Menschen über 80 sollen auch von Selm aus nach Unna ins zuständige Impfzentrum fahren. Eine Selmerin setzt sich jetzt per Brief an NRW-Gesundheitsminister Laumann dafür ein, dass Hausärzte das Impfen übernehmen sollen. © Udo Hennes
Impfung von Menschen über 80

Hausarzt-Impfvorstoß: NRW-Gesundheitsminister bekommt Post aus Selm

Der Vorstoß, dass Hausärzte in Selm Menschen über 80, die nicht mobil sind, in den Praxen impfen sollen, zieht Kreise. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann bekommt Post aus Selm.

Menschen über 80, die nicht in Alten- und Pflegeheimen wohnen, sollen zur Corona-Schutzimpfung zum Impfzentrum nach Unna fahren. Der Borker Hausarzt Matthias Schröder hat vorgeschlagen, dass die Hausärzte die betroffenen Selmer impfen sollen. Und zwar in den Praxen. Das NRW-Gesundheitsministerium hatte das abgelehnt. Minister Karl-Josef Laumann bekommt nun Post. Von einer Selmerin, die klar Position bezieht und den Minister zum Handeln auffordert.

Gerda Bauhaus hat lange überlegt, ehe sie sich an den Schreibtisch setzte und ein Schreiben aufsetzte. Adressaten: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und der Landrat des Kreises Unna, Mario Löhr. Die Borkerin möchte nichts unversucht lassen, damit Hausärzte bald Menschen impfen können, die über 80, sind und die nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen nach Unna fahren könnten.

Organisation katastrophal

Ihr Schreiben beginnt so: „Mal abgesehen von den Lieferschwierigkeiten des Impfstoffs (Versagen Bund) ist die Organisation der Impfkampagne katastrophal bzw. hochgradig verantwortungslos. Im größten Lockdown soll sich die ,meist gefährdete‘ Personengruppe aus den ländlichen Gebieten ins Impfzentrum nach Unna begeben? Wie?“

Die Antworten auf das „Wie?“ gibt Gerda Bauhaus in Form von rhetorischen Fragen:

  • Menschen, die kaum über Internet verfügen, sollen Termine vereinbaren?
  • die Hotline, die überall maßlos überfordert ist, anrufen?
  • mit dem eigenen Pkw nach Unna fahren? – Wie viel Prozent der 80 bis 100-Jährigen können das noch, mit öffentlichen Verkehrsmittel nach Unna fahren?
  • die Nachbarn bitten?
  • Kinder und Verwandte bitten, sie nach Unna zu fahren?

Dieser Frageliste stellt sie Passagen der Corona-Schutzverordnung gegenüber: „,Ihre Corona-Schutzverordnung‘ besagt: Öffentliche Verkehrsmittel meiden – das gilt beim Impfzentrum Unna nicht? Kontakte mit nur einer Person pro Haushalt.“

Weiter heißt es im Schreiben von Gerda Bauhaus: „Wie schizophren ist das denn? Die Menschen sollen auf den nächsten Impfstoff warten, der ohne große Kühlung geimpft werden kann? Gleichzeitig appellieren Sie in jeder Talkshow an die Impfbereitschaft und sind vom Erfolg schon jetzt überzeugt? Das Argument – Haltbarkeit Impfstoff (Kühlung) zählt nicht. Jeder weiß mittlerweile, dass Impfteams die Altenheime besucht haben. Warum können diese Teams nicht super organisierte Hausarzt-Praxen besuchen?“

Vorschlag: Hallen in Selm nutzen

Gerda Bauhaus macht Minister Laumann auf den Vorschlag des Borker Hausarztes Matthias Schröder aufmerksam. Der hatte vorgeschlagen, dass Hausarztpraxen die Menschen über 80 impfen sollen. Gerda Bauhaus macht einen weiteren konkreten Vorschlag: „Es stehen momentan auch genügend Hallen durch den Lockdown zur Verfügung, in denen Hausärzte impfen könnten. In Selm auch das Bürgerhaus. Dort könnten die Hausärzte ihre Patienten (deren Krankheitsbilder sie kennen) durchgehend impfen.“

Sehr persönlich richtet sich die Borkerin am Ende des Schreibens an Laumann und Löhr: „Sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrter Herr Landrat: Wenn Sie auch nur ein ,geringes Fünkchen‘ an der Gesundheit der Ü-80 Menschen interessiert sind, dann handeln und entscheiden Sie schnell im Sinne der Ü-80 Impfbereiten. Wie weit sind die Politiker bzw. die politisch Verantwortlichen von der Realität entfernt, in dem Sie auch für die ländlichen Bereiche auf den Besuch des Impfzentrum bestehen? Oder ist es ein politisches Entscheidungsdenken um jeden Preis? Ich hoffe auf eine große Initiative, die weiterhin für die Verabreichung des Impfstoffs durch die Hausärzte kämpft und auf Politiker, die ihre Verantwortung ernst nehmen!“

Dieses Schreiben hat die 69-Jährige der Redaktion zur Verfügung gestellt. Wir haben Gerda Bauhaus ergänzend dazu Fragen gestellt. Zum Beispiel: „Sie haben neben dem Minister auch den Landrat kontaktiert. Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass Antworten (von beiden oder einem von beiden) kommen?“ Antwort von Gerda Bauhaus: „Ja, das ist die ,Gretchen-Frage‘, vielleicht kommt eine Standardantwort der Pressesprecher?“ Sie glaube jedoch realistisch nicht daran, eine Antwort zu bekommen. „Fehler eingestehen, getroffene Entscheidungen revidieren, können oder tun das Politiker?“

Zig Verwandte können nicht nach Unna fahren

Auf die Frage, ob sie Verwandte, Freunde und/oder Bekannte über 80 habe, die von einer Impfung beim Hausarzt profitieren könnten, erklärt Gerda Bauhaus: „Ja, ich habe zig Verwandte (Geschwister meines Mannes und deren Partner), die alle nicht nach Unna fahren können. Auch genügend Bekannte aus Vereinen, die ebenfalls betroffen sind. Ich bin noch nicht betroffen, da ich noch einige Jahre von der Altersgrenze 80 entfernt bin.

Ihr Mann, der 80 ist, habe gerade das Schreiben erhalten, das ihm nahelegt, einen Termin beim Impfzentrum in Unna zu vereinbaren. Und? Wird er einen Termin in Unna vereinbaren? „Er wird das überlegen und besprechen“, erklärt die Borkerin. Mit wem wird ihr Mann denn besprechen, wie es weiter geht? Klare Antwort von Gerda Bauhaus: „Mit unserem Hausarzt.“

Über den Autor
Redaktion Selm
Ich finde meine Themen auf der Straße und bin deshalb gerne unterwegs.
Zur Autorenseite
Avatar
Lesen Sie jetzt