Selmer Jugendgerichtshelfer ist gegen Drill

SELM Der politische Streit über den richtigen Umgang mit jungen Straftätern gewinnt in Deutschland an Schärfe.Von Erziehungslagern, gar von Bootcamps nach US-Vorbild, hält aber der Selmer Sozialarbeiter Ralf Beckmann wenig. Er sieht andere Möglichkeiten.

von Von Matthias Münch

, 09.01.2008, 14:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

 "Drill hilft nicht, führt Jugendliche vor allem nicht von der schiefen Bahn runter", meint Beckmann.  Das gleiche gelte für verschärften Jugendstrafvollzug. Stattdessen setzt der Sozialarbeiter auf Vorbeugung bzw. auf erzieherische Maßnahmen, falls ein junger Mensch straffällig geworden ist. Beckmann ist in der Selmer Stadtverwaltung für die Jugendgerichtshilfe zuständig. Die umfasst strafunmündige Kinder bis 14, Jugendliche von 14 bis 18 und Heranwachsende von 18 bis 21 Jahren.

270 Fälle in Selm

Im vergangenen Jahr bearbeitete Ralf Beckmann rund 270 Fälle, die junge Selmer betrafen. In der Regel bekommt er die von der Anklagebehörde. "Die Staatsanwaltschaft schickt mir die Anklageschrift. Dazu erarbeite ich eine Stellungnahme für das Gericht, nehme an der Hauptverhandlung teil und bin - bis auf Freiheitsentzug - ebenfalls für die Durchführung der sich daraus ergebenden erzieherischen Maßnahme zuständig", erläutert der Sozialarbeiter.

In vielen Fällen kommt es aber gar nicht zu einem Prozess. Dann schlägt Ralf Beckmann bestimmte Maßnahmen vor. Gehen die Täter darauf ein, bleibt ihnen der Gang vor den Richter zunächst erspart.

Opfer soll Angst verlieren

Wesentlicher Aspekt der erzieherischen Reaktionsmöglichkeiten bei Gewalttaten ist der Täter-Opfer-Ausgleich, dem beide Seiten zustimmen müssen. Das kann in harmlosen Fällen bedeuten, dass sich der Täter bei seinem Opfer entschuldigt. Es kann aber auch sein, dass der Täter zum Beispiel arbeitet und er die Bezahlung dafür an das Opfer weiter gibt. Ein Ziel ist dabei auch, dass das Opfer einer Straftat ein Stück seiner Angst verliert, "dass es sich wieder auf die Straße traut", wie Ralf Beckmann erklärt. Wichtig sei auch, dass eine Maßnahme schnell ergriffen wird, solange noch ein Bezug zur Tat besteht.

Kaum intensive Gewaltdelikte

Von Beckmanns 270 Fällen im Jahr 2007 waren knapp 20 Prozent Gewaltdelikte, allerdings kaum intensive Gewalt. "Wir haben nie mehr als ein oder zwei junge Selmer, die sich jeweils aktuell in Jugendstrafanstalten befinden", sagt er. Die anderen 80 Prozent der Taten verteilen sich auf Eigentumsdelikte, Fahren ohne Führerschein, Sachbeschädigung oder vermehrt auch Ebay-Betrug.

Rund zehn Prozent von Beckmanns Klienten kommen aus ausländischen, weitere gut zehn Prozent aus russland-deutschen Familien. Bei ihnen liegt der Anteil der Gewaltdelikte etwas über dem Durchschnitt. Eines ist aber auch in Selm so deutlich wie überall in Deutschland: Männliche Täter sind mit rund 90 Prozent deutlich überrepräsentiert. 

Natürlich können sich Jugendliche oder Familien auch unabhängig vom Staatsanwalt Hilfe bei Ralf Beckmann holen. Jeden Mittwoch von 14 bis 18 Uhr bietet er Sprechstunden im Jugendzentrum Sunshine an. Terminvereinbarung unter Tel. 6 91 23.

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