Ashwin Raman berichtet seit 45 Jahren über die Krisenherde dieser Welt: Afghanistan, Syrien, Irak, Somalia. Das neueste Projekt des renommierten TV-Journalisten: ein Film über Selm.

Selm

, 10.11.2020, 21:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ashwin Raman geht dorthin, wo sonst keiner hin will: an die vorderste Front. Egal, ob in Afrika oder im Mittleren Osten. Was der Selmer dort sucht, sind nicht die Lebensgefahr und der Kick des Extremen, sondern es sind die Menschen: die Männer und Frauen, manchmal auch Kinder, die im Krieg leben müssen. Und die ihn vielleicht nicht überleben werden. Von ihnen berichtet der Mann, der sich international einen Namen gemacht hat als Kriegsreporter. Dabei ist er vor allem eines: Anti-Kriegsreporter. So bezeichnet ihn auch Gudrun Kirfel in ihrer Reportage, die am Mittwoch (11.11.) um 23.20 Uhr im Medienmagazin Zapp im NDR zu sehen sein wird.

Gudrun Kirfel ist nur eine von mehreren Journalisten, die sich in den vergangenen Wochen auf den Weg nach Selm gemacht haben. Ob aus Frankfurt, Hamburg, Mainz oder Berlin - Journalisten aus dem ganzen Land strömen zu Ashwin Raman. Der gebürtige Inder, der die Konflikte dieser Welt packend und berührend in die Wohnzimmer Deutschlands und Europas getragen hat, steht jetzt selbst vor der Kamera. Das hat vor allem damit zu tun, dass er zuhause genauso ist wie auf den Schlachtfeldern: kritisch, direkt und unangepasst. Raman weist auf Missstände hin - auch in seiner eigenen Branche. Und auch vor der eigenen Haustür.

Porno und unsagbare Gräuel: Was Sender nicht senden wollten

Auslandsberichterstattung sei immer ein Stiefkind der Medien gewesen, sagt er. Wenn es nicht gerade um den Lautsprecher Trump gehe, um Brexit oder Fußball, blickten auch die öffentlich-rechtlichen Sender nur selten und flüchtig ins Ausland. Und wenn doch, dann liefen die Beiträge im Nachtprogramm - so wie seine eigenen Filme. Den Einfluss den die Programmgestalter von ARD und ZDF nehmen, beschränke sich aber nicht auf die Wahl der Sendeplätze. Raman, der neben dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis zahlreiche weitere Auszeichnungen in seinem Berufsleben erhalten hat, wirft den Sendern auch inhaltliche Einflussnahme vor. Dafür nennt er zwei Beispiele.

So sieht es aus, wenn Ashwin Raman in Krisenregionen recherchiert. Er ist als Ein-Mann-Team unterwegs.

So sieht es aus, wenn Ashwin Raman in Krisenregionen recherchiert. Er ist als Ein-Mann-Team unterwegs. © Raman

Erstes Beispiel: Ein Besuch beim Polizeipräsidenten von Bagdad vor einigen Jahren: Ashwin Raman betritt zusammen mit US-Soldaten das Büro. Er filmt mit seiner kleinen Handkamera, die es ihm erlaubt stets alleine unterwegs zu sein. Die Kamera läuft, als er und die Soldaten warten. Das Objektiv wandert durch den Raum, zeigt den Schreibtisch und den Polizeipräsidenten, der dort sitzt. Raman filmt auch, was dort gerade auf dem Monitor läuft: ein deutscher Porno. Diese Szene hat nie Eingang gefunden in Ramans Doku, obwohl sie ihm wichtig war. „Nicht weil es irgendwie witzig gewesen wäre, sondern weil sie in wenigen Minuten die Zustände im Irak dargestellt hat.“

Raman will die Abgründe des Krieges nicht ausblenden

Zweites Beispiel: Ein Gespräch mit einer jesidischen Frau, das Ashwin Raman 2018 für seinen Film „Im Land der Taliban“ führt. Ein verstörendes Gespräch. Raman lässt der jungen Frau Zeit, Worte für Unsagbares zu finden.

Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) hatte 2014 begonnen, Jesiden systematisch zu verfolgen, zu versklaven und zu töten. Die Frau berichtet über den Beginn ihrer Gefangenschaft. Über Angst und großen Hunger - und über ihr Baby, das nicht aufhören wollte zu schreien. Bis die Männer es ihr entreißen. Später setzen sie ihr das erste Essen seit Tagen vor: ihr eigenes Kind. Die Schilderung der traumatisierten Mutter sei dem Publikum nicht zuzumuten, befanden später die Verantwortlichen von ZDF und ZDF info. Ob sie authentisch sei, schien im Mainzer Studio auch fraglich. Zu grausam, um wahr zu sein? Raman weiß nach 45 Jahren Kriegsreporter, dass es das nicht gibt. Die BBC und andere renommierte Medien berichteten über die Gräueltaten.

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Kritik an den Sendern hat Raman in den vergangenen Jahren immer wieder geübt. „So wie ein Vater, der seine Kinder kritisiert“, sagt er. „Mir liegt ja viel am öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das ist meine Welt.“ Doch er sei die langen Mails, die Einmischungen und Vertröstungen leid: „Die Ignoranz und Inkompetenz“, schimpft er. Raman plant Veröffentlichungen auf einem eigenen Portal im Internet, führt Gespräche mit Netflix und will seine Dokus auf Filmfestspielen zeigen. Einiges könnte es dort zu sehen geben.

„The war“ und Selm sind nur zwei aktuelle Projekte

Raman ist trotz seiner 74 Jahre immer noch voller Projekte: ein Film über indische Bauern, die sich massenhaft im Alter das Leben nehmen, weil ihren Familien das Geld fehlt. Ein Film über ausgebeutete Gastarbeiter in Katar. Und einer über Selm: die Stadt, in der er seit mehr als 20 Jahren wohnt: in einem Fachwerkhaus auf der Ludgeristraße.

„Selm verliert gerade einen Teil seiner Biographie“, sagt Raman mit Verweis auf die zahlreichen Neubauten, für die alte Strukturen weichen mussten. Damit die Erinnerungen nicht auch verloren gehen, lässt er Selmerinnen und Selmer vor seiner Kamera erzählen über ihr Selm. Nostalgisch sei das vielleicht ab und zu, aber - da bleibt sich Raman treu - alles andere als ein weich gezeichneter Heimatfilm.

Die meiste Zeit investiert der Selmer aber nach wie vor in den Krieg: „The war“, so heißt der Arbeitstitel für ein Streifzeug durch all die Kriegsreportagen der letzten Jahrzehnte. 1000 Stunden, zum Teil noch unveröffentlichtes Filmmaterial, habe er dafür zu sichten und zu sortieren. Der Kameramann vom NDR, der die Aufnahme für Zapp machte, habe ihm gesagt, dass er das in diesem Leben nicht mehr schaffen könne. Ashwin Raman lacht noch immer darüber. „Der kannte mich nicht.“

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Ein vor dem Krieg in seiner Heimat geflohener Iraker und ein mit dem Grimmepreis ausgezeichneter Kriegsreporter treffen sich in Selm wieder. Die Bilder, die Reporter Ashwin Raman mitgebracht hat, sind Von Von Sylvia vom Hofe

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