32 Zentimeter ist er schmal: der Gehweg im Knick von der Ludgeristraße zur Straße Auf der Geist. Eine Gefahr für Fußgänger. Und das ist nicht der einzige Verkehrsknackpunkt in der Altstadt.

Selm

, 04.04.2019 / Lesedauer: 7 min

Wir haben uns auf den Weg gemacht, um ungewöhnliche Verkehrssituationen unter die Lupe zu nehmen. Ungewöhnliche Verkehrssituationen? Ungewöhnlich und gerade deshalb womöglich auch gefährlich. Gefährlich für Fußgänger. Ob für Kinder oder für Senioren. Selbst fitte Erwachsene, die scheinbar jeder Verkehrssituation gewachsen zu sein scheinen, kommen das eine oder andere Mal in die Bredouille. Auch Radfahrer aus allen Generationsgruppen sind nicht selten gefährdet in der Selmer Altstadt. Ganz zu schweigen von Menschen, die auf Rollatoren oder Rollstühle angewiesen sind, beziehungsweise die Kinderwagen schieben. Wir haben solche Situationen angeschaut, selbst getestet. Und wir haben die Stadt Selm, die Polizei und die Verkehrsgesellschaft Kreis Unna (VKU) mit ins Boot geholt.

Knackpunkt Nummer 1: Der gefährliche Knick

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

Der Anhänger parkt auf dem einzigen Stück, auf dem Fußgänger auf der Straße Auf der Geist/Ludgeristraße sicher wären. © Arndt Brede


Die Tour zu den verwirrenden Verkehrssituationen und gefährlichen Stellen in Selm beginnt an eben jenem Knick von der Ludgeristraße zur Straße Auf der Geist. Wer mit dem Auto aus Richtung Friedhof kommt und auf der Ludgeristraße weiterfahren möchte, sollte nicht allzu schnell um die Kurve fahren. Okay, es gilt sowieso nur Tempo 30. Aber auch diese Geschwindigkeit ist an dieser Stelle zu hoch. Nur eine rot-weiße Bake weist darauf hin, dass hier etwas anders ist. Wer dann um die Kurve biegt, muss aufpassen. Es könnte nämlich sein, dass Fußgänger, Menschen, die Rollatoren oder Kinderwagen schieben, auf die Fahrbahn ausweichen müssen. Abrupt schrumpft die Breite des Gehwegs nämlich an dieser Stelle auf jene 32 Zentimeter. Das Haus auf der Ecke ist fast bis an die Fahrbahn heran gebaut. Sicheres Passieren ist an dieser Stelle für Fußgänger ein Fremdwort. Selbst ein nicht allzu korpulenter Mensch muss sich am Haus entlang quetschen. Nicht auszudenken, es begegnet einem an dieser Stelle ein anderer Fußgänger und gleichzeitig kommt von hinten ein Fahrzeug. Wenn dann genau auf der Ecke auch noch ein Fahrzeug parkt, gibt es keine Ausweichmöglichkeit oder, wenn man so will, keinen Fluchtpunkt oder Schutzraum für Fußgänger mehr.

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

Im Übergang zwischen der Straße Auf der Geist und der Ludgeristraße ist es nicht nur für Fahrzeuge eng. Auch Fußgänger müssen teilweise auf die Fahrbahn ausweichen. Sie sind nicht nur durch Lastwagen gefährdet, sondern auch durch ganz normal breite Fahrzeuge. © Arndt Brede

Wir haben die Stadt zu dieser Gefahrensituation befragt. Gibt es eine andere Lösung für diese Stelle? Müsste man nicht viel deutlicher auf diese Gefahrenlage hinweisen? Die Antwort der Stadt liest sich so: „Die Straße ,Auf der Geist‘ fungiert als verkehrswichtige Kreisstraße und eine Verbreiterung des Gehweges würde zu einer Einengung der Straße führen. Dies würde nicht zur Entschärfung der geschilderten Situation führen. Die Fortführung des Bürgersteiges ist aufgrund der Straßenbreite nicht möglich. Die Engstelle kann fußläufig über einen geringen Umweg über die Straße Im Ort umgangen werden. Anschließend wird man von dort wieder auf den Bürgersteig auf der Ludgeristraße geführt.“

Knackpunkt Nummer 2: Der Bürgersteig, der keiner ist

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

In der Ludgeristraße im Dorf gibt es einige Stellen, an denen der Gehweg sehr schmal ist. © Arndt Brede


Wieder geht es um die Breite des Gehwegs. Diesmal auf der Ludgeristraße zwischen der abknickenden Vorfahrt zur Straße Auf der Geist und der Einmündung Auf der Horst. Wieder sind Fußgänger gezwungen, sich, falls es zu Begegnungen kommt, aneinander vorbei zu quetschen. Auch hier ist der Gehweg teilweise sehr schmal. Vor allem dort, wo wieder Häuser bis dicht an die Straße herangebaut worden sind. Okay, der Bürgersteig ist nicht so schmal wie beim Knackpunkt 1. Dennoch: Gefährlich kann es schon werden. Kinderwagen, Rollatoren, Rollstühle: Sie haben kaum eine Chance, sich durch diese Engstellen zu quetschen. Fast schon zwangsläufig weichen die Menschen mit Kinderwagen, Rollatoren und Rollstühlen auf die Fahrbahn aus. Manche ohne darauf zu achten, ob von hinten ein Fahrzeug kommt. Liebe Autofahrer: In diesen Bereichen sollten Sie besonders aufmerksam und vor allem stets bremsbereit sein.

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

Mit ihrem Gefährt quert diese Frau die Ludgeristraße im Dorf. Weil wenige Meter weiter der Bürgersteig sehr schmal wird, nimmt sie lieber die Fahrbahn. © Arndt Brede

Woran liegt es, dass gerade in der Altstadt solche Engstellen Fußgänger in Gefahr bringen. Antwort der Stadt: „Die Altstadt mit ihrer Straßenführung und den Gebäuden ist historisch gewachsen. Die schmalen Stellen ergeben sich hauptsächlich dort, wo Gebäude bis nah an die Straße heran ragen.“

Knackpunkt Nummer 3: Die Straße ohne Querungshilfe

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

Seelenruhig überquert diese Frau die Fahrbahn in der abknickenden Vorfahrt Ludgeristraße. Das überraschte selbst den Fotografen, der gerade noch zum Schnappschuss dieser gefährlichen Situation kam. © Arndt Brede


Wir bleiben im Dorf, wie die Selmer die Altstadt und ihre Ausläufer nennen. Zwischen dem Kreisverkehr der Ludgeristraße mit der Olfener Straße und der Münsterlandstraße und der abknickenden Vorfahrt der Ludgeristraße zur Straße Auf der Geist gibt es nicht eine einzige sichere Möglichkeit, die Ludgeristraße zu überqueren. Genau so wenig wie im weiteren Verlauf. Erst vor dem Gasthaus Suer gibt es einen Fußgängerüberweg. Wer die Ludgeristraße in den erwähnten Abschnitten überqueren möchte, muss so lange warten, bis auch wirklich kein Auto weit und breit kommt. Und selbst das ist an bestimmten Abschnitten, wie vor dem ehemaligen Haus Knipping nicht möglich, weil die Straße durch eine Kurve schwer einsehbar ist. Man muss sich dabei vor Augen führen: Diese Straße ist ein viel genutzter Schulweg. Und auch Senioren nutzen diesen Weg, um zu Geschäften oder Ärzten beziehungsweise Apotheken zu gelangen. Schulkinder und Senioren, um mal nur diese beiden Altersklassen von Fußgängern zu nehmen, müssen ungesichert über die Straße.

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

Die Querung der Ludgeristraße ist gerade dann nicht einfach, wenn der Straßenverlauf nicht gut einsehbar ist, wie im Bereich des ehemaligen Hauses Knipping. © Arndt Brede

Folgende Situation hat der Reporter während der Recherche beobachtet. In der abknickenden Vorfahrt Ludgeristraße/Auf der Geist ist eine alte Frau mit ihrem Rollator über die Straße gegangen. Zunächst war wohl kein Auto in Sicht gewesen, aber die alte Dame war so langsam mit ihrem Gefährt unterwegs, dass ein Auto direkt hinter ihr halten musste. Die Frau bekam davon nichts mit und ging scheinbar seelenruhig weiter. Doch im schlimmsten Fall funktioniert das mit dem Gottvertrauen nicht.

