Lore Boas (94) denkt noch gern an Louis Armstrong und Jimi Hendrix

hzErinnerungen

Durch die Liebe zum Jazz entdeckte Lore Boas auch die Liebe zu ihrem Mann Günter. Bis heute hört die 94-Jährige aus Cappenberg Jazz und strahlt auch im hohen Alter viel Lebensfreude aus.

Cappenberg, Lünen

, 12.11.2020, 14:14 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Begeisterung für Musik hat das Leben von Lore Boas geprägt. „Mein Vater war Kammermusiker, da kam ich schon als Kind mit Musik in Berührung“, erzählt die 94-Jährige, die seit vielen Jahren in Cappenberg lebt. Wenn sie später gefragt wurde, ob sie durch ihren Mann, den bekannten Jazz-Pianisten Günter Boas zum Jazz gekommen sei, antwortete sie stets: „Es war umgekehrt, durch den Jazz bin ich zu meinem Mann gekommen.“

Günter Boas am Klavier auf der Bühne des Heinz-Hilpert-Theaters.

Günter Boas am Klavier auf der Bühne des Heinz-Hilpert-Theaters. © Günther Goldstein

Dass sie viel zu erzählen hat, von Begegnungen mit den unterschiedlichsten Musikern oder von ihrer Begeisterung für Rockmusiker Jimi Hendrix, weiß auch der Lüner Stadtfilmer Knut Thamm. Im Laufe der Jahrzehnte hat der heute 79-Jährige auch immer wieder Lore und Günter Boas gefilmt. „Beispielsweise, als der frühere Lüner Stadtdirektor Siegfried Heuser sich in den Ruhestand und nach Australien verabschiedete, das waren sie dabei“, so Thamm. Denn Heuser war ein guter Freund des Pianisten und hatte dafür gesorgt, dass er nach Lünen und Cappenberg zog.

Knut Thamm mit seiner Kamera, mit der er seit Jahrzehnten vieles aus dem Leben in Lünen eingefangen hat.

Knut Thamm mit seiner Kamera, mit der er seit Jahrzehnten vieles aus dem Leben in Lünen eingefangen hat. © Diethelm Textoris (A)

Auch beim Lüner Festival Jazz-Light, als das Ehepaar Boas viele namhafte Jazz-Musiker (wieder)traf, filmte Thamm diese Begegnungen. Zusammen fuhren Thamm und Lore Boas 2001 nach Eisenach, wo im dortigen Internationalen Jazz Archiv Eisenach die Sammlung von Günter Boas einen Ehrenplatz bekommen hat. Es gab dann auch einen Gegenbesuch der Thüringer beim Lüner Jazz-Club.

Thamm hat „mindestens zwei Stunden Material“ über Lore Boas, das er noch aktualisieren will, um der Zeitzeugin gerecht zu werden.

Im Lüner Norden gibt es die Günter-Boas-Straße, benannt nach dem bekannten Jazz-Pianisten.

Im Lüner Norden gibt es die Günter-Boas-Straße, benannt nach dem bekannten Jazz-Pianisten. © Knut Thamm

Die gebürtige Dortmunderin hat sich gefreut, als die Stadt Lünen eine Straße im Lüner Norden nach ihrem 1993 verstorbenen Mann benannte. Auch wenn sie der Lippestadt verbunden ist - ihre eigene Sammlung wird irgendwann auch einmal in Eisenach im Museum präsentiert. „Ein Freund dort kümmert sich um mich und ist auch mein Erbe“, hat Lore Boas festgelegt.

Geschenk von Louis Armstrong

Besonders gern erinnert sie sich an die Begegnung mit dem weltberühmten Trompeter und Sänger Louis Armstrong. „Er hat früher Ansatzcreme für die Lippen aus Deutschland benutzt, die er während des Zweiten Weltkrieges nicht mehr bekam. Günter hat ihm nach dem Krieg dann die Salbe besorgt, die Creme boxenweise in die USA geschickt.“ Als Armstrong zu Auftritten vor amerikanischen Soldaten nach Deutschland kam, stand Boas am Flughafen und die beiden fielen sich in die Arme.

