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„Ein tolles Werk.“ Kunstpfleger Dr. Reinhard Karrenbrock kommt ins Schwärmen, wenn er über das Cappenberger Altarbild spricht. Jetzt ist es verschwunden und kommt auch nicht so bald zurück.

Cappenberg

, 16.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Der Tisch ist leer. Links neben der Seiteneingangstür, wo seit fünf Jahrhunderten, das Leiden Christi zu besichtigen war, stehen ein paar Blumen in der Vase, sonst nichts. Keine Spur von dem farbenprächtigen, dreiteiligen Altaraufsatz. Nicht die einzige Fehlstelle in der Stiftskirche neben Schloss Cappenberg.

Wer rechts in das Seitenschiff einbiegt, sieht an zwei Stellen der Außenwand schattenhafte, rechteckige Verfärbungen: untrügliche Spuren, dass hier viele Jahre lang Bilder hingen: Gemälde, die zusammen mit dem Altar verschwunden sind. Eine Rettungsaktion auf letztem Drücker.

„Es ging einfach nicht mehr.“ Dr. Reinhard Karrenbrock, Kunstpfleger des Bistums Münster, hat durchgegriffen. Noch länger die kostbaren Kunstwerke in der Kirche zu lassen sei nicht zu verantworten gewesen, sagt er. Denn der Ort, für den sie einst geschaffen wurden und den sie Jahrhunderte lang verschönerten, ist plötzlich zu einer Bedrohung für die Malereien geworden.

Die Gefahr ist winzig klein

Die Gefahr ist mit bloßem Auge zunächst nicht zu erkennen: winzige Sporen in der immer etwas feuchten, leicht modrigen Luft. Schimmel. Wer ganz genau hinschaut, kann ihn aber nicht mehr übersehen: an Holzleisten, auf Orgelpfeifen – und auf den Bildern. Dort, sagt Karrenbrock, sei er besonders gefährlich. Denn er frisst die Malschicht auf. Bis zur Sanierung der Kirche, die Anfang 2020 beginnen soll, „hätten wir nicht warten dürfen.“

Schimmel in der Stiftskirche hat wertvolles Altarbild befallen

Schimmel: Diese Regalplatte bildet zugleich einen Reil des Unterbaus des kostbaren, 500 Jahre alten Chorgestühls. © Foto: Sylvia vom Hofe

Die fast 900 Jahre alte Cappenberger Kirche ist keine Ausnahme: Während sich die Gläubigen zunehmend rar machen, zieht es die Schimmelpilze in Scharen in die Gotteshäuser. Jede dritte Orgel gilt als von Schimmel befallen. Bistümer haben inzwischen Klimaschutzmanager. Und erst im Januar gab es in Hildesheim eine Fachtagung, die sich allein dem Thema „Klimazone Kirche“ widmete. Warum das Problem plötzlich so um sich greift, hat viele Ursachen.

Die Ursachen: Von falschem Heizen bis Klimawandel

Schlagregen, Sickerwasser, Wärmebrücken, unzureichende Beheizung, mangelhaftes Lüftungsverhalten: Das sind nur einige der bauphysikalischen Gründe, die in der Broschüre „Schimmelpilze in Orgeln“ der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern nachzulesen sind. Bestimmt auch der Klimawandel. „In jedem Fall“, sagt Pater Gregor Pahl, der Pfarrer der Kirchengemeinde, „ist die Sanierung unserer Kirche dringend nötig.“ Und das eigentlich schon seit Jahren. Anfang 2020 wird es so weit sein.

Der genaue Umfang und Anlauf der Arbeiten steht immer noch nicht fest. Dass die Gemeinde eine ganze Zeit lang ihr Gotteshaus nicht wird betreten kann, ist aber schon sicher. Ende 2021 muss alles fertig sein. „Denn 2022 ist unser großes Jubiläumsjahr“, sagt Pater Gregor.

Die 900-Jahr-Feier rückt näher

Im Jahr 1122 übertrug Graf Gottfried von Cappenberg seine Burg und seinen gesamten übrigen Besitz dem damals gerade gegründeten Orden der Prämonstratenser. Er stiftete so das erste Kloster dieser Gemeinschaft auf deutschem Boden. Ein Grund zum Feiern – in einer rundum sanierten Kirche. Und mit einem von Schimmel befreiten Altaraufsatz.

„Der größte Teil des Schimmels ist bereits entfernt“ sagt Kunstpfleger Karrenbrock. Er war erst vor kurzem in der Restauratorenwerkstatt in Wesel und hat sich selbst ein Bild von den Arbeiten gemacht. Der spätgotische Altaraufsatz von Jan Baegert (1465-1535) sei schließlich schon „etwas ganz Besonderes“. Der hartnäckige Pilz habe sich besonders auf blauen Partien wohlgefühlt: auf dem Kleid der um ihren Sohn trauernden Maria etwa. „Diese Bereiche sind besonders befallen.“ Nach jetzigem Stand scheint er aber auch dort keine bleibenden Schäden verursacht zu haben. Auch die beiden, einige Jahrzehnte jüngeren Bilder aus dem Seitenschiff hofft er, gerade noch rechtzeitig gerettet zu haben.

Schimmel in der Stiftskirche hat wertvolles Altarbild befallen

Die Stiftskirche Cappenberg wird ab 2020 saniert. © Foto: Sylvia vom Hofe

Und was ist mit den Kunstwerken, die noch in der Kirche verbleiben: etwa das weit und breit einzigartige, geschnitzte Chorgestühl? Sicher, Schimmelbefall gebe es auch dort, so Karrenbrock. Das Holz sei aber widerstandsfähiger als die Gemälde.

Besteht Gesundheitsgefahr?

Besteht auch eine Gefahr für Menschen? „Schimmelpilzsporen und Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen werden eingeatmet und können allergische Reaktionen und lokale Reizungen auslösen“, ist in der Broschüre der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern nachzulesen. Bindehaut-, Hals- und Nasenreizungen, Husten, Kopfweh oder Müdigkeit seien Symptome. Es sei aber „nicht möglich anzugeben, ab welchen Schimmelpilzkonzentrationen in der Raumluft eine gesundheitliche Gefährdung der Bewohner vorliegt“. Allerdings: So lange, dass man wirklich von wohnen sprechen könnte, hält sich in der Kirche auch niemand auf.

Sobald die Sanierung beginnt, werde es Analysen des Pilzes geben, sagt Dr. Karrenbrock. Den Feind genau zu kennen, hat immer Vorteile. Und wenn die Arbeiten erst einmal beendet sind, sei es empfehlenswert, jedes Jahr die Kirche zu warten. „In anderen Kirchen haben wir damit bereits gute Erfahrungen gemacht.“

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