Ramona Rietmann aus Selm begleitet als Rednerin Hochzeiten, Kinder-Willkommensfeste und bald auch Beerdigungen. Im Interview erzählt sie, was ihr an ihrem neuen Job am meisten Spaß macht.

Selm

, 16.01.2019 / Lesedauer: 8 min

Bis 2010 hat die Selmerin Ramona Rietmann (41) als Groß- und Außenhandelskauffrau in der Baustoffbranche gearbeitet. Als ihr Arbeitgeber Insolvenz anmeldete, hatte die heute 41-Jährige jedoch schon einen Plan im Hinterkopf, der so gar nichts mit Baustoffen zu tun hat: Sie machte eine Ausbildung zur Hochzeitsplanerin. Und jetzt, acht Jahre später, hat sie sich ein zweites Standbein aufgebaut: Im Mai legte die inzwischen zweifache Mutter ihre Prüfung zur freien Rednerin vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) ab und ist damit die einzige zertifizierte freie Rednerin in der Region. Seitdem redet Ramona Rietmann vor allem auf Hochzeiten und Kinder-Willkommensfesten, demnächst aber auch auf Beerdigungen.

Frau Rietmann, wie wurden Sie selbst getraut?

Kirchlich (lacht). Aber das war vor zehn Jahren, da war die freie Trauung noch gar nicht so bekannt.

Und als Sie kurz darauf durch eine Insolvenz arbeitslos wurden, haben Sie eine Ausbildung zur Hochzeitsplanerin gemacht - wie kommt man dazu, als gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau?
Als ich geheiratet habe, hatte ich zwei Freundinnen an meiner Seite. Sie haben den ganzen Tag organisatorisch richtig toll zusammengearbeitet, sodass mein Mann und ich unsere Hochzeit einfach nur genießen konnten. Als ich dann arbeitslos wurde, habe ich gedacht: So, du willst auch Menschen glücklich machen und sie an ihrem großen Tag begleiten. Und dann habe ich während meiner Schwangerschaft im Jahr 2009 bei der Handwerkskammer in Münster ein Seminar besucht: Eventplanung für Hochzeiten. Und das ist so ein cooler Job, dass ich gesagt habe: In den Baustoffhandel möchte ich gar nicht mehr zurück.

Wie sah Ihre Ausbildung aus?
Das waren vier Wochenenden, das ging relativ schnell - vieles ist Learning by Doing. In der Ausbildung schneidet man jedes Thema einmal an. Zum Beispiel Marketing, Buchhaltung, Formalitäten, Rechnungen schreiben und natürlich: Wie plane ich eine Hochzeit?

Und seit Mai 2018 sind Sie freie Rednerin - beispielsweise für Hochzeiten.
Genau. Im Mai 2018 habe ich meine Ausbildung zur freien Rednerin vor der IHK in Köln erfolgreich abgeschlossen. In meiner Tätigkeit als Hochzeitsplanerin habe ich natürlich sehr viele Hochzeiten erlebt und in den letzten zwei Jahren wurden immer mehr freie Trauungen gemacht. Da habe ich festgestellt: Mensch, das mit der freien Rednerin wäre eigentlich genau das Richtige für dich, das rundet dein Profil nochmal ab. Dann habe ich über ein Jahr recherchiert und bin schließlich auf die Seite freieredner.com gekommen, eine freie Redneragentur aus Köln. Das ist aktuell die Einzige in Deutschland, die eine Ausbildung für freie Redner in Kombination mit einem IHK-Abschluss anbietet. Und das war letztendlich für mich der ausschlaggebende Punkt.

Wie viel kostet so eine Ausbildung?
Ich habe 3000 Euro investiert, zuzüglich Hotelkosten und Laptop.

Die Ausbildung ist aber nicht nur für Hochzeitsreden?
Nein. Dort lernt man, Traureden zu halten und Reden für Kinder-Willkommensfeste (Alternative zur Taufe, Anm. Red.). Das Modul umfasst aber auch Trauerreden. Mein Fokus liegt momentan noch ganz klar auf Trauungen und Kinder-Willkommensfesten. Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich mit glücklichen Menschen zu tun haben. Weil ich auch erstmal gut starten möchte. Das wird sich aber im ersten Quartal des neuen Jahres ändern, denn ich besuche noch einmal ein reines Trauerreden-Seminar.

Was machen Sie, wenn Sie jetzt dennoch Anfragen für Beerdigungen bekommen?
Bis dato übernehmen das Kollegen aus der Agentur, mit denen ich die Ausbildung gemacht habe und die ihren Fokus auf Trauerreden gelegt haben. Ich bin ein sehr emotionaler Typ und diesbezüglich muss ich noch an mir arbeiten.

