Siedlung Zwölf Apostel macht seit 60 Jahren alles gemeinsam: Leben, leiden, feiern

hzSiedlung Zwölf Apostel

Ende der 1950er Jahre entstanden Häuser entlang der Werner Straße. Für Menschen, die aus dem Osten geflohen waren. Diese kleine Siedlung mit merkwürdigem Namen feiert 60-jähriges Bestehen.

Selm

, 25.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Zwölf Apostel. So nennt der Volksmund diese kleine Siedlung. Nicht, weil dort Heilige wohnen. Nicht, weil die Menschen besonders aktiv in der Nachfolge Jesu stehen. „Sondern weil es zwölf Häuser sind.“ So einfach ist das. Gesagt hat das Harald Orlowsky. Er muss es ja auch wissen, ist er doch Siedler der ersten Stunde. Orlowsky ist von den anderen Anwohnern beauftragt worden, gegenüber der Redaktion über 60 Jahre Siedlung Zwölf Apostel zu berichten. Los geht sie: die Zeitreise von 60 Jahren.

Flucht und Vertreibung

Warum Menschen mit deutschen Wurzeln, wie Harald Orlowskys Eltern, nach Deutschland gekommen sind, erklärt Orlowsky so: „Sie sind geflüchtet.“ In ihren Ursprungsländern wie Lettland im Fall der Orlowskys hätten sie nicht mehr leben können. Flucht und Vertreibung, dieses Schicksal teilten damals viele. Sie kamen in der Hoffnung nach Deutschland, hier Sicherheit zu finden. Und sich eine Existenz aufzubauen. Dabei habe der deutsche Staat später geholfen: „Viele, die einst in ihren Heimatländern Landwirtschaft betrieben hatten, durften hier auch wieder Landwirtschaft betreiben“, erzählt Harald Orlowsky.

Siedlung Zwölf Apostel macht seit 60 Jahren alles gemeinsam: Leben, leiden, feiern

Die Sieldung Zwölf Apostel heute: Klein, aber fein herausgeputzt. © Arndt Brede

Die eigene Scholle beackert

Und so ist es kein Wunder, dass nahezu alle der zwölf Familien, die Ende der 1950er Jahre an der Werner Straße Häuser beziehen und ausbauen durften, ihre eigene Scholle hinter dem Haus beackerten. „Sie haben sich damals gegenseitig geholfen. Wer einen Trecker hatte und einen Anhänger, hat dann eben auch mal den Acker seines Nachbarn gepflügt.“ Dieser Geist des Zusammenhalts habe sich bis heute gehalten, sagt Orlowsky.

Siedlung Zwölf Apostel macht seit 60 Jahren alles gemeinsam: Leben, leiden, feiern

Viel Eigenleistung steckt in den Häusern. Die Siedler halfen sich gegenseitig. © Arndt Brede

Gemeinsames Schicksal verbindet

Woher dieser Geist kommt, ist zu erahnen. Das gemeinsame Schicksal der Flucht, die Hoffnung, dass man sich gegenseitig hilft. Das seien Gründe für eine besonders innige Nachbarschaft.Wie hat man sich die Anfänge vorzustellen? „Hier war ja nichts“, erzählt Harald Orlowsky. „Hier sind höchstens mal ein paar Pferdewagen her gefahren.“ So sind dann nach und nach die Häuser gewachsen. Und auch die nächsten Generationen kamen ... und blieben. „Mittlerweile lebt hier die vierte Generation“, berichtet Orlowsky lächelnd. Viele aus der zweiten Generation - zu der er als damals 18-, 19-Jähriger, der mit seinen Eltern nach Selm kam, gehörte - habe an ihren Häusern Anbauten errichtet, damit die Kinder einziehen konnten. Auch einer der beiden Söhne Orlowskys wohnt im Anbau am Elternhaus.

Siedlung Zwölf Apostel macht seit 60 Jahren alles gemeinsam: Leben, leiden, feiern

Die Siedlung "irgendwann in den 1980ern", wie Harald Orlowsky sagt. © Repro Arndt Brede

Es sind Freundschaften entstanden

Aus der Nachbarschaft erwuchsen Freundschaften. Die Siedler teilten schöne Zeiten, wie Feste, zu denen immer alles kamen, wie Orlowsky erzählt. Sie erlebten gemeinsam aber auch schlechte Zeiten: „Wenn jemand gestorben war, standen alle den Angehörigen zur Seite.“

Jetzt lesen

Siedlung Zwölf Apostel macht seit 60 Jahren alles gemeinsam: Leben, leiden, feiern

Die Anwohner der Siedlung Zwölf Apostel protestierten einst gegen die gesperrte Zufahrt. © Sylvia vom Hofe

Auch als es vor ein paar Jahren darum ging, für die Sicherheit der Anwohner mit der Stadt anzuecken, weil ein Schild plötzlich die Einfahrt in die Straße von einer Seite verwehrte, zogen alle an einem Strang.

Nun ist es also schon 60 Jahre her, dass die Häuser hochgezogen wurden. Das will gefeiert werden. Am 27. Juli treffen sich die Anwohner in einem Zelt im Garten eines der Apostel-Siedler: „Wir werden essen, trinken, plaudern und eventuell tanzen“, berichtet der 79-jährige Harald Orlowsky. Wenn es die Gesundheit zulässt, werden so viele wie möglich dabei sein. So, wie es seit 60 Jahren üblich ist, vieles gemeinsam zu machen.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt