Swen Tammen aus Bork hat eine Petition gegen die neue Technologie 5G gestartet. Der Borker hat uns erzählt, warum 5G ihm Kopfzerbrechen bereitet und welche Alternativen er dazu sieht.

Bork

, 07.09.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Autos, die von alleine fahren. Ein Zuhause, in dem der Kühlschrank selbstständig die Einkaufsliste an einen Händler schickt und auch mit allen anderen Geräten vernetzt ist. Eine smarte Stadt, wo Sensoren direkt mitteilen, dass ein Gerät auf dem Spielplatz defekt ist. Und ultraschnelles Internet. Diese Technologie-Träume sollen durch die neue Technologie möglich werden: 5G.

Der ultraschnelle Mobilfunkstandard rückt näher. Erst am Mittwoch, 5. September, hat die Telekom als erstes Telekommunikationsunternehmen in Deutschland eine Urkunde der Bundesnetzagentur erhalten, die es dem Unternehmen ermöglicht, Frequenzen für die 5G-Technologie zu nutzen.

Petition „Kein 5G in Selm“

Wenn es nach Swen Tammen (51) geht, dann sollte diese Technologie aber lieber nicht nach Selm kommen. „Kein 5G in Selm“ ist deshalb die Petition überschrieben, die der Borker am 19. August gestartet hat. Bislang haben rund 750 Menschen die Petition unterzeichnet, allerdings aktuell nur 16 aus Selm selbst.

„Ich wünsche mir Dialog und Information“, sagt Swen Tammen. „Ich möchte die Selmer informieren und aufwecken.“ Der Softwareentwickler und Diplom-Physiker hat schon von Berufswegen ein Interesse für Informationstechnik und hat sich, wie er sagt, schon länger mit dem Thema 5G beschäftigt: Studien gelesen und sich informiert. Außerdem sei ihm der gesundheitliche Aspekt sehr wichtig, sagt er. Tammen arbeitet nebenberuflich auch als Meditationslehrer. Er möchte mit seiner Petition erreichen, dass sich die Politik und die Bürger mit 5G auseinandersetzen, bevor die Technologie für die Selmer zur Realität wird.

Mehr Sender um schnelleres Netz zu garantieren

5G soll bis zu 1000-mal mehr Datenvolumen übertragen als bisher, eine Datenübertragung in Echtzeit. Um das zu erreichen, müssen Mobilfunkanbieter auf höhere Frequenzbereiche setzen. Das hat dann aber eine geringere Wellenlänge zur Folge, was die Leistung verkleinert. Das wiederum heißt, dass mehr Sender benötigt werden, die dann auch deutlich näher an die Endnutzer heranrücken würden. Nicht zwangsläufig in Form von Sendemasten, aber zum Beispiel auch als kleinere Sender, die an Laternen installiert sind.

Die Antwort auf die Kernfrage, ob die Strahlung von Handys krebserregend ist, ist allerdings umstritten. Eine Expertengruppe der WHO hatte 2011 alle Studien zu dem Thema zusammengefasst, mit dem Ergebnis, dass Mobilfunkstrahlung „möglicherweise krebserregend ist.“ Weder eine Widerlegung, noch eine eindeutige Bestätigung.

Wirkung von 5G noch nicht gut erforscht

„Die Wirkung elektromagnetischer Strahlung des Mobilfunks auf den Menschen ist gut erforscht“, sagt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in einer Mitteilung. Unterhalb der Grenzwerte seien keine gesundheitlichen Auswirkungen nachgewiesen. Und die Grenzwerte würden eingehalten.

Ein Verein legt Grenzwerte fest Die Grenzwerte nach denen sich das BfS richtet, werden von der ICNIRP festgesetzt. Der Internationalen Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung. Sie ist in Deutschland ein eingetragener Verein und wird von der Weltgesundheitsorganisation und der Europäischen Union als Nicht-Regierungsorganisation anerkannt. Kritiker, wie auch Swen Temme, werfen der ICNIRP jedoch vor, sie sei zu industrienah und lasse keine kritischen Stimmen zu, da sie ihre Mitglieder selbst wählt. Außerdem seien ihre Werte zu hoch angesetzt.

Die Stadt Selm sagt, dass sie „aufgrund der unterschiedlichen wissenschaftlichen Aussagen keine fundierte Stellung“ zur Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit von 5G abgeben könne. „Festzuhalten bleibt jedoch, dass ähnliche Argumente bereits bei der Einführung der Mobilfunkstandards 3G (UMTS) und 4G (LTE) geäußert wurden. Hier hat sich gezeigt, dass die Auffassung, dass gesundheitliche Schäden bei sachgemäßem Gebrauch ausgeschlossen sind, sich durchgesetzt hat“, teilt Stadtsprecher Malte Woesmann mit.

