Martina und Bernd Buchholz finden manche Karikaturen in der Ausstellung der Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen provozierend, aber gut. © Arndt Brede
Hospizgruppe

Provokant und wichtig: Karikaturen in Selm reißen Tod aus der Tabuzone

Mit der Ausstellung „Sie hat mir der Himmel geschickt - Karikaturen zu Sterben, Tod und Trauer“ geht die Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen neue Wege. Wie kommt das an?

Es ist eines der Bilder der Ausstellung, die zum Nachdenken anregen: Vor einem frischen Grab steht der Pfarrer und sagt „Im Facebook soll er viele Freunde gehabt haben!“ Der Geistliche ist allein bei der Beerdigung. Keine Verwandten, Freunde oder Bekannten begleiten den Verstorbenen auf seinem letzten Weg. Die Situation an sich ist traurig. Die Art und Weise, wie sie hier geschildert wird, nicht. Eher makaber, provokant. Eine Karikatur, die ein solches Thema öffentlich angeht? Ja, genau das ist die Absicht der Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen.

Rund 60 Karikaturen vereint die Ausstellung „Sie hat mir der Himmel geschickt“ in den Räumen der Hospizgruppe an der Kreisstraße. Mehr als 100 Besucher haben seit Eröffnung die Ausstellung gesehen, sagt Dieter Niechcial, zweiter Vorsitzender der Hospizgruppe. Und? Wie waren die Reaktionen? „Der eine oder andere hat wirklich herzhaft gelacht. Und das ist beabsichtigt.“ Genau wie Reaktionen wie, inne zu halten, sie auf sich wirken zu lassen. Nicht jedem werden sie gefallen haben. Ob negative Reaktion oder Lachen – diese Karikaturen lassen niemanden kalt. Da bleibt einem schon mal das Lachen regelrecht im Hals stecken. „Es ist zeitgemäß, dass man sich was traut“, meint Bianca Krumminga, Koordinatorin der Hospizgruppe.

„Das ist knallhart.“

Da ist was dran. Einige Karikaturen sind echt provozierend. Die Selmer Martina und Bernd Buchholz stehen vor einer Karikatur, auf der ein Organ im Glas an Todgeweihte versteigert wird. „Das ist knallhart“, sagt Bernd Buchholz. Aber die Themenbehandlung auf den Karikaturen sei sehr gut. Das Thema Organspende auf eine humoristische Art zu zeigen, gefalle ihm.

Dass es diese Ausstellung gibt, werden Bernd und Martina Buchholz in ihrem Freundeskreis erzählen. Auch dadurch wird also das Anliegen der Hospizgruppe erfüllt, Sterben, Tod und Trauer aus der Tabuzone zu holen.

Ein Pfarrer allein bei einer Beerdigung. Traurig, aber auch nachdenklich machend.
Ein Pfarrer allein bei einer Beerdigung. Traurig, aber auch nachdenklich machend. © Repro Arndt Brede © Repro Arndt Brede

Wie präsent sind denn eigentlich Sterben, Tod und Trauer im Alltag der Besucher? „Es kommt immer näher“, sagt eine Frau. „Es gehört zum Leben dazu. Weil Freunde, Bekannte oder Angehörige sterben.“ Sie selber habe es erlebt, als sie ihre Schwiegermutter bis zu deren Tod gepflegt habe. Diese demente Frau habe ihr ganz zum Schluss für alles gedankt.

„Es ist wichtig, Sterben, Tod und Trauer anzunehmen.“

Dieses Beispiel zeigt, dass es wichtig ist, Sterben, Tod und Trauer anzunehmen und nicht wegzuschieben. Wie wirkt denn eine solche Karikaturenausstellung auf diese Besucherin? „Ich finde diesen Zugang gut. Es ist eben nicht dieses todernste Thema.“ Die Ausstellung wirke auf sie „befreiend“.

„Ich freue mich, dass die Ausstellung diese Themen öffentlich macht“, sagt die Selmerin Heike Hoppe. Auch in ihrer Familie sei es selbstverständlich gewesen, den Tod der Großmutter nicht von ihren Kindern fernzuhalten. Das biete ja auch die Chance, auf die schönen Zeiten zurückzublicken, die man mit seinem Angehörigen gehabt hat.

Um die Wanderausstellung von der Hospizakademie Bamberg habe sich die Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen frühzeitig bemüht, erklärt Dieter Niechcial. Mit Ende der Ausstellungszeit in Selm – am 30. September – werden Mitarbeiter die Karikaturen auch wieder zurück nach Bamberg bringen. Viel Aufwand, viele Kosten, oder? „Ja“, sagt der zweite Vorsitzende. Aber glücklicherweise habe die Hospizgruppe eine finanzielle Teil-Förderung des NRW-Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung aus dem Programm „Neustart miteinander“ erhalten.

Die Ausstellung in der Kreisstraße 51 in Selm ist noch bis zum 30. September zu sehen.
Die Ausstellung in der Kreisstraße 51 in Selm ist noch bis zum 30. September zu sehen. © Arndt Brede © Arndt Brede

„Wir hätten nicht gedacht, dass so viele Menschen Interesse an der Ausstellung haben würden“, berichtet Niechcial. Die Hoffnung ist jetzt, dass dieser ungewöhnliche Zugang zu den Themen Sterben, Tod und Trauer Menschen bewegt. Bewegt, um Angst vor diesen Themen zu verlieren. Oder auch, um sich der Arbeit der Hospizgruppe, Sterbende würdig zu begleiten, näher zu widmen. Eine Frau habe ihm schon gesagt, dass sie sich vorstellen könnte, mitzumachen bei der Hospizgruppe, sagt Dieter Niechcial. Möglicherweise als ehrenamtliche Mitarbeiterin.

Jetzt arbeitet die Hospizgruppe schon an einer möglichen Vortragsreihe in den eigenen Räumen zum Beispiel zu den Themen „Einsamkeit im Alter“ und „Demenz und Einsamkeit im Alter“. Diese Vorträge werde die Hospizgruppe nicht nur für ihre Mitglieder und Mitarbeiter anbieten, sondern auch für die Öffentlichkeit.

Aber zunächst mal freut sich die Hospizgruppe über jeden Besucher der Ausstellung. Und über jedes Lachen. Zum Beispiel beim Anblick von Loriot vor der Himmelstür und Petrus, der sich zu Gott umdreht und sagt: „Chef! Ich glaube jetzt wird’s lustig hier oben!“

Die Ausstellung in der Geschäftsstelle der Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen in Selm, Kreisstraße 51, ist noch bis zum 30. September geöffnet. Und zwar dienstags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und zusätzlich montags, dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.

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Redaktion Selm
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