Gärtnerhaus in Bork: Abriss trotz Bäumen und reicher Geschichte

hzBauvorhaben in Selm-Bork

Wer die Netteberger Straße hochfährt, übersieht es fast: das über 100 Jahre alte Haus. So versteckt liegt es im Grünen. Bald wird es gar nicht mehr zu sehen sein, dafür vier Neubauten.

Bork

, 02.05.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Eugen Wiskott nach Bork zieht, bringt er nicht nur viele Umzugskisten aus Dortmund mit, sondern auch große Pläne. Er will seine neue Heimat nachhaltig verändern. Mit seinem 1904 gerade erworbenem Haus in Bork, das später Haus Licht und Leben heißen wird, fängt er an. Ganz Selm wird folgen.

Das neue Zuhause des Bergwerkdirektors Wiskott

Das Haus an der Lünener Straße 1 ist Wiskotts neues Heim: ein repräsentativer Bau, der schon eine reiche Geschichte hat. Am 15. Mai 1846 hatte es Ludwig Cirkel gebaut. Als der Holzkaufmann 1889 starb, kaufte es der Arzt Dr. Sanders. Er blieb 15 Jahre, dann zog es ihn nach Münster und Eugen Wiskott kaufte Haus und Grundstück.

Das östliche Ende der Fläche markiert heute das schmucke Häuschen Netteberger Straße 38 - aber nicht mehr lange. Weder die Lage im Grünen noch die reiche Geschichte spielten eine Rolle, als der Stadtplanungsausschuss in der letzten Sitzung vor der Corona-Pause den Abbruch des sogenannten Gärtnerhauses genehmigte.

So sollen die vier Doppelhaushälften aussehen.

So sollen die vier Doppelhaushälften aussehen. © Architekturbüro A & B Hattingen

Eugen Wiskott ist 37 Jahre alt, als er Borker Bürger wird: ein studierter Berginspektor und Bergwerksdirektor im Dortmunder Revier und in Oberschlesien. Nachdem im Ruhrgebiet Fördertürme wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, gilt es jetzt, auch die Kohlevorkommen im Münsterland zu fördern. Wiskott gründet 1906 das Steinkohlebergwerk namens Hermann. Im Volksmund wird es einen anderen Namen tragen: Zeche Elend.

Eugen Wiskott baut Tennisplatz und Gewächshäuser

Das Abteufen der Schächte in Beifang beginnt 1907: die tiefsten Schächte im ganzen Ruhrgebiet. Die Hitze ist höllisch, der Kampf gegen das Grundwasser ebenso. Jetzt geht alles Schlag auf Schlag: Bau der Kolonie, Bau der Kokerei, Errichtung des Amtshauses in Bork. Die Bevölkerungszahl schnellt von 2000 auf 10.000 in die Höhe. Wiskott macht es sich derweil schön zuhause in Bork.

Das Grundstück des Bergbaudirektors reicht von dem Wohnhaus Lüner Straße 1 bis hoch zur Netteberger Straße: ein geschlossener Grüngürtel, den er neu gestaltet: mit Tennisplatz, Park und Garten mit Gewächshäusern und mit einem Gärtnerhaus.

Mit der Schließung der Zeche wird das Gärtnerhaus verkauft

1926 ist plötzlich Schluss - mit der unrentabel gewordenen Zeche in Beifang und mit dem großen Haushalt in Bork. Tausende verlieren ihre Arbeit - und Wiskott, immer noch gefragter Arbeitgebervertreter, zieht wieder um: nach Oberbayern. Das Anwesen in Bork bleibt nicht in einer Hand. Wieder ist es ein Dortmunder, der daran besonderen Gefallen findet.

Prof. Wilhelm Jöker ist Leiter der Kunstgewerbeschule in Dortmund. In ganz Deutschland hat er als Maler und Architekt gearbeitet. Für den Ruhestand sucht der 65-Jährige 1936 ein neues Zuhause: die Villa in Bork, der er den Namen „Haus Licht und Leben“ verleiht. Das Gärtnerhaus mitsamt Garten befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren im Eigentum der Kaufmannsfamilie Dahlkamp.

Dass das Grundstück ursprünglich eine Einheit bildete, ist 2020 nicht mehr zu erkennen. Die Bundesstraße 236 zerschneidet es: links davon in Richtung Selm das große Wohnhaus, in dem die Kinderärztin Dr. Maria Franzen-Wobbe und ihr Mann wohnen, rechts davon der ehemalige Schützenfestplatz mit öffentlichem Park. Und am Ende: das einstige Gärtnerhaus.

Kühnhenrich: „Muss man das genehmigen?“

An dessen Stelle sollen vier Doppelhaushälften mit begrünten Flachdächern treten. Der Stadtplanungsausschuss hat das abgenickt - ohne Begeisterung. „Muss man so etwas genehmigen?“, fragte Stefan Kühnhenrich (SPD). Schließlich werde dem Vorhaben auch etwas Wald zum Opfer fallen. Die Antwort der Verwaltung: Ja. Es handele sich um bebaute Ortslage. Die Forstbehörde habe grünes Licht gegeben. Die Haushälften seien das kleinere Übel. Zunächst habe der Eigentümer ein Mehrfamilienhaus mit 20 Wohneinheiten bauen wollen.

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