Als er Jahre später in Essen auftrat, kam er ins Hotel „und sah sehr müde aus“, als ihn das Ehepaar Boas begrüßte. „Er nahm uns mit in sein Zimmer und als er hörte, dass wir geheiratet haben, griff er in die Tasche und zog ein Taschenfeuerzeug hervor, das er uns schenkte, mit der Bemerkung, Lucille, seine Frau, müsste das ja nicht wissen.“

Louis Armstrong - hier bei einem Konzert in Stuttgart - war ein guter Freund von Günter Boas. Die Begegnung mit ihm wird Lore Boas nicht vergessen.

Louis Armstrong - hier bei einem Konzert in Stuttgart - war ein guter Freund von Günter Boas. Die Begegnung mit ihm wird Lore Boas nicht vergessen. © pa/obs/SWR

Dass Lore Boas überhaupt ihren Mann kennen lernte, verdankt sie tatsächlich dem Jazz. „Ich war Fan und sammelte Platten, wenn ich auch lange nicht so viel hatte, wie mein Mann.“ 1959 war Boas gerade ein Jahr lang in Dortmund und leitete in der „Schallplatte“ dort die Jazz-Abteilung. Lore Boas: „Es war eigentlich viel mehr als eine Abteilung, es war ein Treffpunkt für Leute aus ganz Europa.“ Die Dortmunderin suchte eine Platte einer Sängerin, die nicht vorrätig war. Also wollte sie eine Platte einer anderen Sängerin - auch die gab es nicht. „Am Ende bin ich dann mit einer Platte eines anderen Musikers rausgegangen.“ Und mit der Einladung von Günter Boas in den Jazz-Club.

Cappenberg treu geblieben

Als Anfang der 60er-Jahre die Beatles bekannt wurden und deren Musik und der Rock das Interesse vieler Musikfans für Jazz ablöste, ging Boas, der vor seiner Dortmunder Zeit in Frankfurt am Main gelebt hatte, nach Iserlohn. Dann holten ihn Siegfried Heuser und ein Lüner Journalist nach Lünen.

Dort und auf Cappenberg fühlte sich das Ehepaar sehr wohl. Bis Günter Boas, der 1920 in Dessau (Anhalt) geboren wurde und in Frankfurt groß wurde, im Alter von 73 Jahren starb. Seine Frau Lore blieb Cappenberg treu.

Lore Boas in Eisenach in dem Jazz-Archiv, in dem die Sammlung von Günter Boas untergebracht ist.

Lore Boas in Eisenach in dem Jazz-Archiv, in dem die Sammlung von Günter Boas untergebracht ist. © Günther Goldstein

Langeweile kennt die 94-Jährige nicht. Auch nicht in diesen Zeiten, in denen Kontakte eingeschränkt werden müssen. „Ich bin eine passionierte Leseratte. Schließlich haben wir, als wir heirateten, zwei Bibliotheken zusammen gebracht, eine von mir und eine von meinem Mann. Da habe ich immer noch viel Lektüre.“

Jazz-Pianist Günter Boas bei einem seiner Auftritte beim Lüner Festival Jazz Light.

Jazz-Pianist Günter Boas bei einem seiner Auftritte beim Lüner Festival Jazz Light. © Günther Goldstein

Einige Bücher haben eine besondere Bedeutung für sie. „Ich stand mit einem Verlag in Verbindung, für den ich einiges aus dem Englischen übersetzt habe.“ Darunter auch eine Biographie des Rockmusikers Jimi Hendrix, der sie bis heute fasziniert. „Er war ein wunderbarer Musiker und es hat mir eine große Freude gemacht, das Buch zu übersetzen.“ Persönlich hat sie den früh verstorbenen Rock-Gitarristen leider nie kennen gelernt. „Aber ich habe später seinen deutschen Manager getroffen, der ein Freund meines Mannes war, und er hat mir erzählt, dass Jimi ein so reizender und sehr zurückhaltender Kerl gewesen sei, dass er für ihn wie ein Sohn war.“

Filmmaterial gesammelt

Lore Boas hat viel zu erzählen vor allem aus der Welt der Jazz-Musiker des 20. Jahrhunderts und deshalb will Knut Thamm auch das Filmmaterial, das er im Laufe der Jahre über sie gesammelt hat, neu zusammen stellen. 1998 hat sie ihm vor laufender Kamera aus ihrem spannenden Leben erzählt. „Ich hab fast ein halbes Jahrhundert in Lünen vieles dokumentiert. ohne Auftrag, aber mit Erlaubnis“, so Thamm. Die Begegnungen mit Lore Boas gehören dabei sicher zu den schönsten Erlebnissen. Gern sollen noch weitere dieser Treffen dazu kommen.

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