Nie war ein Luftangriff in Selms Geschichte verheerender, als der auf die Lufthauptmunitionsanstalt (Muna) in Bork 1945. Nun jährt sich das Ereignis, bei dem 78 Menschen starben, zum 75. Mal.

Bork

, 10.04.2020, 10:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bei dem verheerenden Luftangriff auf die Lufthauptmunitionsanstalt in Bork am 9. März 1945 kamen 78 Menschen durch alliierte Bomberverbände ums Leben. Mehr als 100 wurden verletzt. Nun jährt sich der Angriff zum 75. Mal. Wir werfen einen Blick zurück und veröffentlichen diesen Text noch einmal, den wir anlässlich des 70. Jahrestages recherchiert hatten.

Die Alliierten hatten den Eingangsbereich der Munitionsanstalt ausgerechnet während des Schichtwechsels bombardiert, als viele Arbeiter darauf warteten, abgeholt zu werden. Wenn Franz Gesterkamp vom Garten seines Hauses Am Pastorenbusch in Richtung Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) der Polizei NRW blickt, kommen Erinnerungen hoch. „50 Bomben sind hier runtergekommen“, erzählt Zeitzeuge Gesterkamp. Als die Bomber damals kamen, war er zwölf Jahre alt und befand sich zum Glück nicht in der Nähe des Ziels: die Lufthauptmunitionsanstalt – kurz Muna.

Gut versteckt in den Wäldern Borks

Die Muna in Bork fertigte ab 1938 leichte Flakmunition (2 und 3,7 Zentimeter) und schwere Flakmunition (8,8 und 10,5 Zentimeter). Sie war eine von 370 Munitionsfabriken im Dritten Reich. „Einen traurigen Rekord hat die Muna: Sie war die größte Munitionsanstalt und daher natürlich kriegsrelevant“, sagt Lünens Stadtarchivar Fredy Niklowitz, der gleichzeitig auch das Archiv des Heimatvereins Bork verwaltet. In den Wäldern Borks war die Anlage gut versteckt. Beim Bau waren so wenig Bäume wie möglich abgeholzt worden. Zudem errichtete man eine Attrappe zwischen Bork und Waltrop, die nachts leicht beleuchtet wurde – das sollte den Feind auf eine falsche Fährte führen.

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Bombenangriff Muna 75 Jahre

Nie war ein Luftangriff in Selms Geschichte verheerender als der auf die Lufthauptmunitionsanstalt in Bork am 9. März 1945. Nun jährt sich das Ereignis, bei dem 78 Menschen durch alliierte Bomberverbände ums Leben kamen und mehr als 100 verletzt wurden, zum 75. Mal.
09.04.2020
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Die Bombentoten haben auf dem Friedhof in Bork eigene Reihen. 18 Steinkreuze stehen auf derlinken Seite des Hauptkreuzes, acht weitere von Fremdarbeitern in dem linken Seitengang neben dem Hauptkreuz.© Sebastian Reith
Ubbo Mansholt, Dezernent für Luftbildauswertung beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe, sucht auf alten Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg nach Bombenblindgängern.© Sebastian Reith
Die Bombentoten haben auf dem Friedhof in Bork eigene Reihen. 18 Steinkreuze stehen auf derlinken Seite des Hauptkreuzes, acht weitere von Fremdarbeitern in dem linken Seitengang neben dem Hauptkreuz.© Sebastian Reith
Die Bombentoten haben auf dem Friedhof in Bork eigene Reihen. 18 Steinkreuze stehen auf derlinken Seite des Hauptkreuzes, acht weitere von Fremdarbeitern in dem linken Seitengang neben dem Hauptkreuz.© Sebastian Reith
Die Bombentoten haben auf dem Friedhof in Bork eigene Reihen. 18 Steinkreuze stehen auf derlinken Seite des Hauptkreuzes, acht weitere von Fremdarbeitern in dem linken Seitengang neben dem Hauptkreuz.© Sebastian Reith
Die Bombentoten haben auf dem Friedhof in Bork eigene Reihen. 18 Steinkreuze stehen auf derlinken Seite des Hauptkreuzes, acht weitere von Fremdarbeitern in dem linken Seitengang neben dem Hauptkreuz.© Sebastian Reith
Mehrere Bombensplitter hat Franz Gesterkamp gefunden, als er 1978 mit dem Hausbau am Pastorenbusch begann.© Sebastian Reith
Mehrere Bombensplitter hat Franz Gesterkamp gefunden, als er 1978 mit dem Hausbau am Pastorenbusch begann.© Sebastian Reith

Herz der Anlage waren die beiden „Spinnen“, wie sie im Volksmund hießen – zwei Komplexe aus je fünf Fertigungshallen, in denen arbeitsteilig die Munition zusammengebaut wurde. „Perfide war, dass die Dächer der Fertigungshallen so leicht gebaut waren, dass die Energie bei Explosionen – und damit musste man rechnen – nach oben weggehen konnte. Die Mauern blieben also stehen. So konnte man die Hallen schneller reparieren“, erklärt Niklowitz. Zeitweise arbeiteten 1600 Menschen in der Fertigung, dem daran angeschlossenen Verpackungsbereich, der Hülsenreinigung und in den Nähstuben.

