Symbolbild: Von Demenz betroffene Personen verlangen Pflegekräften und Angehörigen oft einiges ab. © picture alliance/dpa
Pflege

Immer mehr Menschen in Selm leiden an Demenz: Der Umgang ist schwierig

Die Zahlen der an Demenz erkrankten Personen steigen an. Eine Entwicklung, die Pflegekräfte aber auch Angehörige in Selm vor Herausforderungen stellt.

20 Prozent wiesen demenzielle Veränderungen auf, als er angefangen habe. Das war vor 18 Jahren. Nun hätten um die 80 Prozent der Bewohner mit Demenz oder Anzeichen von Demenz zu kämpfen, sagt der Leiter eines Dortmunder Seniorenheims, der in Rente gegangen ist. Eine Entwicklung, die ein Selmer Experte bestätigen kann – ohne aber die genannten Zahlen kommentieren zu wollen.

„Generell teilen wir die Beobachtung, dass demenzielle Veränderungen mehr Menschen betrifft. Auch bei uns“, sagt Raphael Lisci, Einrichtungsleiter des Altenwohnhauses St. Josef in Selm. Konkrete Zahlen könne er nicht nennen, darüber werde kein Buch geführt. Aber der steigende Anteil sorge für eine Veränderung in der Arbeit, in dem Umgang mit den betroffenen Menschen.

„Es gibt Bewohner, die motorisch nicht mehr in der Lage sind, Nahrung zu sich zu nehmen. Sie sind in solchen Situationen schnell überfordert“, sagt Lisci. Es gebe aber auch Personen, die motorisch noch ihren Alltag bewältigen können – ihre Partner, Kinder und Enkelkinder aber nicht mehr erkennen. „Besonders für die Angehörigen ist das eine schwere Situation“, sagt der Einrichtungsleiter.

Eine Situation, die in Zukunft öfter auftreten wird, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit einer Studie herausfand. Sie schätzt, dass 2030 rund 40 Prozent mehr Menschen weltweit mit Demenz leben als heute. 2019 waren 55 Millionen Menschen weltweit betroffen. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben zurzeit 1,6 Millionen Deutsche mit Demenz. Bis 2050 rechnen sie mit einem Anstieg auf 2,4 bis 2,8 Millionen.

Raphael Lisci ist Einrichtungsleiter des St. Josef-Altenwohnheims in Selm.
Raphael Lisci ist Einrichtungsleiter des St. Josef-Altenwohnheims in Selm. © Heidi Tripp © Heidi Tripp

Wer selbst eine demente Person in seinem näheren Umfeld hat, weiß, wie schwierig der Umgang mit der betroffenen Person sein kann. Wie schwierig es sein kann, wenn der geliebte Opa oder die Lieblingsoma einen nicht mehr erkennen und sich nicht mehr alleine waschen können. Der richtige Umgang mit diesen Personen ist schwierig.

„In der Pflege braucht man viel Geduld, Empathie und Ausgeglichenheit“, sagt Lisci. Die übertrage sich auf die Betroffenen. Als Beispiel nennt er jemanden, der sich nicht mehr um acht Uhr morgens rasieren möchte. „Dann macht es keinen Sinn, ihn zu zwingen.“ Vielmehr sollte man warten – „und wenn er sich dann auf einmal um zwei Uhr morgens rasieren möchten, macht das die Pflegekraft“.

Es gehe darum, demente Personen ihre Bedürfnisse selbst bestimmen zu lassen. Ihnen ein maximales Maß Freiheit zuzugestehen.

Ein Umgang mit der Krankheit, den auch die Leiterin des Alloheim-Seniorenheims in Selm, Svetlana Schmidtke, teilt. „Wichtig ist, individuell auf den jeweiligen Menschen und seine Bedürfnisse einzugehen“, sagt sie. „Den einen Demenzkranken“ gebe es nicht. Betroffene dürften auch nicht isoliert werden, nur weil sie Personen nicht wiedererkennen. Vielmehr müssten sie in die Gemeinschaft integriert werden.

Svetlana Schmidtke ist Leiterin der Alloheim-Seniorenresidenz in Selm.
Svetlana Schmidtke ist Leiterin der Alloheim-Seniorenresidenz in Selm. © Angela Wiese © Angela Wiese

Wichtig sei zudem, dass Angehörige und Pflegekräfte die Krankheit verstehen, sagt Lisci. Tun sie das nicht, könne es zum Gefühl kommen, ihr Angehöriger werde nicht richtig betreut. „Das stimmt nicht“, so Lisci. „Wir wollen den Menschen aber da abholen, wo er sich lässt.“ Das sieht auch Schmidtke so: „Entscheidend ist, den Betroffenen auf der Zeitebene zu begegnen, in der sie sich gerade befinden, und dabei individuell auf ihre Fähigkeiten und ihre Biografie einzugehen.“

Die Krankheit verstehen. Etwas, das auch das Personal in den Selmer Pflegeeinrichtungen immer öfter wünsche, sagt Lisci. „Der Wunsch ist gegeben, up-to-date zu bleiben“, erklärt er. Warum? Weil es immer mehr Fälle gibt. Denn die Menschen werden älter. Das ist laut WHO und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft der Grund für den Anstieg der Fälle. Es kommen mehr Menschen dazu, als mit der Krankheit sterben. Eine Entwicklung, die in sich positiv ist, auf die sich die Gesellschaft aber einstellen muss.

Der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz

  • Demenz und Alzheimer sind nicht dasselbe.
  • Unter Demenz versteht man ein Muster von Symptomen, das viele verschiedene Ursachen haben kann. Eine Demenz führt dazu, dass sich verschiedene geistige Fähigkeiten im Vergleich zum früheren Zustand verschlechtern.
  • Die Alzheimer-Krankheit ist eine unheilbare Störung des Gehirns. Durch das Absterben von Nervenzellen im Gehirn werden Menschen mit Alzheimer zunehmend vergesslich, verwirrt und orientierungslos. Sie ist die häufigste Ursache für eine Demenz.
  • Damit ist Alzheimer immer Demenz, aber Demenz nicht immer Alzheimer.
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