Der Ortsteil Selm hat viel Gutes für seine Bewohner. Das hat unser großer Ortsteilcheck ergeben. Warum genau er sich hier wohlfühlt, erzählt Jens Althoff (39).

18.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Ein Thema, das dem Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr Münster ganz wichtig ist: „Heimat“, sagt Jens Althoff im Gespräch mit der Redaktion. Die Bauerschaft Ternsche, in der Althoff wohnt, liege direkt am Landschaftsschutzgebiet. Solche Grünflächen im Ortsteil Selm, darauf legt Jens Althoff besonderen Wert, bekommen eine 8 von den Lesern. 10 Punkte wären möglich gewesen. „Ich würde der Lebensqualität in Selm eine 7 bis 8 geben“, erklärt der 39-Jährige, der sich auch im Selmer Heimatverein engagiert - als eines der jüngsten Mitglieder.

Althoffs Meinung spiegelt einige Ergebnisse des Ortsteil-Checks deutlich wider. In punkto Lebensqualität haben die Bewohner des Ortsteils Selm eine 8 vergeben. Nur die Cappenberger haben noch einen drauf gesetzt. Sie vergaben 9 Punkte für Lebensqualität in Cappenberg.

Das wurde gut bewertet

Wohnen: Auch das Wohnen bekommt für den Ortsteil Selm immerhin 6 von 10 Punkten. Jens Althoff selber lebt in einem Anbau auf dem Hof seiner Eltern: im Grünen.

Innerhalb des Ortsteil-Checks haben sich auch andere differenziert geäußert und nicht nur Noten vergeben. „Ich bin in Selm glücklich. Die Politik sollte sich nur Gedanken machen, dem Bürger nach all den Erhöhungen auch mal was wieder zu geben“, schreibt etwa eine Frau aus der Altersstufe zwischen 50 und 70. Sich wohlzufühlen in Selm ist keine Einzelmeinung. „Ich lebe gerne in Selm“, notierte ein anderer Leser, der angegeben hat, unter 25 Jahre alt zu sein. Das sieht jedoch nicht jeder so: „Bin froh, wenn ich hier weg bin“, kommentiert eine Frau zwischen 35 und 50 Jahren.

Selm: Insgesamt hohe Lebensqualität trotz schlechter Verkehrsanbindung und fehlender Läden

Die Bedingungen für Radfahrer seien gut, sagen die Leser. Es gibt aber auch Einschränkungen. © Arndt Brede

Radfahren: In dieser Kategorie erhält Selm eine 8. Und die Stadt bekommt von einer Leserin zwischen 35 und 50 Jahren besonderes Lob: „Der Radweg auf der Kreisstraße ist super.“ Eine Einschränkung macht sie aber dann doch: „Wäre schön, wenn Selm mehr Radwege hätte beziehungsweise mehr Wert auf die Radfahrer legen würde.“ Der fehlende Radweg auf dem Sandforter Weg und der Ludgeriestraße, mache das Radfahren für alle Beteiligten leider sehr gefährlich.

Die Stadt arbeitet gerade an einem Mobilitätskonzept. Gegenüber der Redaktion hat die Beauftrage für Umwelt, Klimaschutz und Mobilität bei der Stadt Selm, Julia Schmidt, unlängst erklärt, es würden neue Ideen für das Radwegenetz entwickelt.

