Rückgang ist dramatisch: Nur noch acht Kiebitz-Paare in ganz Selm

hzNaturfreunde alarmiert

Einer Vogelart beim Aussterben zugucken: So nennt Uwe Norra das, was mit den Kiebitzen passiert. Gerade einmal acht Brutpaare des einstigen Allerweltsvogels gibt es noch in Selm.

Selm

, 14.04.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kiebitze kehren in der Regel Mitte Februar zurück aus Frankreich und Spanien - wenn sie überhaut noch zurückkehren. Das ist aber immer seltener der Fall. In Selm ist die Zahl der Brutpaare erstmals einstellig geworden - Tendenz weiter sinkend.

Gaukler der Lüfte vollführt tollkühne Akrobatik

„Das ist ein Drama“, sagt Uwe Norra. Der „Kiewitt-kiewitt“-Ruf sei in seiner Kindheit allgegenwärtig gewesen im Frühjahr, sagt der 63-jährige Ornithologe. Ein Osterfest ohne Kiebitzrufe sei ebenso undenkbar gewesen wie ohne Hasen. Heute würden dagegen viele den Kiebitz gar nicht mehr kennen. Und da entgeht ihnen etwas. Denn der Kiebitz hat nicht nur akustisch viel zu bieten.

Seinen Beinamen, Gaukler der Lüfte, trägt er nicht von ungefähr. Um seine Partnerin zu beeindrucke, vollführt der Vogel tollkühne Flugmanöver: steil in die höhe, kopfüber in die Tiefe und manchmal sogar auf dem Rücken. Aber auch wenn der Flugakrobat am Boden läuft, ist er ein Hingucker mit seinem metallisch schimmernden schwarz-weißen Gefieder und der lange Schopf auf dem Kopf: dem Unterscheidungsmerkmal zwischen den Geschlechtern. Der des Männchens ist etwas länger als der des Weibchens.

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In der Hälfte der Städte und Gemeinden des Kreises Unna haben Mitglieder der ornithologischen Arbeitsgemeinschaft am Stichtag 4. April kein einziges Kiebitzpaar mehr angetroffen. Auch in Lünen, wo Uwe Norra als Kind an jeder Ecke Kiebitze beobachten konnte, gibt es 2020 erstmals kein einziges Paar mehr: ein Schicksal, das auch dem ländlicher geprägten Selm droht, wie Norra befürchtet.

Nabu: Intensivierung der Landwirtschaft ist Ursache

„Der Lebensraum wird einfach immer knapper“, sagt Norra. Der Kiebitz leide „vor allem unter der Intensivierung der Landwirtschaft. Feuchtwiesen wurden und werden trockengelegt und die verbleibenden Wiesen immer intensiver genutzt.“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Bei der heute üblichen frühen Mahd der Wiesen würden die Nester zerstört oder die Jungen getötet. Ein Ausweichen auf Ackerflächen sei ebenfalls schwierig.

Durch den hohen Anteil an Winterfrüchten in der Fruchtfolge sei im Frühjahr der Boden oft nicht offen genug. Kiebitze bauten schließlich nur da Nester auf den Boden, wo sie eine gute Rundumsicht haben, um Räuber schnell zu entdecken. Blieb das Ausweichen auf den Maisacker, denn Mais wächst erst spät. Dort werden laut Nabu die Nester aber häufig durch die Bodenbearbeitung zerstört.

Norra: „Wo heute der Rodelhügel ist, waren drei Brutpaare“

Nicht nur die Art der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen setzt dem Vogel zu, sondern auch die Stadtplanung. „Wo jetzt der Rodelhügel ist, waren vorher drei Brutpaare“, sagt Norra mit Blick auf Selms neues Zentrum mit Campus und Auenpark.

„Leider ist der Kiebitz extrem standorttreu“, sagt Norra. Anstatt sich schon bald nach etwas Besserem um zu sehen, fliege er immer wieder den alten Brutplatz an: zum Beispiel an der Olfener Straße. Die Freifläche nahe der Bahnlinie sei immer kleiner geworden. Der Vogel versuche aber dennoch dort seine Jungen groß zu ziehen. So war es auch am Hüttenbachweg in Beifang. Jahr für Jahr waren dort Kiebitze, jetzt kein einziger

Initiativen zum Schutz der Art

Norra weiß auch von Initiativen zum Schutz des vom Aussterben bedrohten Vogels: Landwirte, die Gelege markieren und die Fläche dann umfahren. Andere, die sogenannte Kiebitzfenster anlegen: Sie lassen Flächen rund um nasse Mulden herum unbewirtschaftet oder verzichten auf drei, vier Saatreihen. Ohne einen solchen Einsatz wäre der“Kiewitt-kiewitt“-Ruf schon komplett verstummt.

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