Sie war voll dabei, beim Aufbau des Findus‘. Jetzt verlässt die Pastoralreferentin von St. Ludger, Anja Baukmann, Selm. Im Abschieds-Interview erklärt sie, mit welchem Gefühl sie geht.

Selm

, 27.05.2019, 13:22 Uhr / Lesedauer: 4 min

Pastoralreferentin Anja Baukmann der Selmer Gemeinde St. Ludger bricht nach rund zwei Jahren ihre Zelte in Selm ab. Im Interview mit Wilco Ruhland erklärt die 30-Jährige unter anderem, wie es sich anfühlt, Selm zu verlassen und an welchen Tag ihrer Amtszeit in Selm sie sich in fünf Jahren noch erinnern wird.

Frau Baukmann, Sie verlassen Selm. Wichtige Frage zu Beginn: Wann geht’s weg und wohin geht’s weg?

Ich gehe zum 31. Mai. Am 1. Juni fange ich meine neue Stelle an. Ich gehe nach Düsseldorf und habe dort eine Stelle als Jugendreferentin – also auch bei der Kirche, im Erzbistum Köln. Die Arbeit ist dann eher im überregionalen Bereich, nicht in einer Pfarrei, so wie jetzt. Im zweiten Schwerpunkt liegt dann interreligiöser Dialog.

Und warum gehen Sie?

Ich war zwei Jahre hier, das war gut und hat auch Spaß gemacht. Ich merke aber, dass private Dinge jetzt noch mal wichtig werden. Es war also im Prinzip eine private Entscheidung, jetzt zu sagen: Ich muss den Cut machen. Es tut mir auch ein bisschen leid und fällt mir schwer, hier so viele angefangene Sachen liegen zu lassen. Vor mir war eine Kollegin da, sie ist aus privaten Gründen auch nur ein Jahr geblieben. Da war natürlich eine Hoffnung, vor allem der Jugendlichen, dass jetzt mal jemand etwas länger bleibt und eine gewisse Kontinuität da ist. Das fällt mir schon schwer. Aber da musste ich irgendwann einfach die Entscheidung treffen. Es war aber klar, dass ich hier nicht immer bleiben kann, weil mein Freund hier nicht arbeiten kann.

Ist das eine Entscheidung für Düsseldorf oder gegen Selm?

Natürlich für Düsseldorf! Gegen Selm gar nicht. Selm ist eine tolle Kleinstadt mit ganz herzlichen offenen Menschen. Mir fiel es überhaupt nicht schwer, hier reinzukommen. Ich hatte schon nach ein paar Monaten das Gefühl, zu Hause zu sein. Die Menschen haben mich in den Gruppen, in die ich gekommen bin, super schnell aufgenommen. Man gehörte irgendwie einfach sofort dazu. Und das war im Team der Seelsorge genauso, dass man da ankam und dachte: ja, das passt.

Wissen Sie noch, was Ihr erster Gedanke war, als Sie vom Bistum Münster die Beauftragung bekommen haben, in Selm zu arbeiten?

Der erste Gedanke war: „Wie witzig, hätte ich nie gedacht.“ Meine Mentorin, die ich in der Pfarrgemeinde in Sendenhorst hatte (Ort der Ausbildung, Anm. d. Red.), war Eva Maria Jansen. Sie kommt aus Selm und die Familie wohnt zum Teil noch hier in Selm. Von daher war Selm mir natürlich ein Begriff, weil sie immer davon erzählt hat. Ich hatte deswegen schon so ein paar Ideen, wie Selm ist und wer da so ist.

„Ich habe schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass jetzt hier einfach alles liegen zu lassen.“
Anja Baukmann (30), scheidende Pastoralreferentin der Gemeinde St. Ludger.

Was von dem, was Sie hier hinterlassen, macht Sie denn stolz?

Einmal die Firmvorbereitung. Wir haben das Konzept etwas aktualisiert und abgeändert. Da bin ich vor allem nicht nur auf mich selber, sondern auch auf das Team, mit dem wir das gemacht haben, stolz. Ich bin eigentlich nicht der Mensch, der kommt und sagt: Wir machen jetzt alles anders (haut auf den Tisch). Ich bin eher der Mensch, der guckt, was ist da vor Ort und sagt: Ich mache das nicht für mich, ich mache das für euch. Ihr sollt euch hier wohlfühlen, ihr sollt hier Kirche leben können und deswegen gucken wir gemeinsam, was für euch gut ist. Das hat gut funktioniert mit dem Team.