Am Morgen des 9. März 1945 wurde schon um 9 Uhr Fliegeralarm ausgelöst und dauerte bis um 16 Uhr. Dann war Schichtwechsel. „Der Schichtwechsel war damals in drei Abschnitte geteilt, weil die Alliierten vorher versucht hatten, Straßen zu bombardieren und die Busse zu treffen“, sagt Niklowitz. Gegen 17 Uhr sollen Arbeiter in einer langen Schlange an der Lohnstelle gestanden haben. „Der erste Trupp war schon weg, der zweite hatte sich versammelt, als plötzlich die Bomber auftauchten.“ Fliegeralarm war nicht ausgelöst worden.

Die Bombentoten haben auf dem Friedhof in Bork eigene Reihen. 18 Steinkreuze stehen auf derlinken Seite des Hauptkreuzes, acht weitere von Fremdarbeitern in dem linken Seitengang neben dem Haupt

Die Bombentoten haben auf dem Friedhof in Bork eigene Reihen. 18 Steinkreuze stehen auf derlinken Seite des Hauptkreuzes, acht weitere von Fremdarbeitern in dem linken Seitengang neben dem Hauptkreuz. © Sebastian Reith

Die Bomben, die aus großer Höhe fielen, trafen den Eingangsbereich der Muna, verwüsteten das Gelände des heutigen LAFP, die Schreinerei war zerstört und das Dach der Näherei eingestürzt und hatte Menschen unter sich begraben. „Wie auf dem Mond“ habe es hier ausgesehen, sagt Franz Gesterkamp. Der Angriff hatte das nördliche Ende der Muna in eine Kraterlandschaft verwandelt.

Noch heute gibt es Spuren des Luftschlags

Getroffen hat es auch Häuser in der damaligen Herman-Göring-Straße, heute Am Pastorenbusch, wo Gesterkamp ab 1978 sein Wohnhaus baute. In der Straße hatten Militärs gewohnt. Wenn Franz Gesterkamp durch seine Straße geht, weiß er noch genau, welche Häuser voll getroffen worden waren. Bei seinem Nachbarhaus hat er damals persönlich mit angepackt, Stein auf Stein wieder aufzubauen – der Ostgiebel war weggesprengt worden.

Von dem Luftschlag gegen die Muna gibt es hier noch heute Spuren. Ein paar Bombensplitter hat Gesterkamp in einer Tüte im Garten aufgehoben. Beim Hausbau fand er die Kriegsrelikte zwischen Grashalmen auf der Wiese. In dem Waldstück zwischen Pastorenbusch und Südfeldbach gibt es auch heute noch einen Bombentrichter, wie die Fachleute die Einschlagsstellen nennen: kreisrund, zehn Meter Durchmesser, ein paar Meter tief. In den Wintermonaten staut sich hier Wasser, im Sommer trocknet der Tümpel meist aus. „Das Holz hier im Wald will keiner haben“, sagt Gesterkamp. Die Rotbuchen, Hainbuchen und Eichen – teilweise mehr als 100 Jahre alt – können Metallsplitter in den Stämmen haben. Bei der Holzverarbeitung können die gefährlich werden.

200 Bombentrichter mit zehn Metern Durchmesser

Auf den Luftbildern beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe in Hagen kann man den Angriff noch nachvollziehen. 130.000 Fotos der Royal Air Force lagern im Archiv der Luftbildauswertung (LBA), die auf diesen eigentlich nach Bombenblindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg sucht. Einsicht darf die LBA nicht gewähren, dafür aber Interpretationen von Luftbildern mitteilen: Bei der Durchsicht der etwa 90 Bilder für den Bereich der Muna erkennt Ubbo Mansholt, Dezernent für Luftbildauswertung und Vermessung, den Angriff ohne Zweifel – und es wird das gesamt Ausmaß des Angriffs deutlich. Etwa 200 Bombentrichter mit etwa zehn Metern Durchmesser seien bei dem Bombardement entstanden. „Das weist auf ein Kaliber von 250-Kilogramm-Sprengbomben hin“, erklärt Mansholt.

Ubbo Mansholt, Dezernent für Luftbildauswertung beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe, sucht auf alten Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg nach Bombenblindgängern.

Ubbo Mansholt, Dezernent für Luftbildauswertung beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe, sucht auf alten Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg nach Bombenblindgängern. © Sebastian Reith

In Bork war das Bombardement vom 9. März 1945 aber nicht der einzige Angriff. Laut Amtschronik fielen während des Zweiten Weltkrieges 520 Minen und Sprengbomben und 1053 Brandbomben auf das Gebiet der damaligen Gemeinde. Rund 1100 Mal wurde während der Kriegsjahre Fliegeralarm ausgelöst. Nur eine Woche nach dem Angriff auf die Muna kam es zu einem weiteren Unglück mit vielen Toten. Tiefflieger beschossenen einen Bus, der von der Zeche Minister Achenbach in Brambauer nach Hause fuhren. 24 Bergarbeiter aus Bork und Selm starben. Am 31. März war für Bork der Krieg zu Ende. Dann marschierten die Alliierten im Dorf ein.

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