Aber bei Hochzeiten wird es doch auch emotional.
Ja, das stimmt. Bei mir in der Trauung wird geweint, aber auch gelacht. Und wenn es da Momente gibt, in denen Tränen fließen, dann weine ich auch ein Tränchen mit. Aber das ist eine ganz andere Situation, als wenn man schluchzende Menschen vor sich sitzen hat. Das ist dann schon echt schwierig. Ich weine und fühle mit meinen Brautpaaren. Aber man fängt sich unheimlich schnell, weil es ein glücklicher Anlass ist.

Wie wurden Sie in der Redner-Ausbildung auf das Halten einer Rede vorbereitet?
Die Ausbildung zur freien Rednerin umfasste 230 Stunden. Dort habe ich so viel gelernt, dass ich mich wirklich sicher fühle, eine Zeremonie zu führen. Wir haben unter anderem Stimmbildung mit einem Vocal Coach gemacht. Aber auch Steuerrecht und Marketing waren Teil der Ausbildung und natürlich der Aufbau von freien Reden. Wir sind mehrere Zeremonien durchgegangen, haben aber auch gelernt, wie man man Gespräche mit den Kunden führt.

Wie waren Ihre ersten Reden?

Anstrengend (lacht). Wir haben ein Losverfahren gemacht - ich habe das Kinder-Willkommensfest gezogen. Das hatte ich mir auch gewünscht. Ich habe die ganze Nacht durchgebüffelt und meine Rede zweimal geschrieben – innerhalb von zwölf Stunden. Auch bei der Prüfung gab es ein Losverfahren. Da habe ich das Glück gehabt, wieder das Kinder-Willkommensfest zu ziehen. Auf einem Stick war das Erstgespräch mit den Eltern, das habe ich mir angehört und daraufhin meine Rede geschrieben.

Inwieweit arbeiten Sie jetzt noch mit der freien Redneragentur zusammen?
Ich arbeite erst seit Anfang Dezember mit der Agentur zusammen. Weil ich vorher meine Hochzeiten sauber zu Ende bringen wollte.

Wie läuft der Kundenkontakt ab?
Erstmal sehr viel über Mund-zu-Mund-Propaganda. Jetzt auch über freieredner.com. Dort kann man seine Postleitzahl eingeben und die Homepage schlägt die Redner in der Nähe vor.

Ramona Rietmann aus Selm ist die einzige zertifizierte freie Rednerin in der Region

Am 18. November war Ramona Rietmann auf der Hochzeitsmesse in Lüdinghausen. Dort konnten Hochzeitspaare sich über sie als freie Rednerin informieren. © Ramona Rietmann

Sind Sie die einzige zertifizierte freie Rednerin in der Umgebung?
Nach mir sind in Gelsenkirchen und Dortmund die Nächsten. Ich gehöre zu den ersten 40 IHK-geprüften freien Rednern. Und bei Beerdigungen dürfte man ohne Zertifikat gar nicht reden.


In welchem Umkreis sind Sie tätig?
Zu meinem Einzugsgebiet gehören das Ruhrgebiet, das Münsterland und Ostwestfalen.

Wie laufen die Gespräche mit den Kunden ab, die auf Sie zukommen?

Wir haben ein ganz unverbindliches Erstgespräch. Das heißt, wir lernen uns kennen und gucken, ob die Sympathie passt. Ich erzähle, wie die Trauung abläuft, dass ich eine Stunde vorher da bin, den Ablauf durchgehe und dann die 40 bis 45-minütige Trauung durchführe. Meistens erzählen die Paare mir, wie sie sich kennengelernt haben. Ich bin ja auch neugierig, ich möchte das wissen (lacht). Dann gebe ich ihnen eine Woche Zeit, um sich zu entscheiden. Letztens habe ich eine total tolle Whatsapp-Nachricht bekommen: „Möchtest du unsere Traurednerin sein? Dann antworte mit ja, nein oder vielleicht. Wir wollen!“ Das war total süß.

Wie geht es nach der Entscheidung weiter?

Dann treffe ich mich das zweite Mal mit dem Paar. Dabei geht es darum: Was verbindet euch, was sind Gemeinsamkeiten, reist ihr gerne, wo war der Heiratsantrag? Ich sage immer zu meinen Brautpaaren: Ich werde eure beste Freundin auf Zeit. Die müssen mir ja schon ziemlich viel anvertrauen. Beim dritten Gespräch gehen wir dann die Zeremonie durch.

Wie bereiten Sie sich auf eine Rede vor?
Jedes Brautpaar ist individuell und genauso schreibe ich auch meine Rede. Ich schreibe viel spätabends und nachts – da fallen mir die besten Dinge ein und es ist total still. In der Regel brauche ich zwischen 30 und 45 Stunden für eine Rede. Dann nehme ich mich auf oder übe vor dem Spiegel. Denn meine Rede halte ich am Ende frei. Wenn man sich 30 bis 45 Stunden damit befasst hast, weiß man aber auch, was man da geschrieben hat. Die Rede hat ein ganz bestimmtes Muster. Wenn da zum Beispiel ein rot markierter Teil kommt, weiß ich: Aha, jetzt kommt eine Anekdote oder ein Wortbeitrag.