Das Zweite sind die Ferienlager. Als ich gekommen bin, war im Prinzip mein Einstieg, dass ich mit ins Sommerlager gefahren bin und die Leitung übernommen habe. Einer alleine kann das heute aber nicht mehr leisten. Deswegen haben wir eine neue Struktur mit einem Leitungsteam aufgebaut und die sind jetzt mittlerweile im zweiten Jahr. Auch ein zweites Lager habe ich in diesem Jahr begleitet – ich bin stolz drauf, wie die das wuppen.


Das dritte Projekt ist das Findus. Es war spannend, den Aufbau mit zu begleiten. Der Sachausschuss Jugend, ein Unterausschuss vom Pfarreirat, sollte sich mit darum kümmern und da war ich auch dabei. Ich war wirklich beeindruckt, was sich da alles überlegt und ausgedacht wurde. Das war ein großer Teil der Arbeit, das inhaltlich vorzubereiten, dann aber zu gucken: Wie können wir das praktisch einrichten. Da habe ich vieles mitorganisiert. Es war mein Part zu gucken, dass das Ganze hier lebendig wird.

Pastoralreferentin Anja Baukmann (30) verlässt die Gemeinde: Das sind ihre Beweggründe

Von den schicken neuen Räumen des Findus, hat Anja Baukmann blad nicht mehr viel. Trotzdem ein Grund für Sie, stolz zu sein. © Wilco Ruhland

Das war bestimmt auch gutes Training für den Umzug, oder?

Ich musste, Gott sei Dank, nicht so viel tragen. Vieles wurde angeliefert und selbst beim Billardtisch musste ich nicht richtig anpacken, dafür hatten wir genug starke Jungs (lacht).

Und jetzt haben Sie demnächst gar nichts mehr von den schönen neuen Räumen…

Ja, das ist schon schade. Unsere Reinigungskraft sagt immer so schön: „Das ist mein Baby“, und ein Stück weit ist es auch meins geworden, weil man einfach so viel Herzblut reingesteckt hat. Auf der anderen Seite ist aber auch meine Arbeitseinstellung: Ich mache das nicht für mich, sondern für die Menschen. Die Leute sollen Kirche erleben und leben. Kirche leben, das heißt Gemeinschaft leben und Gemeinschaft mit Gott leben. Wenn ich geschafft habe, dass dieses Haus ein guter Ort dafür sein kann, dann habe ich meine Aufgabe erfüllt und kann das gut in andere Hände übergeben.

Wenn wir jetzt einmal fünf Jahre in die Zukunft denken, vielleicht können Sie mir sagen, ob es einen Tag in Ihrer Amtszeit hier in Selm gibt, an den Sie sich dann erinnern?

(überlegt länger) Ich glaube, als erstes der Eröffnungstag des Findus. Vielleicht aber auch einfach, weil das gerade noch so präsent ist. Das war ein beeindruckender Tag, an dem ich auch mega nervös war. Es hat dann aber irgendwie alles geklappt. Es war schön zu sehen, dass es auch Früchte trägt und man die ganze Arbeit nicht umsonst macht. Dass man punktuell noch mal sehr konzentriert sieht, was ich hier mache.

Jeweils in möglichst zwei Sätze: Was wünschen Sie sich für die Zukunft für die Gemeinde vor Ort und was für sich selbst?

Ich wünsche den Menschen vor Ort, dass sie motiviert bleiben und sich ihre Energie und Kraft nicht nehmen lassen. Damit Kirche weiter lebendig bleibt - trotz schwindender Mitgliederzahlen und negativen Dingen, die aufgedeckt werden.

Und für sich selbst?

Ich wünsche mir, dass ich gut im Job ankommen kann und in Düsseldorf ein gutes neues Zuhause finde. Viel weiter denke ich noch gar nicht.

Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?

Ich verstehe mich als Pastoralreferentin so, dass ich versuche, das, was ich von Gott verstanden habe, ein bisschen weiterzugeben. Nicht im Sinne von: Ich erkläre euch jetzt, wie der Glaube funktioniert. Sondern so, dass Menschen merken: Das scheint ihr irgendwie Kraft zu geben, dass sie diesen Sinn im Leben hat. Wenn davon ein bisschen hier in Selm angekommen ist, dann habe ich meinen Auftrag gut erfüllt.

Wir Pastoralreferenten sind vom Bischof gesendet, die Kirche zu stärken, zu stützen und lebendig zu halten. Ich würde behaupten, dass ich das hier und da geschafft habe. Und dann bin ich froh und kann dankbar sagen: Das war eine gute Zeit, meine Aufgabe habe ich in dem Sinne erfüllt und kann guter Dinge gehen.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt