „Die Darstellung der Anforderungen an Pflegefachpersonen in der Miniserie „Ehrenpflegas“ verletzt Selbstverständnis, Ethos und Pflegefachlichkeit der Berufsgruppe“, schreibt der DBfK. Die Serie zeichne kein realistisches Bild vom Pflegeberuf, sondern spiegele nur Klischees wider. „Wir distanzieren uns ausdrücklich von der Darstellung der bereits in den ersten Sekunden erzeugten Aussage, bei den Pflegefachberufen handele es sich um ein Auffangbecken für alle Personen, denen an anderer Stelle keine Perspektive eröffnet wird. Pflege ist ein anspruchsvolles Handlungsfeld, für das es Kompetenzen und Fähigkeiten braucht. Niemand stolpert zufällig in eine Pflegeausbildung“, schreibt der Berufsverband.

Persönlich beleidigt durch Darstellung in der Serie

So sieht es auch Jasmina Dinter, „Man fühlt sich persönlich angegriffen, weil das, was dargestellt wird, nicht die Realität ist“, so Dinter. Pflege sei mehr als satt, sauber und trocken. „Man braucht Empathie und Organisationsgeschick“, sagt Dinter. Das, was in der Serie gezeigt werde, sei dagegen Hauptschulniveau, „wenn überhaupt“, sagt Dinter. Sie hat Angst, dass die Serie nur ungeeignete Personen anlockt und solche, die wirklich gebraucht würden, dagegen abschreckt: „Wir brauchen Pfleger, die was im Kopf haben.“

Jasmina Dinter hat für die Serie nur Kritik.

Jasmina Dinter hat für die Serie nur Kritik. © Vanessa Trinkwald (A)

Dinter, die in der Theatergruppe „Horror Crew Care Project“ selbst in Theaterstücken auf die Missstände in der Pflege hinweist, findet die Serie auch unter künstlerischen Gesichtspunkten nicht gelungen. Satire sei sie nicht und auch sonst fragt sie sich: „Was soll uns die Serie eigentlich sagen?“ Sie hätte dagegen einen besseren Vorschlag gehabt, um die 700.000 Euro Steuergelder einzusetzen, die die Serie gekostet hat. „Mit den Geldern hätte man stattdessen das Gehalt der Pflegerinnen und Pflegern anheben können“, sagt Dinter, „auch das der Auszubildenden“. Ihr Urteil zum Abschluss: Diese Serie sei das letzte, was man als Pfleger in der Corona-Krise gebrauchen könne. Noch weniger als Klatschen und Schokoladentäfelchen.

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Die generalistische Pflegeausbildung Durch die neue generalistische Pflegeausbildung werden Bereiche der Kinderkrankenpflege, der Krankenpflege und der Altenpflege vermittelt. Die Auszubildenden eine Ausbildungsvergütung nach dem Tarifvertrag für Auszubildende des öffentlichen Dienstes. Das bedeutet 1.140,69 Euro im 1. Ausbildungsjahr, 1.207,07 Euro im 2. Ausbildungsjahr und 1.303,38 Euro im 3. Ausbildungsjahr. Außerdem ist eine Ausbildung an einer Hochschule mit Bachelor-Niveau möglich. Der generalistische Abschluss wird automatisch EU-weit anerkannt, informiert das Bundesfamilienministerium.
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