Gewalt gegen Frauen: Selmer Pfarrerin Antje Wischmeyer musste ein Opfer beerdigen

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Es war mehr als ein Zeichen der Solidarität, das Selmer Frauen setzen: Sie nutzten den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen dazu, um Hilfsangebote vorzustellen. Aus gutem Grund.

Selm

, 25.11.2019, 20:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es passiert im privaten Umfeld. Oft im Verborgenen. Betroffene sind extrem verschwiegen und versuchen, ihr Leid zu verbergen. Häusliche Gewalt ist ein Thema, das der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen in den Fokus rücken möchte. Weltweit. In Selm nutzten Frauen den Wochenmarkt, um zu informieren und allgemein Hilfsangebote vorzustellen.

Beerdigung eines Opfers sensibilisierte Pfarrerin Antje Wischmeyer

„In meiner täglichen Arbeit bekomme ich nicht viel davon mit, dass Selmer Frauen besonders von häuslicher Gewalt betroffen sind“, erklärt Pfarrerin Antje Wischmeyer, doch sie hält das Thema für zu wichtig, um es rein als „Prophylaxe“ abzustempeln. Aus gutem Grund.

„Vor weit über 20 Jahren musste ich einmal eine Frau beerdigen, die im Schlafzimmer von ihrem Lebensgefährten erstochen worden war. Die beiden kleinen Kinder lagen mit im Ehebett“, erinnert sich Antje Wischmeyer mit Grauen an das damalige Geschehen. Das ist zwar nicht in Selm passiert, aber sensibilisiert wurde Antje Wischmeyer durch diese Erfahrung doch. „Es ist furchtbar, dass es so etwas gibt. Man guckt nun schon genauer hin, wie Menschen miteinander umgehen und ob es eventuelle Anzeichen gibt“, sagt die Pfarrerin.

Gewalt gegen Frauen: Selmer Pfarrerin Antje Wischmeyer musste ein Opfer beerdigen

Pfarrerin Antje Wischmeyer musste vor Jahren ein Gewaltopfer beerdigen. Das sensibilisierte sie für das Thema. © Foto: Marie Rademacher

Ein weit verbreitetes Problem

Eine Studie der Europäischen Union zeigt: In Deutschland ist jede dritte Frau von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen. Rund 25 Prozent aller Frauen erleben Gewalt in ihrer Partnerschaft. Mehr als die Hälfte der Frauen wurde mindestens einmal im Leben sexuell belästigt. Doch nur 20 Prozent dieser Frauen nutzen bestehende Beratungseinrichtungen.

Kostenlose Beratung rund um die Uhr

Betroffene können sich im Kreis Unna an die Frauenberatungsstelle des Frauenforums unter der Telefonnummer (02303) 82202 wenden. Oder rund um die Uhr das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ anrufen. Diese Einrichtung des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ist unter Tel. (08000) 116 016 erreichbar. Unter hilfetelefon.de gibt es eine Online-Beratung per Email oder Chat. Anonym, kostenlos, barrierefrei, in 17 Sprachen, auch in leichter oder Gebärdensprache. Nutzen können die Angebote nicht nur selbst Betroffene, sondern auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte. Auch sie werden anonym und kostenfrei beraten.

Hilfe muss erwünscht sein

Pfarrerin Antje Wischmeyer kennt jedoch ein gravierendes Problem: Betroffene Frauen müssen bereit sein, Hilfe einzufordern oder auch anzunehmen. „Wir können nur reagieren, wenn die Menschen auch auf uns zukommen. Doch die meisten sind verschwiegen und halten die Dinge unter einer Decke. Das macht es schwierig.“ Zwar versuche sie in Verdachtsmomenten, sich behutsam voranzutasten und nachzufragen. „Aber ich muss es dann hinnehmen, wenn die Ausreden kommen, dass man hingefallen sei, schnell blaue Flecken bekäme oder was den Leuten dann immer so einfällt.“

Gedanken an die Not dahinter

Unzufrieden mache sie das nicht. „Ich werde eher traurig, wenn ich daran denke, welche Not dahinter stecken muss“, sagt Antje Wischmeyer. Denn diese Frauen könnten sich nicht nur nicht körperlich wehren, oft wären es auch wirtschaftliche Abhängigkeiten, die dazu führten, dass die Frauen blieben. „Und das macht mich traurig.“

Selmer Frauen zeigen Solidarität

Gewalt an Frauen ist keine Lappalie, da waren sich die Frauen am Infostand einig. Friederike Konik von der ASF Selm wies zudem auf digitale Gewalt gegen Frauen als eine eher neue Ausformung von Gewalt hin. Frauen, so Ursula Stemberg von der kfd Bork, müssten lauter werden, um Gehör für das immer noch so brisante wie aktuelle Thema zu bekommen.

Wie dringlich diese Informationen sind, hat Petra Bröscher, seit April Teil des Gleichstellungsbüros der Stadt Selm, feststellen können. Ein in der Damentoilette des Bürgerhauses aufgehängtes Plakat mit abreißbarer Telefonnummer des Hilfetelefons hatte innerhalb von vier Tagen sichtbaren Erfolg: Einige Zettel wurden abgerissen. Darüber hinaus bietet das Gleichstellungsbüro donnerstags von 16 bis 17 Uhr eine Offene Sprechstunden an. Persönliche Termine können unabhängig davon unter Tel. (02592) 922816 verabredet werden.

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