Nahversorgung: Für den Ortsteil Selm gab es in dieser Kategorie sogar eine 9 von unseren Lesern. Wobei sich der eine oder andere auch kritisch äußert. So erklärt ein Leser, der aus der Altersgruppe zwischen 35 und 50 Jahren und aus Selm-Beifang kommt: „Ist man auf Angebotssuche bei Lidl, Aldi und Rewe, hat man, wenn man in Beifang wieder angekommen, ist schon 8 Kilometer Wegstrecke auf dem Tacho stehen. Wirtschaftlich ist das weder für den Geldbeutel noch für die Umwelt.“

Eine Leserin (zwischen 50 und 70) merkt an: „Ich finde, dass es zu wenige Geschäfte für junge Leute gibt (Bekleidung ). Boutiquen wären toll und die Preise müssen stimmen.“ Ein Mann aus der selben Altersgruppe sorgt sich auch um den Selmer Einzelhandel: „Parkplätze werden rigoros vernichtet und der ÖPNV funktioniert nicht. So werden die Käufer in die Nachbarstädte getrieben, um einzukaufen (im besonderen Lüdinghausen und Nordkirchen). Die kleinen Fachgeschäfte sterben aus und es soll nur noch Großflächenmärkte geben.“

Von der Infrastruktur könnte Selm in der Tat etwas mehr bieten, sagt Jens Althoff: „Aber die Bevölkerung gibt es halt nicht her.“ Er vermisse ein größeres Ladenangebot, „aber die Kaufkraft in Selm gibt das nicht her“. Den Geschäftsmittelpunkt zur Kreisstraße zu legen, finde er schade. Allerdings: „In der Altstadt gibt es ja keine Möglichkeiten zu erweitern.“

Selms Bürgermeister Mario Löhr sagt auf Anfrage der Redaktion zum Thema Geschäfte Folgendes: „Wir versuchen, durch den Um- und Neubau der Kreisstraße eine höhere Frequenz von Bürgern dort hinzubekommen.“ Die Stadt habe dort ja Imobilien erworben, damit sich Geschäfte niederlassen. Ein attraktiveres Umfeld erhöhe auch die Chance, dass sich attraktive Geschäfte dort ansiedeln. Zu dem Umfeld gehöre auch, dass die Stadt dort, wo das ehemalige Geschäft Sams Döner stehe, bald Parkplätze bauen werde.

Zu den derzeitigen Leerständen an der Kreisstraße sagt der Bürgermeister: „Viele sagen, dass es zu schwierig sei, dort Läden einziehen zu lassen. Sie seien teilweise nicht barrierefrei und zu klein. Ich hoffe, dass die Hauseigentümer dort investieren, damit sich das ändert.“

Verkehrsanbindung: Hier hat es zwar immerhin eine 6 von den Lesern gegeben. Aber wenn es um kritische Aussagen geht, ist das Thema Verkehrsanbindung das am meisten diskutierte bei unserer Umfrage. „Es ist für einen Arbeitnehmer leider nicht möglich, von Selm nach Münster mit dem Bus zu kommen, wenn man um 6.30 Uhr anfangen muss“, schreibt ein Mann (35 bis 50). Eine Frau (50 bis 70) erklärt sogar: „Verkehrsverbindungen sind mehr als nur unzureichend. Sie sind eine Katastrophe.“

Speziell spätabends gibt es wohl Probleme. Jedenfalls schreibt ein Leser (35 bis 50): „Nach 22 Uhr kommt man aus Richtung Olfen, Lüdinghausen, Lünen und Dortmund nicht mehr mit dem ÖPNV nach Selm.“ Auch dazu gibt die Stadt Selm eine Stellungnahme ab: „Das Thema Mobilität ist ein Dauerthema“, erklärt Bürgermeister Löhr. Busse, Züge, Ticketpreise: „Wir werden uns vor Ort als Bürgermeister und Verwaltung einbringen und die Missstände aufzeigen.“

So beklage das Berufskolleg Werne, dass die Berufsschüler aus Selm es schwer haben, nach Werne zu kommen. „Da sind wir gerade in der Diskussion, um eine mittelfristige Lösung hinzubekommen.“ Im Gespräch sei die Stadt Selm auch in Sachen Taxiversorgung in Selm in den Nachtstunden. Und zwar mit dem Kreis Unna. „Wir werden gemeinsam mit dem Kreis das Gespräch mit den Taxi- und Mietwagenunternehmen in Selm führen, um die Situation zu verbessern.“

