Geschichten über das Kriegsende sind selten Liebesgeschichten. Diese hier ist eine - auch wenn ihr junger Held, Otto Tumbrink aus Selm, den 8. Mai 1945 gar nicht mehr erlebt hat.

Selm

, 07.05.2020, 20:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Brief ist ein Versprechen. Dass alles gut werde. Dass eine gemeinsame Zukunft vor ihnen liege. Dass sie sich schon bald wiedersehen würden: Er, der gerade 21-jährige Soldat Otto. Sie, seine Verlobte Freeke. Und ihr gerate geborenes Töchterchen Elli. Einmal müsse dieser Tag doch kommen, versichern Ottos fröhlich geschwungene Buchstaben aus blauer Tinte auf liniertem Papier: „Und ich glaube, er ist nicht mehr weit“. Ein tragischer Irrtum.

Letzte Grüße vom „Schatz“ drei Monate vor Kriegsende

Der Brief datiert vom 8. Februar 1945 - drei Monate vor Kriegsende. Wann Ottos Zeilen seine „liebe kleine Frau“ in Selm erreicht haben, ist nicht gewiss. Fest steht aber: Es bleiben die letzten Grüße ihres „immer an dich denkenden, dich heiß liebenden und ewig treu bleibenden Schatzes“. Der in den Niederlanden stationierte Otto stirbt - nicht etwa bei der blutigen Verteidigung der sogenannten Festung Holland Ende April, sondern bereits wenige Tage zuvor: bei der Verteidigung der Menschlichkeit.

Was damals geschehen ist, weiß Mathias Peter. Der Selmer ist zwar erst 35 Jahre alt, aber bestens vertraut mit Otto Tumbrinks kurzem Leben. „Mein Opa hat bis zu seinem Tod 2014 immer wieder über seinen Bruder gesprochen.“ Von Klein auf kennt Peter die Geschichte des jungen Soldaten, der nie Frau und Kind wiedersehen sollte, weil er ein anderes Kind retten wollte: eine Geschichte, die auch die niederländische Tageszeitung „Dagblad Noorden“ am 18. April 2020 veröffentlicht hat - genau 75 Jahre nach Otto Tumbrinks Tod.

Am Atlantikwall dauert der Krieg noch länger als in Selm

Die Ereignisse überschlagen sich im April 1945. Von Osten rückt die Rote Armee an, von Westen setzen die Westalliierten ihren Vormarsch auf die Zentren Deutschlands fort.

Ein Ausschnitt aus Otto Tumbrinks letztem Brief an seine Verlobte.

Ein Ausschnitt aus Otto Tumbrinks letztem Brief an seine Verlobte.

Seit dem 1. April ist das Ruhrgebiet eingekesselt. US-Truppen hatten es aus Richtung Niederrhein und aus Richtung Sauerland in die Zange genommen. Werne, Selm, Olfen und Nordkirchen waren schon am 30. und 31. März eingenommen worden. Lünen kurz danach. Um Dortmund einzunehmen, brauchen US-Truppen vom 6. bis zum 13. April 1945. Am Ende ist die Stadt befreit, liegt aber in Trümmern - genauso wie drei Tage später das niederländische Groningen.

Otto Tumbrink erlebt das letzte Gefecht nicht mehr

Otto Tumbrink muss die Bomben fallen gehört und den Qualm aufsteigen gesehen haben aus der mittelalterlichen Stadt. Nur 35 Kilometer nordöstlich von Groningen ist er stationiert in Delfzijl: an der Mündung der Ems in die Nordsee. Seitdem er mit 17 Jahren zur Wehrmacht kam, bewacht er einen Teil des Atlantikwalls: Hitlers mit Geschützbunkern und Flak-Batterien bewehrtes Bollwerk entlang der Küsten der besetzten Gebiete.

Das Gebäude der Reichsuniversität Groningen gehört zu den wenigen Gebäuden die das Kriegesendee überstanden haben in der Stadt.

Das Gebäude der Reichsuniversität Groningen gehört zu den wenigen Gebäuden die das Kriegesendee überstanden haben in der Stadt. © picture alliance/dpa

Die Kanadier werden auch in den kleinen, hochgerüsteten Küstenort Delfzijl kommen. Die deutschen Verteidiger werden sich zwei Wochen lang mit ihnen blutige Gefechte liefern. Sie werden Granaten, Mörser und Phosphorbomben regnen lassen - nicht nur auf die Alliierten, sondern auch auf die Bauernhöfe ringsum. Otto Tumbrink wird das nicht mehr erleben.

Kinder spielen Fußball auf dem Deich

Der 18. April lässt für einen Moment den Krieg vergessen. Kinder spielen Fußball auf dem Deich - gleich neben der Stellung der Flugabwehrkanonen. Der Obergefreite aus Selm schaut zu. Vermutlich denkt er an sein eigenes Kind. Oder an seinen jüngeren Bruder in Selm. Laute Rufe reißen ihn aus diesen Gedanken. Der Ball ist über den Stacheldraht geflogen.

Wenn Mathias Peters Opa später die Geschichte erzählt, wird er immer wieder darauf hinweisen, welch ein Glück es damals für ein Kind gewesen sei, einen Ball zu besitzen. Und welch eine Katastrophe, ihn zu verlieren. Das muss man wissen, um zu verstehen, was Meindert Hollander (15) tut. Und was später Augenzeugen - die Kinder und andere Soldaten - beschreiben werden.

„Beweg dich nicht, ich hole dich“

Meindert weiß, dass der Ball jetzt auf vermintem Gelände liegt. Aber direkt hinter dem Zaun, meint er, dürfte doch noch keine Gefahr sein. Der Junge geht los. Otto Tumbrink schreit: Bleib stehen. Sofort - stop onmiddellijk! Aber Meindert ist schon auf der anderen Seite. War doch gar nicht schwer. Wieder schreit Otto: Keinen Zentimeter weiter. Alles ist vermint. Überall. Er wisse, wo. In diesem Moment muss der Junge begreifen, welch eine entsetzliche Dummheit er begangen hat. Er ist plötzlich leichenblass. Und weint. „Beweg‘ dich nicht. Ich hole dich“, ruft Otto. Jetzt sind es die andere Soldaten, die laut schreien.

Zwei Lastschiffe durchqueren den Dollart zwischen dem ostfriesischen Emden und dem niederländischen Delfzijl: eine strategisch besondere Lage im Zweiten Weltkrieg

Zwei Lastschiffe durchqueren den Dollart zwischen dem ostfriesischen Emden und dem niederländischen Delfzijl: eine strategisch besondere Lage im Zweiten Weltkrieg © picture alliance / dpa

Der Selmer lässt sich nicht aufhalten. Er könne nicht mit ansehen, wie ein Kind vor seinen Augen von einer Mine zerrissen werde, sagt er. Und: Er wisse, wo er hintreten darf und wohin nicht. Das habe auch gestimmt, sagen später die Zeugen. Bis auf zwei, drei Meter habe Otto sich dem inzwischen vor Panik schlotternden Meindert genähert. Da habe es der Junge nicht mehr ausgehalten und sei dem Retter entgegen gestürzt - ihr gemeinsames Ende.

Die offizielle Nachricht über Ottos Tod erreicht die Tumbrinks erst am 20. August 1951: eine „Sterbefallanzeige“ auf einem beglaubigten Formblatt, verbunden mit Beileidswünschen „zum schweren Verlust“.

Baby kommt in Selm-Beifang zur Welt

Bei Kriegsende wird es noch Hoffnung gegeben haben. Freeke Scheeres wird täglich Ausschau halten nach ihrem Otto. Sie wird die Tage zählen, bis sie „den Papierkram erledigen“, wie er geschrieben hat und sie dann offiziell seine Frau sein wird. Und sie sich ein eigenes Zuhause aufbauen. Noch wohnt sie in der Buchenstraße in Selm-Beifang bei Ottos Eltern. Da hatte sie auch die kleine Elli zur Welt gebracht. Das sei sicherer, hatte Otto gemeint. Beide wissen: Frauen, die ein Verhältnis mit Wehrmachtssoldaten haben, sind nicht gut angesehen in ihren Heimatländern.

Als Moffenmeiden werden sie in den Niederlanden beschimpft. Manche belassen es nicht bei fiesen Sprüchen, sondern jagen die Frauen durch die Straßen und scheren ihnen den Kopf. Erst werden sie laut diffamiert, später still ausgegrenzt: ein Leben im gesellschaftlichen Abseits. Mindestens 50.000 Wehrmachtskinder müssen so in den Niederlanden aufwachsen. In Norwegen, Dänemark, Belgien und Frankreich ergeht es ihnen nicht anders. Ein Schicksal, dass Freeke und der kleinen Elli erspart bleiben soll.

Was ist aus Elli geworden?

„Die beiden gehörten dazu“, sagt Mathias Peter. So habe sein Opa das immer erzählt. Die Eltern hätten Ottos Verlobte herzlich aufgenommen. Lange geblieben ist Freeke trotzdem nicht. Sie zog zurück nach Nordholland: dahin, wo Otto zwar als Besatzer galt, aber auch als tragisch gescheiterter Lebensretter. Freeke heiratete, bekam zwei weitere Kinder und hielt Kontakt mit Selm, so lange sie lebte. Und Elli, das Baby, das Otto Tumbrink nie in die Armee schließen konnte und das heute 75 Jahre alt sein müsste?

„Ich weiß nicht, ob sie noch lebt“, sagt Mathias Peter. Und ob sie die Liebesgeschichte ihrer Eltern kennt und weitergegeben hat. Der 35-Jährige hat längst Kontakt aufgenommen: zum Dagblad, das über seinen Großonkel berichtet hat und zum Leiter des Kriegsmuseums in Middelstum in der Provinz Groningen. Dabei hilft es ihm, dass er fließend Niederländisch spricht.

Sechs Jahre in den Niederlanden: eine wunderbare Zeit

Ausgerechnet Holland, habe der Opa gesagt, als er ihm 2008 eröffnete, in den Niederlanden arbeiten zu wollen. Mathias Peter lächelt, als er das erzählt. Sechs Jahre blieb er: eine wunderbare Zeit, wie er sagt. Vorbehalte gegenüber einem Nachfahren der einstigen Besatzer habe er selbst nie erlebt. Und wenn er doch einmal davon hörte, erzählte er eine besondere Geschichte über das Kriegsende: eine traurige Liebesgeschichte.

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