Restaurantbesuch mit Mundschutz: So erlebt ein Selmer Paar die Premiere

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Die Gaststätte Zum alten Feld sei so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer, sagen Peter Miesch und Gerda Piur. Als sie es nach zwei Monaten Corona-Zwangspause wieder betreten, freuen sie sich und staunen.

Selm

, 14.05.2020, 19:24 Uhr / Lesedauer: 2 min

Statt nach Bier und Braten duftet es nach Desinfektionsmittel. Statt fröhlichem Stimmengewirr herrscht gepflegte Stille. Und der Gastraum sieht auch anders aus. Als Peter Miesch und Gerda Piur am Dienstag (12. 5.) ihr Lieblingsrestaurant Zum alten Feld an der Werner Straße betreten, ist alles etwas anders als vor rund sieben Wochen - sie selbst ebenfalls.

Zehn Punkte, die man wissen muss, bevor es reingeht

Das Paar aus Selm hat sich nicht nur schick gemacht wie immer, wenn es ausgeht. Es hat sich auch vermummt. Beide haben weiße Masken über Mund und Nase gezogen. Ohne diesen Schutz dürften sie auch gar nicht eintreten. Da ist Astrid Vogt streng. Die Wirtin informiert die Gäste bereits bei der Reservierung am Telefon über die Hygiene-Auflagen. Und auch wer es ohne vorherige Tischbestellung versucht, kommt nicht vorbei an den Regeln zum Restaurantbesuch in Zeiten von Corona.

Erst am Tisch dürfen Gäste (in diesem Fall die Berichterstatterin) den Mundschutz abnehmen: eine Voraussetzung, um essen und trinken zu können.

Erst am Tisch dürfen Gäste (in diesem Fall die Berichterstatterin) den Mundschutz abnehmen: eine Voraussetzung, um essen und trinken zu können. © Sylvia vom Hofe

„Eingang nur mit Mundschutz! Bitte Abstand vom Vordermann, steht an der Eingangstür. Darunter hängt ein zweiter Zettel: eine Begrüßung und vor allem eine Erklärung, „wie es ab hier weitergeht“ - zehn Punkte, von denen der letzte sogar in roter Tinte verfasst ist.

Wann der Kopf zur Seite zu drehen ist

Wer glaubt, schnell daran vorbei huschen zu können, hat sich geirrt. Denn Im Vorraum stößt er auf die gleiche Liste: von dem Hinweis, nur einzutreten, „wenn Sie vollzählig sind“ und zu warten, bis man einen Tisch zugewiesen bekommt bis zu der Erinnerung, den Mundschutz erst am Tisch abzunehmen und ihn auf dem Weg zur Toilette wieder anzulegen. Punkt zehn, der in Rot, besagt: „Bei Begegnungen unter 1,50 Metern den Kopf etwas zur Seite drehen“. Dabei sind solche Begegnungen eigentlich unmöglich.

An den Regeln kommt niemand vorbei, der die Gaststätte Zum alten Feld betritt.

An den Regeln kommt niemand vorbei, der die Gaststätte Zum alten Feld betritt. © Sylvia vom Hofe

Die rustikale Theke ist verwaist: kein Barhocker davor, keine Bedienung dahinter. Und im Speiseraum fehlt die Hälfte der Tische. Der Abstand zwischen den verbliebenen Sitzgruppe misst mehr als zwei Meter. Und damit erst gar keiner auf die Idee kommt, flugs zum Nachbartisch herüber zu rücken, versperren große Trockenblumengestecke den Weg.

Das ist für Peter Misch und Gerda Piur besonders gewöhnungsbedürftig: der große Abstand zu anderen Tischen. „Wir treffen hier immer Bekannte“, sagt die Frau, die seit 22 Jahren in Selm lebt. Kein Wunder: „Peter kennt hier fast jeder“: wegen seiner Fußball-Leidenschaft, seiner langjährigen Berufstätigkeit für NSM Magnettechnik oder aus seiner Nachbarschaft am Buddenberg. An diesem Dienstag sind weder Sportfreunde, noch Nachbarn oder alte Kollegen da. Das Paar ist zunächst ganz alleine in der Gaststube.

Sorge vor der nächsten Infektionswelle

Viele hätten nach den Wochen der Isolation Angst vor den Lockerungen der Corona-Bestimmungen, meint Wirtin Astrid Vogt. Das kann sie auch durchaus verstehen. Sie teile die Sorge vor einer zweiten Infektionswelle, „die uns alle wieder weit zurückwerfen würde“.

Sie selbst hätte es verstanden, wenn das Land NRW noch etwas länger gewartet hätte. Anders als manch anderer Gastronom hat die Betreiberin des traditionsreichen Restaurants auch noch Reserven - auch weil das Gasthaus Eigentum ist und es durch den Hotelbetrieb noch ein zweites Standbein gibt. Hotelbetrieb - trotz Corona?

Trockenblumen trennen die Tische.

Trockenblumen trennen die Tische. © Sylvia vom Hofe

Ja, aber nur für Menschen, die beruflich unterwegs sind: Monteure. „Allen anderen müssen wir auch weiterhin absagen“, sagt Astrid Vogt, egal, ob Reisende, die ihre Angehörigen besuchen möchten oder Fahrradtouristen. Oder Geburtstagsgäste.

„Ich hatte im Februar hier meinen 80. Geburtstag gefeiert“, erzählt Peter Miesch: eine große Fete bis in den frühen Morgen. Ein Vierteljahr später sitzt er im selben Raum und schüttelt den Kopf: „Das wäre jetzt alles nicht möglich“ - bis auf das Essen. Das schmecke ihm wieder so gut wie damals - und lässt Mundschutz, Desinfektionsmittel und Abstandsregeln vergessen. Für einen Moment.

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