Haft für Menschenhändler gefordert: Opfer durchliefen „Glücksspiel auf Leben und Tod“

hz„Voodoo-Prozess“

Monatelang sollen Nigerianerinnen mit „Voodoo-Flüchen“ belegt und zur Prostitution gezwungen worden sein – auch in Selm, Castrop-Rauxel und Dortmund. Welche Strafe ist da angemessen?

Selm

, 20.09.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nach mehr als 21-monatiger Verhandlungsdauer haben am Freitag im „Voodoo-Prozess“ um Menschenhandel und Ausbeutung von nigerianischen Frauen in Rotlicht-Clubs in Selm, Castrop-Rauxel und Dortmund die Schlussvorträge begonnen. Die Staatsanwaltschaft forderte am Bochumer Landgericht für die drei Hauptangeklagten empfindliche Strafen.

Neun Jahre, sechs Jahre und neun Monate sowie drei Jahre und neun Monate Haft. Für Staatsanwalt Klaus-Peter Kollmann haben sich nahezu alle Anschuldigungen, die in dem seit dem 13. Dezember 2017 laufenden Verfahren erhoben und bislang an 82 Verhandlungstagen geprüft worden sind, nachweisen lassen. Einerseits durch die Teilgeständnisse der Angeklagten, andererseits durch Zeugen und abgehörte Telefonate.

„Rücksichtsloses Gewinnstreben“

In seinem Plädoyer zeichnete der Staatsanwalt noch einmal detailliert die kriminellen Machenschaften der Gruppe um den Angeklagten (34), dessen Ehefrau (genannt „Madame“) und den jüngeren Bruder (28) nach. Aus „rücksichtslosem Gewinnstreben“ habe das aus Nigeria stammende Ehepaar ab 2015 in Serie überwiegend noch minderjährige Frauen aus ihrem Heimatland mit falschen Job-Versprechungen angeworben, durch einen Voodoo-Fluch belegt, illegal ins Ruhrgebiet eingeschleust und später hier zum Anschaffen geschickt. Zu den betroffenen Etablissements, in denen die Nigerianerinnen der Prostitution nachgingen, gehörten neben vier Rotlicht-Clubs in Dortmund auch zwei in Selm und Castrop-Rauxel.

„Glücksspiel auf Leben und Tod“

Die Fluchtbedingungen für die Frauen, insbesondere die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer auf hoffnungslos überfüllten Schlauchbooten, nannte Staatsanwalt Klaus-Peter Kollmann ein „Glücksspiel auf Leben und Tod“. Fast immer hätten die Frauen auch erst in Deutschland erfahren, dass sie die 25.000 Euro Schleuserkosten durch Prostitution abarbeiten mussten. „Einige hatten die Hoffnung auf einen Schulabschluss, andere wollten als Putzfrau oder Kellnerin arbeiten, um ihre Familien in der Heimat mit zu unterstützen“, so der Staatsanwalt.

Verfluchte Frauen fühlten sich zu Gehorsam verpflichtet

Durch den in Nigeria abgelegten Voodoo-Schwur, ein spirituelles Ritual vor einem so genannten Juju-Priester, hätten sich die Frauen aber „ausgeliefert, verängstigt und zu Gehorsam verpflichtet gefühlt“, so dass sie laut Staatsanwalt schließlich keinen anderen Ausweg gesehen hätten, als sich zu prostituieren. „Sie waren zwar nicht der brutale Zuhälter, aber sie haben die jungen Frauen wie Leibeigene behandelt, sie regelrecht ausgepresst“, sagte der Ankläger an die Adresse des Hauptangeklagten. Voraussichtlicher Urteilstermin: 27. September.

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