Opfer des Klimawandels: Stolze Buche des Freiherrn vom Stein vor Schloss Cappenberg ist tot

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Dem deutschen Wald geht es schlecht. „So schlimm wie noch nie“, sagt Förster Elmar Berks. Unter den Verlusten, die er zu beklagen hat, ist eine Buche, die viel mehr ist als ein alter Baum.

Cappenberg

, 19.10.2019, 04:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

1816 zieht der preußische Reformer Freiherr vom Stein nach Cappenberg: ein fast 60-jähriger Mann, der sich für seine letzte Lebensphase noch einiges vorgenommen hat.

Vom Stein rettet die 1122 gebaute, einsturzgefährdete Stiftskirche, gestaltet das leer stehende Kloster zu einem behaglichen Schloss um und verwandelt den Garten in einen englischen Park. Und er pflanzt Bäume - eigenhändig, wie es heißt. Und aus einem ganz besonderen Samen.

Alexander von Humboldt könnte den Samen besorgt haben

Dass der preußische Staatsminister und der bekannteste Naturforscher seiner Zeit sich kannten, ist erwiesen. Die vom Steins und die von Humboldts besuchen sich regelmäßig. Bei einer dieser Begegnungen könnte Alexander von Humboldt seinem väterlichen Freund ein besonderes Geschenk gemacht haben.

Opfer des Klimawandels: Stolze Buche des Freiherrn vom Stein vor Schloss Cappenberg ist tot

Exotische Spielart: Die geschlitzten Blätter geben der Schlitzbuche ihren Namen. © Sylvia vom Hofe

1804 war von Humboldt von seiner Expedition in das heutige Venezuela, nach Kuba, Kolumbien, Ecuador, Peru sowie nach Mexiko und die USA zurückgekehrt - mit Saatgut. Der erste Europäer, der nicht als Eroberer nach Südamerika gereist war, hatte ein Herz für exotische Pflanzen. Sein Freund vom Stein ebenfalls.

Belegbar: Diese Buchen ließ vom Stein pflanzen

Nicht belegbare - aber auch nicht widerlegbare - Gerüchte besagen, dass zahlreiche der exotischen Bäume rund um das Schloss Cappenberg von Alexander von Humboldt stammen könnten. Die meisten sind aber nicht alt genug - anders als zwei außergewöhnliche Bäume auf der Rückseite des Schlosses.

„Es sind zwei Schlitzbuchen“, sagt Förster Elmar Berks. Er schließt das Tor zum ehemaligen Tierpark auf. Seitdem die Anlage vor zehn Jahren geschlossen hatte, ist das 35 Hektar große, eingezäunte Gelände zu Füßen der einstigen Höhenburg für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Die Bäume, die Berks meint, sind aber auch schon aus der Ferne von der Straße Am Dreischfeld aus zu erkennen.

Zwei knorrige Baumriesen: mehr als 30 Meter hoch und mit einem Umfang von rund viereinhalb Metern. Der linke Baumriese vorm Schloss hat ein ausladendes Blätterdach, der rechte ist völlig kahl. Berks hat dafür auch noch ein anderes Wort: tot.

Naturdenkmal kapituliert vor Trockenheit und Hitze

Die beiden Schlitzbuchen gehören zu den ältesten Bäumen im gesamten Gebiet. Während es von den Exoten zwischen den Torhäusern und dem Schloss selbst nur gemunkelt wird, ist es für die beiden Bäume nachgewiesen: Sie wurden gepflanzt, als der Freiherr vom Stein den Cappenberger Park nach eigenen Vorstellungen gestalten ließ: zwei echte Naturdenkmäler.

Opfer des Klimawandels: Stolze Buche des Freiherrn vom Stein vor Schloss Cappenberg ist tot

Der tote Baum steht zu Füßen des Schlosses. © Sylvia vom Hofe

Eines wird der Kreis Unna jetzt von seiner Liste streichen. „Er ist wunderschön“, sagt Berks und klopft auf die Rinde des wuchtig gewachsenen Baumriesen, „aber leider nicht mehr zu retten“. Hitze und Trockenheit 2018 hätten ihm schon stark zugesetzt. Als sich die Wetterextreme in diesem Jahr wieder einstellten, war er verloren. Die Motorsäge wird dennoch nicht aufheulen.

Graf von Kanitz trifft eine besondere Entscheidung

Sebastian Graf von Kanitz habe sich dafür entschieden, den Baum so lange wie möglich - bis zum natürlichen Zerfall - stehen zu lassen. Weil es sich um ein Privatgelände handelt, brauche er der Verkehrssicherungspflicht nicht nachzukommen.

„Eine gute Entscheidung“, findet der Förster. Denn auch wenn die Buche selbst abgestorben sei, stecke noch jede Menge Leben in und auf ihr: von den Insekten, deren Gänge auf der glatten Rinde zu sehen sind, über die kleinen und großen Vögel, die in Baumhöhlen Schutz suchen, bis zu Fledermäusen.

„Was dieser Baum schon alles erlebt hat“, sagt Berks wehmütig und lässt den Blick über den Stamm in die Höhe wandern: Revolutionen, Reichsgründung, Weltkriege, Glück und Trauer - und jetzt die Auswirkungen des menschgemachten Klimawandels.

Folgen des Klimawandels Anfang des 19. Jahrhunderts

Als der Freiherr mit dem grünen Daumen nach Cappenberg kommt, ist von alldem noch nichts zu ahnen. Klimawandel kennt aber auch schon er. 1816, das Jahr seiner Ankunft, geht als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Frühjahr 1815 hatte globale Auswirkungen. Die Natur scheint aus den Fugen geraten zu sein mit einem Winter, der nicht weichen will.

Opfer des Klimawandels: Stolze Buche des Freiherrn vom Stein vor Schloss Cappenberg ist tot

Hinter dem Balkon ist die zweite Schlitzbuche aus Zeiten des Freiherrn vom Stein zu sehen. © Sylvia vom Hofe

Sommer, die immer früher beginnen und nicht enden wollen, machen dagegen heute Probleme. „Der Wald stirbt in einigen Teilen“, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner Ende September 2019 beim Waldgipfel. Über 180.000 Hektar seien schon verloren - durch Waldbrände, Dürre, Borkenkäfer.

Stolze Bäume enden als Brennholz

Totalausfälle seien in den Cappenberger Wäldern - mit 673 Hektar eines der größten zusammenhängenden Laubwaldgebiete des Münsterlandes - nicht zu beklagen, aber herbe Einbußen. Starke Buchen habe er schlagen lassen müssen, weil sie dem Trockenstress nicht hätten standhalten können, sagt Förster Elmar Berks.

„Aufgrund von starken Holzentwertungen durch Käfer und Pilze kann ich sie jetzt, teilweise nur noch als Kaminholz verkaufen“ - wenn überhaupt noch: ein Schicksal, das der vom Steinschen Schlitzbuche erspart bleibt.

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