Auf die Frage der Redaktion, warum es auf der ganzen Strecke der Ludgeristraße zwischen dem Kreisverkehr Münsterlandstraße und dem Gasthaus Suer keine einzige gesicherte Querungsmöglichkeit gibt, antwortet die Stadt: „Auf der Straße soll ein Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) durchgängig im Begegnungsverkehr möglich sein. Über die bisherigen Einengungen hinaus sollen daher keine weiteren Konfliktstellen geschaffen werden. Die Notwendigkeit von Querungshilfen ist aufgrund des schmalen Straßenquerschnitts nicht gegeben. Probleme sind hier nicht bekannt. Über die Anlegung von Querungshilfen entscheidet die Stadt nach Rücksprache mit weiteren Beteiligten (unter anderem Polizei).“

Knackpunkt Nummer 4: Der Dschungel nicht nur für Radler

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

Der tägliche Verdrängungswettbewerb: In der engen Ludgeristraße im Dorf weichen Fahrzeuge den breiten Bussen aus. © Arndt Brede


Wir sind nach wie vor in der Altstadt und auch auf der Ludgeristraße. Sie ist eine der meist befahrenen Straßen Selms. Hier treffen auf der Fahrbahn Radfahrer, Auto- und Lkw-Fahrer und Busfahrer aufeinander. Was vor allem für Radler zu argen Bedrängnissen kommen kann. Nicht nur, dass Autos und Lastwagen häufig Radfahrer an Stellen überholen, die nicht einsehbar sind. Auch die Busse der VKU-Linien R19 und D19, und die sind sehr breit, bahnen sich den Weg durch die Altstadt. Und zwar oftmals recht rücksichtslos. Nach dem Motto: Der Stärkere hat Vorfahrt. Was oft dazu führt, dass Autos auf Parkstreifen und Radfahrer auf den Fußweg ausweichen müssen, weil der Bus mit ungemindertem Tempo fährt und seinen Beitrag zum Verdrängungswettbewerb auf der Ludgeristraße in der Altstadt liefert. Im Paragrafen 1 der Straßenverkehrsordnung heißt es in Absatz 1: Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Und Absatz 2 lautet: Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Auf die Frage, ob Fahrpläne so konkret eingehalten werden müssen, dass manche Busfahrer den Begriff Rücksichtnahme offenbar ausblenden, sagt Inga Fransson, Pressesprecherin der Verkehrsgesellschaft Kreis Unna (VKU): „Die VKU legt erste Priorität auf die Sicherheit ihrer Fahrgäste und die Sicherheit im Straßenverkehr allgemein. Nach diesem Grundsatz werden unsere Fahrer regelmäßig geschult. Die Einhaltung der Fahrpläne ist gewiss ein Qualitätsanspruch, den wir an uns stellen. Dieser darf aber unter keinen Umständen zu Lasten der Sicherheit gehen.“ Es habe in Selm noch keine Beschwerden zu dem Verkehrsverhalten der Busfahrer gegeben. „Lediglich die unvermeidbaren Verspätungen der Busse, die auf Grund der langfristigen Baumaßnahme auf der Kreisstraße auftreten, führen zu gelegentlichen Beschwerden.“ Verkehrssituationen wie auf der Ludgeristraße „finden wir an vielen Stellen im Liniennetz vor, an denen die Busse in stark frequentierte Bereiche fahren“, sagt Inga Fransson. „Umso mehr ist der ÖPNV gefragt, um das Verkehrsaufkommen insgesamt zu reduzieren.“

Polizei: Ludgeristraße ist unauffällig

Was für den einen gefährlich ist, mag für den anderen noch nicht gravierend sein. Die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Gefahr kennt die Polizei nur zu genau. Die Frage der Redaktion, wie sie die Verkehrssituation auf der Ludgeristraße mit Blick auf die nicht vorhandenen Querungsmöglichkeiten und die Gemengelage der Verkehrsteilnehmer einschätzt, beantwortet Vera Howanietz, Sprecherin der Kreispolizeibehörde Unna, so: „Aus Sicht der Polizei ist die Ludgeristraße, was Unfallträchtigkeit betrifft, unauffällig. Und: „Die Gestaltung einer Straße obliegt dem jeweiligen Straßenbaulastträger, in dem Fall der Ludgeristraße der Stadt Selm.“ Die Polizei sei maximal beratend tätig.

Auch der Stadt Selm haben wir Fragen zur Ludgeristraße gestellt: Wie ist es dazu gekommen, dass so viele Verkehrsteilnehmergruppen durch das Dorf fahren müssen? Wäre eine Einbahnstraßenlösung oder ein Verbot für motorisierten Verkehr denkbar? Denken Politik und Verwaltung über andere Lösungen nach?