Swen Tammen kennt diese Argumente. Der 51-jährige Softwareentwickler betont, dass er nicht technikfeindlich sei, aber „5G ist noch mal eine andere Dimension.“ Besser gesagt, eine andere Frequenz als das bisherige Netz. Die 5G-Frequenzen, die in diesem Jahr versteigert wurden, liegen bei 2,0 und 3,6 und 3,7 Gigahertz. „Also weitestgehend in den Frequenzbereichen, die wir vom jetzigen Mobilfunk kennen und die bereits gut erforscht sind“, sagte Nicole Meßmer vom Bundesamt für Strahlenschutz gegenüber der dpa.

„Perspektivisch sollen aber höhere Frequenzen im Bereich um 26 Gigahertz genutzt werden und die sind zum jetzigen Zeitpunkt wenig erforscht“, so Meßmer. Auch beim Ausbau mit mehr Sendern müsse geklärt werden „ob die Menschen einer höheren Strahlungsmenge ausgesetzt werden“, schreibt das BfS auf seiner Seite.

Projekte wurden gestoppt

Die Tatsache, dass die Auswirkungen von Hochfrequenzstrahlungen noch nicht gut genug erforscht sind, hat in Belgien inzwischen dazu geführt, dass 5G-Projekte in Genf und Brüssel gestoppt worden sind. Die belgische Regierung beruft sich dabei auf Artikel 191 des EU-Vertrags. Der besagt, dass Bürger vor Produkten zu schützen sind, deren Unbedenklichkeit nicht eindeutig bewiesen ist.

Auch Swen Tammen würde sich wünschen, dass nach diesem Grundsatz gegen 5G entschieden wird. „Aber ich bin auch Realist und weiß, dass es wahrscheinlich auf einen Kompromiss hinaus laufen wird“, sagt er. Es gebe zum Beispiel Ingenieurbüros, die 5G-Masten so planen, dass sie nicht so nah am Endverbraucher wären. Noch lieber wäre Tammen, wenn stattdessen in einen flächendeckenden Ausbau des Glasfasernetzes investiert würde. Selbstfahrende Autos und das mit allem vernetzte Zuhause wären dann aber ausgeschlossen.

Borker hat Petition gegen 5G gestartet - wie gefährlich ist das neue Super-Internet?

Swen Tammen mit einem seiner Hunde im Garten. Gesundheitsthemen und Natur sind dem Diplom Physiker und Softwareentwickler wichtig. © Sabine Geschwinder

Veranstaltung in der Familienbildungsstätte

Über seine 5G-Petition will Tammen auf Einladung der Selmer Grünen am Donnerstag, 12. September, bei einer Veranstaltung in der Familienbildungsstätte in Selm referieren. Er möchte über die Funktionsweise von 5G und die Vor- und Nachteile der Technik referieren. Und zwar möglichst sachlich - wie Tammen sagt.

Weitere Vortragende sind eingeladen, wie Marion Küpper von den Grünen sagt. Ihr Kommen ist aber noch nicht bestätigt. Doch auch, wenn die Grünen die Veranstaltung organisiert haben, betont Küpper, dass dies noch keine Festlegung sei: „Wir als Fraktion möchten die Veranstaltung nutzen, um Informationen zu sammeln und uns eine Meinung zu bilden“, so Küpper.

Vor- und Nachteile sollen abgewägt werden

Auch die Stadt ist noch dabei, Vor- und Nachteile abzuwägen. Sie verweist darauf, dass das mit allem vernetzte Zuhause oder selbstfahrende Autos ohne 5G nicht möglich wären. „Ein Nachteil für die Bevölkerung“, wie Malte Woesmann sagt. Sollte sich der Standard 5G in Deutschland durchsetzen und Selm hätte ihn nicht, könnte gleichzeitig ein Wettbewerbsnachteil für heimische Unternehmen entstehen, so Woesmann.

Aber: „Gleichwohl gilt, dass eine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung ausgeschlossen sein muss. Daher wird die Stadtverwaltung die Diskussion und Entwicklung genau verfolgen.“

Veranstaltung in der Familienbildungsstätte: Auf Einladung der Grünen-Fraktion in Selm hält Tammen am Donnerstag, 12. September, von 18.30 Uhr bis 20 Uhr einen Vortrag über 5G in der Familienbildungsstätte in Selm. Es soll ein Pro- und Contra unterlegt mit medizinischen Studien dargelegt werden und die Gelegenheit zu Wortbeiträgen und einer anschließenden Diskussion geben. Zur Petition von Swen Tammen geht es übrigens hier: www.openpetition.de/petition/online/kein-5g-in-selm
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