1953 ist Alma Borbe aus Bork - damals 21 Jahre alt - aus der DDR geflohen, um sich im Westen ein besseres Leben aufzubauen. Wichtigstes Gepäckstück dabei: ihr Wagemut.

Bork

, 09.11.2019, 15:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine Hand hat sie auf dem Tisch gestützt, die andere auf die Schulter ihres am Küchentisch sitzenden Mannes Hebert gelegt. Zusammen mit ihm schaut Alma Borbe in die Mappe, die Tochter Inge gerade herausgekramt hat. Darin liegen neben Schwarz-Weiß-Fotos auch ein paar Zettel. Zettel, auf denen die Geschichte steht, wie Alma vor sehr, sehr vielen Jahren nach Bork gekommen ist. Als Flüchtling aus der DDR.

„Ach, ich erinnere mich gar nicht mehr so genau“, sagt die 87-Jährige heute, als ihre Enkelin (ich), anfängt, ihr im 30. Jahr nach dem Mauerfall zu dieser Flucht Löcher in den Bauch zu fragen. „Aber wenn ich heute so darüber nachdenke“, sagt die Oma, „ich hatte immer Wagemut.“

Die erste Flucht aus der Heimat

Wagemut. Den brauchte sie auch. Nicht erst, als sie im Alter von 21 Jahren beschloss, aus der vor ein paar Jahren gegründeten DDR zu fliehen. In ihren jungen Jahren hat sie da schon eine bewegte Geschichte hinter sich. Kurz nach dem Krieg, genau 1947, muss sie im Alter von 15 Jahren ihre Heimat Weißenfelde (heute Polen) verlassen.

Die erste Flucht in ihrem Leben. Mit kilometerlangen Fußmärschen, Hunger, Not und Arbeitslager: Viele Omas und Opas haben ihren Kindern diese Geschichten aus der Nachkriegszeit schon erzählt.

Mutter muss Kinder alleine durchbringen

Alma ist die älteste Tochter ihrer Mutter Theophile Buchholz, die insgesamt 13 Kinder zur Welt gebracht hat. Das jüngste, Karl, wird gerade mal zwei Jahre alt, als die Familie in der Stadt Gera in Thüringen einen neue Heimat findet. Auf dem Steinweg dort ziehen sie in eine Wohnung. Immer noch arm, immer noch in Not. Der Vater, der ebenfalls den Namen Karl trug, ist aus dem Krieg nie zurückgekehrt. Die Hoffnung, dass er es noch tun könnte, hat die Familie schon aufgegeben.

Alma und ihr Wagemut: Wie ein Mädchen mit einem kleinen Flugzeug aus der DDR nach Selm floh

Almas Mutter Theophile (auf dem Roller hinten) musste ihre Kinder nach dem Krieg alleine durchbringen. © Marie Rademacher

Alleine muss Theophile ihre Kinder durchbringen. Alma als älteste Tochter trägt immer viel Verantwortung. Als ihre Mutter einen Herzanfall hat, übernimmt sie für ein paar Wochen sogar die Vormundschaft für ihre kleinen Geschwister. Da ist sie gerade mal 18 Jahre alt. Aber schon volljährig: Das war in der DDR, die es da gerade mal ein Jahr gibt, schon so geregelt.

Alma geht in Gera nicht in die Schule. Sie sucht sich Arbeit. Erst im Kinderheim. Dann bei einem Schneidermeister und danach in einer Näherei. „Ich wollte immer Schneiderin werden“, wird Alma sich später erinnern.

„Ich hatte keine Chance in der DDR“

Aber aus diesem Traum wurde nichts. Und auch alle anderen erschienen dem jungen Mädchen irgendwie unerreichbar. „Ich hatte keine Chance in der DDR“, sagt sie. Sie schaffte es nicht, genug Geld zu verdienen. Nur 100 Mark durfte die Familie von ihrem Lohn behalten, den Rest zog das Jugendamt ein, erzählt Alma. Eine Waisenrente gab es für die Familie mit der reichen Kinderschar auch nicht. „Vater war noch nicht für tot erklärt worden“, so Alma.

Die junge Alma war unzufrieden mit ihrer Situation - mit der ihrer ganzen Familie. Diese Unzufriedenheit teilten, so steht es in den Geschichtsbüchern, viele im Volk des 1949 neu gegründeten sozialistischen Staates.