Die Antwort der Stadt liest sich so: „Eine Einbahnstraßenregelung oder gar ein komplettes Verbot für den motorisierten Verkehr ist nicht angedacht. Vor Jahren wurde der Vorschlag einer Einbahnstraßenregelung diskutiert. Anwohner, Kaufleute und Betreiber des ÖPNV haben sich jedoch strikt dagegen ausgesprochen. Aufgrund der Struktur der Altstadt mit drei Schulen, zwei Kindergärten, mehreren Lebensmittelgeschäften, Einzelhandel, kirchliche Einrichtungen, Gastronomie und Wohnhäuser ist klar, dass auch eine breite Auswahl an Verkehrsteilnehmergruppen die Altstadt nutzt.“

Und dann gibt es ja noch spezielle Situationen, die schon mal Probleme bereiten können.

Knackpunkt Nummer 5: Die unmögliche Einmündung

So schwer haben es Fußgänger und Radfahrer in der Selmer Altstadt

Die Insel vor der Einmündung der Straße Auf der Horst in die Straße Auf der Geist verhindert, dass Begegnungsverkehr zwischen zwei Fahrzeugen unmöglich ist. © Arndt Brede

Die Straße Auf der Horst in der Selmer Altstadt: Direkt vor der Einmündung auf die Straße Auf der Geist ist auf der rechten Fahrbahnseite eine Einengung eingebaut. Um in die Straße Auf der Geist einbiegen zu können, muss der Autofahrer zwangsläufig auf die linke Fahrbahnseite ausweichen. Folge: Wer wiederum von der Straße Auf der Geist in die Straße Auf der Horst einbiegen möchte, kann das womöglich nicht, weil dort ja ein Auto steht, das womöglich nach links auf die Straße Auf der Geist abbiegen möchte. Welchen Sinn eine solche Einengung in einer Einmündung hat, erklärt die Stadt so: „Diese Einengung ist eingebaut worden, um die Vorfahrtsberechtigung der Straße ,Auf der Geist‘ gegenüber der Straße ,Auf der Horst‘ deutlich zu machen. Eine Reduzierung des Geschwindigkeitsniveaus ist dort ebenfalls erwünscht.“

So kommentiert Redakteur Arndt Brede:

Die Situation besonders für Fußgänger und Radfahrer ist in der Selmer Altstadt kniffelig. Speziell auf der Ludgeristraße im Dorf ist sie gefährlich. Da können Stadt, VKU und Polizei die Lage noch so milde bewerten.

Die Ludgeristraße ist ein Schulweg. Sie ist eine Straße, die stark auch von Senioren genutzt wird. Beide Nutzergruppen - Schüler und Senioren - haben im genannten Bereich keine Möglichkeit der sicheren Querung. Die Notwendigkeit von Querungshilfen sei aufgrund des schmalen Straßenquerschnitts nicht gegeben. Probleme seien hier nicht bekannt. Diese Aussagen von Stadt und/oder Polizei klingen lapidar. Sind sie es auch? Die Antwort muss lauten: Ja. Noch ist nichts passiert, das in die Unfallstatistik einfließen könnte. Doch Politik und Verwaltung müssen auch vorsorgend handeln. Wenn einem Kind oder einem Senioren oder Eltern mit Kinderwagen beim Überqueren der Ludgeristraße etwas passieren sollte, dürfte die Betroffenheit bei denen groß sein, die Stadtentwicklung betreiben. Sollte dann auch noch ein Bus beteiligt sein, kann man sich die bedauernde Stellungnahme der VKU jetzt schon zusammenreimen.

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt, heißt es. Wünschen, ja fordern wir bei den Verantwortlichen also mehr Fingerspitzengefühl, mehr Empathie und den Willen, nicht erst zu reagieren, sondern zu agieren. Das wäre schon mal ein erster guter Schritt.

Vorschläge

Nennen Sie uns Ihre Verkehrsknackpunkte

Diese Liste der Verkehrsknackpunkte in der Altstadt ist sicher nicht vollständig. Darum kommen Sie, liebe Leser, mit ins Spiel. Nennen Sie uns Ihre Verkehrssituationen, die Sie in Selm für gefährlich halten. Sagen Sie uns, welche Vorschlag Sie zur Verbesserung der Situation haben oder was Sie bereits dafür unternommen haben. Es geht nicht um die punktuell auftretenden Knackpunkte, etwa durch Baustellen. Es geht um Knackpunkte, die womöglich bereits seit Jahren stören oder aufregen. Sie können uns zumailen, was Sie stört. Vielleicht haben Sie ja auch ein Foto gemacht, das die Situation darlegt. Hängen Sie es einfach der E-Mail an. Unsere Mailadresse: lokalredaktion.selm@mdhl.de
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