Wortbeitrag heißt, Sie beziehen andere in Ihre Rede mit ein?
Ja. Das Brautpaar steht zwar an erster Stelle, aber die Gäste sind für mich auch wichtig und werden mit in die Rede einbezogen.

Proben Sie mit den Gästen, die etwas zur Rede beitragen?
Sie können mir natürlich vorher gerne schicken, was sie geschrieben haben. Es darf ja nicht zu lang sein. Aber ich probe das nicht. Wir sind doch alle Menschen. Es reicht schon, wenn ich übe. Was ich auch ganz gerne mache ist, dass die Brautpaare sich eigene Worte während der Traufrage sagen. Ich finde, man sollte seine eigene Handschrift mit reinbringen. Bei mir sitzt das Brautpaar auch immer in Richtung der Gäste.

Stehen Sie dafür mit dem Rücken zu den Gästen?
Nein, niemand steht mit dem Rücken zu irgendwem. Ich stehe seitlich zum Brautpaar, ganz nah dran an einem Stehtisch. Und wir gucken uns alle an - Brautpaar, Gäste und ich. Mir ist wichtig, dass wir eine Gemeinschaft bilden. Weil es nichts spannenderes gibt, als dem Brautpaar in die Augen zu schauen - bei der alles entscheidenden Frage.

Was war das Berührendste, was Sie bisher bei einer Hochzeit erlebt haben?
Als die Braut kurz vor der Hochzeit ihren Vater verloren hatte und das Brautpaar am Anfang eine Rede gehalten hat. Da sind auch mit mir die Gefühle durchgegangen. Das war schwierig. Wir mussten alles umplanen, weil der Vater sie in die Kirche führen sollte. Und sie hat so bitterlich geweint, als sie ihre Rede gehalten hat.

Und was war das Aufregendste?
Dass der Pastor nicht gekommen ist, als ich als Hochzeitsplanerin gebucht war. Es war eine Hochzeit in der Kapelle des Schlosses Nordkirchen. Das Brautpaar hatte sich einen freien Pastor im Internet ausgesucht. Als ich dann Freitagnachmittag mit der Braut am Schloss ankam, war der Pastor nicht da und die Gäste standen vor der Kapelle. Der Pastor ging auch nicht ans Telefon. Ich habe dann im Pfarrbüro in Olfen angerufen – weil ich das am schnellsten gefunden hatte. Da hatte ich Pastor Melchert am Telefon. Dem habe ich die Situation erklärt. Er kam und hat alles, was eine Trauung beinhalten sollte, durchgezogen. Da war ich - im wahrsten Sinne des Wortes - schweißgebadet.

Sie selbst trauen ja nicht in Kapellen oder Kirchen. Wo finden Ihre Trauungen statt?
Genau. Ich darf nur in entweihten Kapellen oder Gebäuden trauen. Letztendlich traue ich da, wo das Brautpaar es möchte. Ganz egal, alle Orte sind erlaubt.

Was war die bisher schönste Location?
Treibsand in Haltern, am Strand. Das war das absolute Highlight. Aber da muss das Wetter auch mitspielen.

Planen Sie die Hochzeiten, bei denen Sie reden, auch?
Ich mache beides nur getrennt voneinander. Wenn ich eine Rede halte, ist das für mich ein Marathon. Ich plane ja, frei zu reden und das zu leben, was ich da erzähle. Und dann mache ich nicht noch die Planung. Ich möchte das auch trennen. Denn letztendlich möchte ich auf die freie Rede hinaus und nicht mehr auf die Hochzeitsplanung.

Warum?
Bei der Hochzeitsplanung dauern die Vorbereitungen sehr lange - eineinhalb Jahre. Für freie Reden brauche ich viel weniger Zeit und ich kann mehr Aufträge annehmen. Aber durch die Hochzeitsplanung habe ich meine Erfahrung und stehe auch gerne mit Tipps und Tricks zur Verfügung.

Also machen Sie dennoch beide Jobs gerne?
Auf jeden Fall. Ich bin Hochzeitsplanerin und freie Rednerin aus Leidenschaft. Ich mache das mit meinem ganzen Herzen. Und was man mit ganzem Herzen macht, macht man auch gut. Mir ist es wichtig, Menschen glücklich zu machen und an ihrem großen Tag zu begleiten. Und das versuche ich humorvoll, aber trotzdem würdevoll. Wichtig ist, dass es nicht steif ist. Dann könnten wir auch in die Kirche gehen (lacht).

Wenn Sie Ihre eigene Hochzeit noch einmal planen könnten, würden Sie einen freien Redner wählen?
Ja, weil man einfach individueller sein kann, persönlicher. Aber ich würde auch immer wieder alles genauso machen und immer wieder meinen Mann heiraten.

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