Selm: Insgesamt hohe Lebensqualität trotz schlechter Verkehrsanbindung und fehlender Läden

Die Altstadt, so ist in den Bewertungen Selms zu lesen, gehört zu den lebenswertesten Bereichen Selms. © Arndt Brede

Das wurde negativ bewertet

Gastronomie: Ein Phänomen, was die Bewertung betrifft, ist das Thema Gastronomie. Stadtweit gab es dafür von unseren Lesern eine 4. Von den drei Ortsteilen (Selm, Bork, Cappenberg) wird der Ortsteil Selm mit einer 6 am besten bewertet. Und das, obwohl vom einstmals sehr großen Gaststättenangebot nicht mehr viele übriggeblieben ist. Wenn es Äußerungen in unserer Umfrage zum Thema Gastronomie gegeben hat, waren sie ausnahmslos kritisch. „Es fehlt abwechslungsreiche Gastronomie. Döner- , Pommes- und Pizzabuden haben wir genug“, schreibt ein Mann (50 bis 70).

Deutlich jünger, aber derselben Meinung ist ein weiterer Leser (25 bis 35): „Zum Thema Restaurants: Es gibt nur Pizzerien und Dönerläden. Wenn mal was Neues aufmachen will, bekommt er keine Genehmigung, weil nicht genug Parkplätze vorhanden sind, siehe Mexikaner. Gaststätten haben wir doch keine mehr bis auf Klähr und eventuell Suer.“

Bürgermeister Mario Löhr kann die stadtweit schlechte Benotung des Gastronomieangebots verstehen: „Die Bewertung ist zurecht so, wie sie ist. Mich ärgert es, wenn ich Selmer in Lüdinghausen in den Restaurants und Gaststätten sehe. Ich wünsche mir auch ein größeres Angebot in Selm.“ Allerdings habe die Stadt zur Verbesserung der Selmer Lage keine andere Handhabe als, „mit einer attraktiven Stadt zu werben“. Eine gute Aufenthaltsqualität könne Investoren nach Selm holen.

Selm: Insgesamt hohe Lebensqualität trotz schlechter Verkehrsanbindung und fehlender Läden

© Verena Hasken

Jens Althoff hat jedenfalls viel Positives für viele Bereiche zu nennen: „Die Stadt wächst, ist im Umbruch. Bei den Schulen sind wir gut aufgestellt. Was die Jugendförderung angeht, hat Selm in den letzten Jahren viel gemacht hat. Durch den Skatepark. Durch das Sunshine.“

Verkehrstechnisch wohne er an der Olfener Straße sehr gut: „Wir kommen schnell ins Dorf, schnell nach Olfen.“ Und mit dem Ternscher See habe Selm ein schönes Naherholungsgebiet, das auch eine gute Laufrunde biete: „Einmal um den See rum sind knapp fünf Kilometer.“

Historie


Wie aus Seliheim Selm wurde

Selm: Insgesamt hohe Lebensqualität trotz schlechter Verkehrsanbindung und fehlender Läden

So sah die heutige Ludgeristraße, damals noch Hauptstraße, in der Selmer Altstadt einst aus. Rechts sieht man die alte Post. © Heimatverein Selm

Nach der Gebietsreform 1975 wurden Selm und Bork, zu dem auch Cappenberg gehörte, zur Gemeinde Selm zusammengeschlossen. 1977 erhielt die Gemeinde Selm die Stadtrechte. Sie ist seitdem eine Stadt mit den Stadtteilen Selm, Bork und Cappenberg. Der Name tauchte schon 858 als „Seliheim“ auf und hat sich sprachgeschichtlich zu „Selm“ entwickelt. Der Ortsteil Selm hatte bis Anfang des 20. Jahrhunderts einen rein ländlichen Charakter. Neben der Dorfbauerschaft gehörten die Bauerschaften Beifang, Ondrup und Westerfelde dazu.
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