Kann Selm eine Gesamtschule und eine Sekundarschule verkraften? Thomas Orlowskis Vorstoß zur Gründung einer Gesamtschule findet geteiltes Echo. Das hallt zum Teil schon seit Jahrzehnten.

Selm

, 05.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Da hat Thomas Orlowski eine spannende Diskussion angezettelt. Für viele überraschend, hat der Bürgermeisterkandidat der SPD angekündigt, sich für die Gründung einer Gesamtschule stark zu machen. Würde er in der Selmer Politik für dieses Anliegen eine Mehrheit zusammenbekommen?

Lipke: Alter Antrag wurde aufgegriffen

Das sagt Maria Lipke, UWG-Fraktionschefin: „Wir freuen uns, wenn unsere alten Anträge aufgegriffen werden.“ Die Idee der Gesamtschule für Selm sei so alt wie die UWG. Die UWG Selm wurde 1984 gegründet. „Wir haben von Anfang an dafür gekämpft.“ In der Diskussion um die Gründung des Gymnasiums sei die UWG immer für eine Gesamtschule gewesen. „Wir haben uns dann den Mehrheiten gebeugt.“ Was ist denn der Vorteil einer Gesamtschule? Maria Lipke: „Viele Selmer Schülern pendeln zu den Gesamtschulen in Olfen und Nordkirchen. Die könnten in Selm bleiben.“

Bliebe nicht die Selma-Lagerlöf-Sekundarschule auf der Strecke, wenn es eine Gesamtschule gebe? „Nein“, sagt Maria Lipke, „die beiden Schulformen Sekundarschule und Gesamtschule könnten gut nebeneinander existieren.“ Gleichwohl gelte grundsätzlich: „Anstelle der Sekundarschule hätte man in Selm eine Gesamtschule gründen müssen.“ Das sei aber nicht von der Landesregierung gefördert worden. „Ich habe damals aber gegen die Sekundarschule gestimmt.“

Jetzt lesen

Küpper: Sekundarschule mit Oberstufe?

Marion Küpper (Bündnis 90/Die Grünen) erklärt gegenüber der Redaktion: „Die Frage ist doch, was Thomas Orlowski will. Will er eine Sekundarschule mit Oberstufe oder will er eine Gesamtschule, die dann mit der Sekundarschule konkurriert?“ Die Landesregierung sieht in der 2014 gegründeten Sekundarschule keine Oberstufe vor.

Sell: Selm zu klein für Sekundar- und Gesamtschule

Werner Sell (Fraktion Wir für Selm) steht auf der Seite der Gesamtschul-Befürworter: „Ich war vom Vorstoß von Thomas Orlowski überrascht. Das Thema hatten wir ja lange nicht mehr auf der Tagesordnung. Ich war und bin ein Befürworter der Gesamtschule. Wenn es möglich wäre, eine Gesamtschule anstelle der Sekundarschule zu gründen, fände ich das gut.“ Sähe er eine Möglichkeit, beide Schulformen – eine Sekundarschule und eine Gesamtschule – in Selm zu etablieren? Sells Antwort ist eindeutig: „Nein, entweder, oder. Selm ist für beide Schulformen zu klein.“

Umfrage

Braucht Selm eine Gesamtschule?

6 abgegebene Stimmen

Mengelkamp: Gesamtschulangebot nicht förderlich

Herbert Mengelkamp, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion, gibt zu, ebenfalls überrascht gewesen zu sein, „dass Herr Orlowski die Gründung einer Gesamtschule im Programm hat. Ohne dass ich mich innerhalb der Fraktion abgestimmt habe: Ich kenne die schulpolitische Landschaft Selms. Sowohl das Gymnasium als auch die Sekundarschule sind in jedem Jahr bemüht, die notwendigen Schülerzahlen an den Start zu bringen, um auch die notwendigen Züge zu eröffnen.“

Auch unter Berücksichtigung der demographischen Entwicklung wäre ein Gesamtschulangebot nicht förderlich, führt Mengelkamp aus. „Sowohl die Verwaltung als auch der Rat müssen bestrebt sein, die Attraktivität der bestehenden Schulformen zu erhöhen, sodass die Sekundarschule und das Gymnasium allen Familien alle Möglichkeiten bieten, die man braucht.“

Jetzt lesen

Löhr: Schülerzahlen für Gesamtschule damals zu gering

Die Diskussion um die Gesamtschule ist nicht neu. Bevor die Selma-Lagerlöf-Sekundarschule als neue Schulform für Selm 2014 auf die Karte der Selmer Schullandschaft kam, hatte es einen langen auch öffentlichen Diskussionsprozess gegeben, welche Schulform angesichts sinkender Schülerzahlen vor allem der Hauptschule Bork denn für Selm am geeignetesten sei. Im Interview mit den Ruhr Nachrichten im Jahr 2016 hatte sich Bürgermeister Mario Löhr so an den Prozess erinnert: „Ich hätte gerne weiterhin eine Realschule und auch eine gute Hauptschule gehabt. Die Schülerzahlen gingen im Bereich der Hauptschule aber immer weiter runter, trotzdem wollten wir allen Selmer Kindern eine Schulform anbieten.

Das konnte ich mit der Realschule so nicht, da hat der Gesetzgeber gesagt: Geht nicht. Und da mussten wir überlegen: Will man eine Gesamtschule haben oder nimmt man die neue Form der Sekundarschule? Eine Gesamtschule wäre aus unserer Sicht nicht möglich gewesen, denn wir haben das Gymnasium.“ Auf den RN-Einwand, dass es mit einer Gesamtschule und dem Gymnasium gleich zwei Oberstufen gegeben hätte, sagte Löhr unter anderem: „Dafür hätten wir aber die Schülerzahlen nicht gehabt. Das Städtische Gymnasium war gesetzt und das bleibt auch so. Mit der Sekundarschule hatten wir dann die Möglichkeit einer Kooperation. Ich glaube, für die nächsten Jahre sind wir damit gut aufgestellt.“

Ganz aktuell hat Beigeordnete Sylvia Engemann jüngst gegenüber der Redaktion ihre Einschätzung abgegeben, ob eine Gesamtschule für Selm notwendig wäre: „Aus meiner Sicht haben wir mit dem Gymnasium und der Sekundarschule in Selm ein schulisches Angebot, was den Bedarfen von Eltern und Schülerinnen und Schülern weitgehend entspricht.“

Anmeldezahlen gestiegen Mit 180 angemeldeten Schülern haben die beiden weiterführenden Schulen Gymnasium und Sekundarschule zum aktuellen Schuljahr 18 Anmeldungen mehr bekommen als im Schuljahr zuvor. Am Gymnasium wurden zum aktuellen Schuljahr 89 Schüler angemeldet. 2018 waren es 70. Die Sekundarschule begrüßte zum aktuellen Schuljahr 91 neue Schüler. 2018 waren es 92.
Lesen Sie jetzt