Selms SPD-Bürgermeisterkandidat Thomas Orlowski hat angekündigt, eine Gesamtschule in Selm gründen zu wollen. Was sagen Stadtverwaltung und Bezirksregierung zu diesem Vorstoß?

Selm

, 04.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Thomas Orlowski hat den Wunsch, Kindern an einer Schule beides zu ermöglichen: längeres gemeinsames Lernen und den Wechsel in die gymnasiale Oberstufe. „Die Sekundarschule bietet aber leider keine Oberstufe“, so der am Samstag nominierte SPD-Kandidat. Schülerinnen und Schüler, die das Abitur machen wollten, müssten wechseln: von der städtischen Sekundarschule auf das städtische Gymnasium. Bei einer Selmer Gesamtschule mit Oberstufe wäre das nicht nötig. Wünschen allein, hilft aber nicht. „Mir ist klar, dass der Weg dahin nicht einfach sein wird“, so Orlowski: eine Einschätzung, die Behördenvertreter teilen.

Orlowskis Vorstoß am Samstag war eine Überraschung. Einige waren allerdings eingeweiht. Bürgermeister Mario Löhr und Beigeordnete Sylvia Engemann wussten „seit Kurzem von Herrn Orlowskis Plan, eine Gesamtschule zu gründen“, berichtet Sylvia Engemann auf Anfrage der Redaktion.

Wie geht die Stadtverwaltung mit dem Orlowski-Vorstoß um? „Bisher hat ein Bürgermeisterkandidat eine Vorstellung/einen Wunsch geäußert“, erklärt die Beigeordnete. „Es gibt weder einen politischen Auftrag durch den Rat der Stadt Selm noch eine daraufhin beauftragte anlassbezogene Schulentwicklungsplanung.“

Diskussion im Herbst 2019

Und was ist, wenn der erste Kandidat im Rennen um das Selmer Bürgermeisteramt im Herbst 2020 tatsächlich der nächste Chef der Stadtverwaltung wird? Bereitet sich die Verwaltung schon jetzt auf einen seriösen politischen Vorstoß vor? Wenn ja, wie? Sylvia Engemann bleibt gelassen: „Wir befinden uns zurzeit in der Aufstellung des Schulentwicklungsplans für den Zeitraum 2020 bis 2024, der im Herbst 2019 den politischen Gremien vorgestellt wird. Da wird es dann sicherlich Diskussionen geben.“

Selmer Stadtverwaltung bleibt gelassen: Gesamtschule für Selm ist bisher nur ein Wunsch

Für und Wider der möglichen Einführung einer Sekundarschule in Selm hatten die Bürger während der Informationsveranstaltung im Jahr 2013 diskutiert. Ähnlich könnte es laufen, sollte der SPD-Bürgermeisterkandidat Thomas Orlowski den politischen Entscheidungsprozess für die Einführung einer Gesamtschule konkret anstoßen, falls er Bürgermeister Selms wird. Angekündigt hat er das. © Arndt Brede (A)


Eine Gesamtschule für Selm war in Selm schon mal Thema: im Vorfeld der Gründung der Sekundarschule 2014. „Wir konnten allerdings die damals erforderlichen Prognosezahlen für eine Gesamtschule nicht darstellen“, so Engemann, „außerdem war die Herstellung des regionalen Konsenses, das heißt die Abstimmung mit den umliegenden Schulträgern, teilweise schwierig.“

Hausaufgaben für den Schulträger

Genau einen solchen regionalen Konsens auszuloten, gehört aber zu den Hausaufgaben eines Schulträgers. Das sagt Christoph Söbbeler, Pressesprecher der Bezirksregierung Arnsberg. Die Bezirksregierung wäre letztendlich die Behörde, die eine Gesamtschule in Selm genehmigen müsste. Wenn alle Voraussetzungen stimmen.

Dazu gehört es, die Zustimmung der Nachbarkommunen anzustreben. Nordkirchen, Olfen und Lünen haben beispielsweise Gesamtschulen, Werne, Lüdinghausen und Lünen jeweils zwei Gymnasien. Die bestehenden Schulen dürften nicht im Bestand gefährdet werden, wenn in Selm künftig nicht nur das Gymnasium, sondern auch eine Gesamtschule den Weg zum Abitur anbieten würde.

Trifft der Selmer Rat die Entscheidung, eine Gesamtschule gründen zu wollen, kommt die Bezirksregierung ins Spiel. Sie kann zwar bereits während des Diskussionsprozesses in Selm beratend tätig werden, sagt Christoph Söbbeler.

Beantragt Selm aber nach dem Ratsbeschluss die Gründung einer Gesamtschule, obliegt es der Bezirksregierung, das zu genehmigen - oder nicht.

Klingt, als ob eine Gesamtschule nicht „mal eben“ als Schulform für Selm aus dem Boden zu stampfen ist. „Es ist zumindest ein längerer Zeitraum bis zu einer eventuellen Genehmigung“, sagt Christoph Söbbeler, ohne genauere Zeiträume zu nennen. Das Wichtigste sei: „Die politische Entscheidung muss belastbar sein.“

Beigeordnete: Schulisches Angebot entspricht den Bedarfen weitgehend

Braucht Selm eine Gesamtschule? Das sagt die für Schulen zuständige Beigeordnete Sylvia Engemann. „Aus meiner Sicht haben wir mit dem Gymnasium und der Sekundarschule in Selm ein schulisches Angebot, was den Bedarfen von Eltern und Schülerinnen und Schülern weitgehend entspricht.“

Das belegen laut Sylvia Engemann auch die sogenannten Eigenbindungsquoten, also die Zahl der Kinder die pro Jahrgang von einer der Selmer Grundschulen an eine der weiterführenden Schulen in Selm wechseln. Sie liegt bei 70 bis 80 Prozent. „Das sind hohe Zahlen“, sagt sie.

Die Sekundarschule ist im nächsten Jahr komplett aufgebaut. Das heißt: Die ersten Jugendlichen machen dann ihren Abschluss dort. Zurzeit laufen die Kooperationsgespräche mit dem Gymnasium im Hinblick auf die Oberstufe. Ziel ist es, dass Sekundarschüler, die das Abitur machen möchten, in die dortige Oberstufe wechseln. Selbst wenn das möglich wäre zu bleiben: Für Abiturienten gebe es zurzeit keinen Platz. Für zusätzliche Eingangsklassen auch nicht: „Die räumliche Situation an der Sekundarschule lässt mit den Notwendigkeiten der Differenzierung nur ein vierzügiges System zu“, so Engemann.

Genauer Abwägungsprozess


Selmer Stadtverwaltung bleibt gelassen: Gesamtschule für Selm ist bisher nur ein Wunsch

Ein buntes Fest war die Eröffnung der Sekundarschule im Jahr 2014. Fünf Jahre später gibt es einen Vorstoß zur Gründung einer Gesamtschule. © Marie Rademacher (A)

Inhaltlich haben Sekundarschule und Gesamtschule in der Sekundarstufe I als Schulen des längeren gemeinsamen Lernens dieselben Kernlehrpläne, erklärt die Beigeordnete. „Und in der Oberstufe (Sekundarstufe II) hat die Gesamtschule dieselben Kernlehrpläne wie das Gymnasium, das künftig wieder als G9-Gymnasium geführt wird.“

Die Gründungsvoraussetzungen einer Gesamtschule wären laut Engemann genau zu prüfen, unter anderem auch eine Herbeiführung des regionalen Konsenses. „Gegebenenfalls müssten bei großem Zuspruch gemeindeeigene Kinder abgewiesen werden, auch das gilt es abzuwägen.“

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