Rote Herzkammer oder schwarzes Nest? Selm legt sich seit 1946 nicht fest

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Selm ist hin- und her gerissen zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Zwischen Rot und Schwarz. Das spiegeln auch die Parteibücher der Bürgermeister seit 1946. Längst gibt es einen Trend.

Selm

, 14.07.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Bergarbeitersiedlungen in Selm und in Lünen sehen ähnlich aus. Die gleichen Architekten haben dort ihre Handschrift hinterlassen. Oft fuhren die Bewohner in denselben Zechen ein. Die Mehrheit der Menschen hier wie dort tickte dennoch politisch anders.

Selms große Nachbarin Lünen war 51 Jahre lang Teil der roten Herzkammer des Reviers: Rat und Bürgermeisteramt waren fest in SPD-Hand. Obwohl sich Selm gerne als ständige Vertretung des Ruhrgebietes im Münsterland bezeichnet, war die politische Ausrichtung dagegen nie typisch fürs Revier.

Patt bei den Bürgermeistern: 34 Jahre CDU, 35 Jahre SPD

Zwischen SPD und CDU gibt es nahezu eine Pattsituation in der politischen Langzeitbetrachtung. Von 1946, der ersten Kommunalwahl seit Ende des Zweiten Weltkrieges, bis zur letzten Wahl des Bürgermeisters 2015 hielten die Kandidaten der Union 34 Jahre lang das Zepter der Stadt in der Hand und die Kandidaten der Sozialdemokraten 35 Jahre.

Seit 1999 können die Wähler direkt über den Bürgermeister entscheiden. In den Wahlperioden zuvor hatte der jeweilige Rat das Stadtoberhaupt gewählt: ein Ehrenamt der besonderen Art. Denn der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin war damals zwar das Gesicht des Stadtrates, aber nicht der Chef oder die Chefin der Stadtverwaltung. Das ist erst seit 1999 möglich - seit der Abschaffung der kommunalen Doppelspitze in NRW.

Seit 1999 ist der Bürgermeister Chef im Rathaus

Beim politischen Patt blieb es in Selm auch danach. Es steht aktuell zwei zu zwei. Von 1999 bis 2009 hatten zwei CDU-Mitglieder das Amt des Bürgermeisters inne: erst Marie-Lis Coenen, die erste hauptamtliche Bürgermeisterin Selms, dann der glücklose Jörg Hußmann, der sich in der laufenden Amtsperiode als Bürgermeister von Greven bewarb - und unterlag. Ihm folgte für die SPD der aktuelle Amtsträger Mario Löhr - und das für zwei Wahlperioden. Bei der jüngsten Wahl 2015 trat Löhr ohne einen Gegenkandidaten an und erzielte 79 Prozent der Ja-Stimmen.

Die 1970er-Jahre sind in Selm noch ganz bundesrepublikanisch von den beiden großen beiden Parteien geprägt: CDU und SPD. Dazu hatte sich die kleine FDP gesellt: ein traditionelles Wahlverhalten, das die Wählerinnen und Wähler in den 1980er-Jahre plötzlich abschüttelten.

1984 trat die UWG erstmals an und zog gleich in den Rat

Die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) trat zur Wahlperiode 1984 auf den Plan. Sie erzielte aus dem Stegreif mehr als zehn Prozent der Stimmen: keine politische Eintagsfliege. Die UWG war gekommen, um zu bleiben: Bis heute ist die Wählergemeinschaft im Selmer Rat vertreten. Sie konnte ihren Anteil an den Wählerstimmen bis auf über 19 Prozent in den letzten beiden Wahlperioden beinahe verdoppeln.

Mit dem neuen Jahrtausend wurde es bunter im Selmer Rat. Die Jahrzehnte währende Ära eines Drei-Parteien-Rates endete. Erst waren die Liberalen diese dritte Kraft, 1984 hatte die UWG diese Rolle eingenommen. Danach hieß es Stühlerücken: Mit jeder neuen Wahlperiode im 21. Jahrhundert gesellte sich eine weitere Partei im Selmer Stadtrat dazu. Das ging zu Lasten der beiden Großen.

1999 konnten die Christdemokraten noch mit einer absoluten Mehrheit der Wählerstimmen glänzen. Die Jahrtausendwende brachte den freien Fall Richtung 30-Prozent-Marke. 32,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler konnte die CDU in der laufenden Periode für sich mobilisieren.

Jahrtausendwende: Die Kleinen wachsen zu Lasten der Großen

Der SPD erging es ähnlich. Wählerstimmen über 40 Prozent sind nur noch Wunschdenken der Sozialdemokraten. Bei der Kommunalwahl 2014 erhielten sie 32,8 Prozent der Stimmen: ein hauchdünner Vorsprung vor der CDU.

Inzwischen sind die beiden Großen von einst, kleine Große geworden, die sich mit einer wachsenden Zahl von Kleinen konfrontiert sehen. Das führt zu weniger Rivalität und mehr Gemeinsamkeit. Schon vor Jahren hat die UWG, die sich oft in der Rolle der Opposition sieht, den Begriff von der Großen Koalition geprägt: die Groko von Selm, die große Projekte gemeinsam durchsetzt.

Nicht nur das Erstarken der UWG raubte CDU und SPD ihre einst satten Mehrheiten. 2004 meldete die FDP sich mit immerhin vier Prozent zurück. 2009 erreichte auch Die Linke 4,4 Prozent und zog erstmals in den Stadtrat ein. 2014 gesellten sich die Grünen mit 6,8 Prozent der Stimmen als sechste Kraft hinzu.

Von den Linken zur Fraktion „Wir für Selm“

Bei sechs politischen Kräften ist es zum Ende der Wahlperiode geblieben. Die Linke-Fraktion gibt es allerdings nicht mehr. Die beiden gewählten Vertreter haben eine neue Fraktion gebildet: „Wir für Selm“. Und der gewählte FDP-Vertreter gehört nach dem Bruch mit seiner Partei dem Rat als parteiloses Mitglied an.

Am 13. September entscheidet das Selmer Wahlvolk erneut über die Zusammensetzung des Rates und darüber, wer als Bürgermeister ins Chefbüro des Amtshauses einziehen wird. Die Auswahl ist so groß wie seit langem nicht mehr: Sechs Kandidaten sind angetreten, fünf Männer und eine Frau.

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