Großer Aufstand am 17. Juni 1953

1953 bricht sich die Unzufriedenheit in einem großen Aufstand ihre Bahn: Am 17. Juni gibt es in der DDR eine Welle von Streiks, Demonstrationen und Protesten. Die Menschen leiden unter einer Ernährungsnot, für die sie den Staat verantwortlich machen, sie haben wirtschaftliche und politische Forderungen. Die Sowjetarmee bringt die Protestierenden gewaltsam zum Schweigen.

Im Westen hingegen hat der Marshall-Plan von der einstigen amerikanischen Besatzungsmacht für einen Aufschwung gesorgt, der den Menschen in der Bundesrepublik den Traum vom kleinen Glück, vom Leben ohne Not und in Wohlstand verspricht.

Auch das war ein Beweggrund für Alma, in den Westen zu schielen. Vor dort aus, so dachte sie, könnte sie ihre Mutter und ihre Geschwister viel besser finanziell unterstützen.

„Abstimmung mit den Füßen“: Die Flucht aus der DDR

Schon immer wanderten wegen dieses Gegensatzes DDR-Bürger in den Westen aus: Im ersten Halbjahr 1953 wächst die Abwanderungsbewegung noch einmal rasant. „Abstimmung mit den Füßen“ nennen das damals Westpolitiker: ein Zeichen gegen das kommunistische Regime.

Eine, die sich ebenfalls 1953 auf den Weg macht, ist Alma Buchholz. Zusammen mit ihrer Freundin Else schmiedet sie einen Plan. Nur ihrer Schwester Adina weiht sie ein. Alle anderen in ihrer Familie, ihre Mutter eingeschlossen, werden sich am 23. Mai 1953 fragen: Wo ist Alma?

Else und sie sind nach Berlin gefahren und zunächst einmal bei einer befreundeten Familie in Ost-Berlin-Rangsdorf zu Gast. Mit S- und U-Bahn fahren Else und Alma dann - eine Mauer gibt es ja noch nicht - in ein Flüchtlingslager in West-Berlin. Von dort aus wurden sie mit einem kleinen Flugzeug in die BRD geflogen.

Zwillingsschwester lebte schon in Selm

Else und Alma landen in einem Lager in Westertimke bei Hannover. „Ich musste nachweisen, dass ich im Westen eine Wohnung und eine Arbeit habe“, erzählt Alma. Und hier kommt Selm ins Spiel: Schon zwei Jahre nach der Geburt hatte nämlich eine Tante Almas Zwillingsschwester Lydia „mitgenommen“. Sie wuchs seitdem bei dieser Tante (Olga) und ihrem Mann Rudolf in der kleinen Stadt Selm auf.

Alma und ihr Wagemut: Wie ein Mädchen mit einem kleinen Flugzeug aus der DDR nach Selm floh

In Bork baute sich die heute 87-jährige Alma ein Leben auf. Sie heiratete und bekam vier Kinder. © Marie Rademacher

„Lydia bescheinigte mir, dass ich bei ihr wohnen könne“, erinnert sich Alma. Ein Dr. Herrmann, bei dem Lydia im Haushalt arbeitete, erklärte sich außerdem bereit, Alma zu bescheinigen, dass sie bei ihm arbeiten könne.

Alma baut sich ein Leben in Selm auf

Auf dieser Basis konnte sich Alma dann ein Leben aufbauen. Im Westen. Weit weg vom Rest ihrer Familie. Sie baute sich in Bork eine eigene auf, heiratete Herbert Borbe, bekam vier Kinder. Regelmäßig besuchte sie ihre Geschwister, nähte Anziehsachen für ihre kleinen Brüder, schickte Pakete in den Osten. Ihre Mutter Theophile nahm sie einige Jahre später bei sich auf und pflegte sie bis zur ihrem Tod in den 90er-Jahren.

Bei Alma kam dann immer zu besonderen Anlässen die ganze Familie zusammen - im Westen. Das Lied „Und bis wir uns wiedersehen“ sangen die Geschwister beim Abschied dann immer gemeinsam - auch noch, als die Mauer vor genau 30 Jahren gefallen war.

Lesen Sie jetzt