„Das allererste Gesetz in Deutschland“ - Geflüchtete besuchen Holocaust-Ausstellung in Bork

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Eine Ausstellung in der alten Synagoge in Bork zeigt Verbrechen der Nazis und die fehlende Courage der Bevölkerung. Eine Gruppe Geflüchteter lernt, was das für das heutige Deutschland bedeutet.

Bork

, 21.02.2020, 10:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Besucher in der alten Synagoge in der Bork schauen sich in Ruhe in dem Raum um. „Was fällt euch auf?“, will die stellvertretende Leiterin der VHS in Selm wissen. „Der Himmel“, sagt eine Teilnehmerin und alle blicken auf die himmelblaue Decke, die mit Sternen verziert ist.

Manon Pirags erklärt die Bedeutung: „Gott hat den Juden gesagt, sie sollen so viele sein, wie die Sterne. Wenn sie nach oben blicken, fühlen sie sich vielleicht klein. Aber sie wissen, dass es ganz viele von ihnen gibt.“

Im Alphabetisierungskurs über Respekt und Toleranz reden

Manon Pirags hält an diesem Donnerstag einen Vortrag für Geflüchtete, die aktuell einen Alphabetisierungs-Kurs an der Selmer VHS belegen. Sie erzählt den zehn Sprachschülerinnen und Sprachschülern sowie Mitgliedern des Asylkreises Bork und interessierten Bürgern etwas über die jüdische Kultur und die aktuelle Ausstellung, die in der Synagoge zu sehen ist. Sie heißt „Some Were Neighbours - Einige waren Nachbarn“: Kollaboration & Komplizenschaft im Holocaust“.

Die Idee dazu hatte Georg Fleiter-Morawietz, der den Sprachkurs unterrichtet. „Es geht mir um die Frage der Toleranz“, erklärt Fleiter-Morawietz. Die Menschen in seinem Kurs kommen aus verschiedenen Ländern und gehören verschiedenen Religionen an. Manche kommen aus Syrien, Eritrea, dem Irak. Manche sind Muslime, Jesiden, Christen. Die Geflüchteten haben selber Erfahrungen mit Verfolgung und Intoleranz, zum Beispiel die Jesiden, die vom so genannten Islamischen Staat vertrieben, verfolgt und ermordet wurden.

Große Überschneidungen zwischen den Religionen

„Mir ist es wichtig zu zeigen, dass wir in Deutschland viel Wert auf Toleranz legen, auch deshalb, weil wir durch unsere eigene Geschichte im Zweiten Weltkrieg geprägt sind“, sagt er. Außerdem sei es für viele der Geflüchteten spannend zu sehen, dass es oft große Überschneidungen zwischen den Religionen gibt.

Das macht auch Manon Pirags deutlich. Sie erzählt, dass die Juden am Samstag ihren heiligen Tag haben, den Schabath. An diesem Tag darf nicht gearbeitet werden. „Wie ist das im Islam? Gibt es so einen Tag auch?“, fragt Manon Pirags. „Am Freitag“, sagt eine Teilnehmerin. „Bei den Jesiden am Mittwoch“, sagt ein junger Mann. Auch einen Ort zum Beten und Messefeiern hat jede Religion. Bei den Juden ist es die Synagoge, bei den Christen die Kirche, bei den Muslimen die Moschee, für die Jesiden ist das Lalisch-Tal wichtig, die heiligste Stätte der Religionsgemeinschaft im Nordkirak.

Zuhörer hören über die Geschichte Deutschlands

Manon Pirags zeigt den Gebetsmantel Tallit, den jüdische Männer beim Gebet tragen, sowie die Kopfbedeckung Kippa, die aus Respekt Gott gegenüber von gläubigen Juden getragen wird. Sie sagt aber auch: „Diese Synagoge ist kein Ort des Gebets mehr.“

Mohammed Rashid trägt das jüdische Gewand Tallit, das zum Beten angezogen wird.

Mohammed Rashid trägt das jüdische Gewand Talit, das zum Beten angezogen wird. © Sabine Geschwinder

Sie berichtet ihren Zuhörern in möglichst einfachen Worten über Hitlers Rassenlehre, die Reichspogromnacht und auch die Vernichtung der Juden durch die Nazis. Sie erzählt, dass es vor 150 Jahren noch 67 Juden in Bork gab - und inzwischen keinen einzigen mehr. „Hitler war nur ein einziger Mann. Wie hat er es geschafft, dass so viele Juden getötet wurden?“, fragt sie. Damit ist sie schon bei dem Thema der Ausstellung. Die Methoden der Nazis - und wie die Zivilbevölkerung mitgemacht hat.

Die Methoden der Nazis

Sie zeigt eine Tafel aus der Ausstellung. Ein Geschäft ist darauf zu sehen mit der Aufschrift „Juden sind unser Unglück“. Man sieht eine Frau, die ihre Tochter wegzieht. Eine andere Frau kommt gerade aus dem Geschäft heraus. „Das war mutig“, sagt Manon Pirags. „Doch wie hat sie sich wohl gefühlt?“ „Schlecht“, sagen viele der Zuschauer gleichzeitig. „Ja. Sie wird vielleicht einmal in das Geschäft gehen. Vielleicht zweimal. Aber dann geht sie vielleicht nicht mehr“, erklärt Manon Pirags.

„Soll ich riskieren, zu helfen“, steht vor der Tafel, die Manon Pirags bei der Ausstellung in der alten Synagoge zeigt.

„Soll ich riskieren, zu helfen“, steht vor der Tafel, die Manon Pirags bei der Ausstellung in der alten Synagoge zeigt. © Sabine Geschwinder

Und auch, wenn die Szene auf dem Foto nicht in Bork spielt: Sie hätte auch dort fotografiert werden können. „1935 hat der Bürgermeister gesagt, dass keiner mehr bei Juden in Bork einkaufen darf“, erklärt Manon Pirags.

Das oberste Gesetz in Deutschland

„Die Nazis haben einfach gesagt, der ist schlecht und der ist gut und immer mehr Menschen haben das geglaubt.“ „So etwas kann auch heute passieren“, sagt die VHS-Mitarbeiterin. Deswegen sei auch der Erste Artikel des Grundgesetzes so wertvoll. „Der besagt, jeder ist gleich viel wert. Egal ob Mann oder Frau, groß oder klein und egal welcher Religion“, sagt Manon Pirags. „Das ist das allererste Gesetz in Deutschland.“

Die Ausstellung: Die Öffnungszeiten der Ausstellung „Some Were Neighbors - Einige waren Nachbarn“ in der Alten Synagoge Bork, Synagogenweg, ist dienstags von 16 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 13 und von 14 bis 16 Uhr und sonntags von 11 bis 13 Uhr. Der Finissage ist am Samstag, 7. März um 11 Uhr. Klassenführungen sind vormittags noch bis zum 6. März möglich, Terminanfragen richten Interessierte an die VHS unter Tel. (02592) 9220.
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