Stadt schließt Betreuungslücke mit einer neuen Konfetti-Kita-Gruppe im Container

hzKita-Plätze

Mehr Geburten, mehr Zuzüge und Familien, in denen beide Eltern arbeiten: Der Bedarf an Kita-Plätzen steigt stärker als gedacht. Woher bis August 21 Kita-Plätze nehmen? Die Stadt weiß es.

Selm

, 17.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Angst geht um unter jungen Eltern: „Bekomme ich auch einen Kita-Platz für meinen Sohn oder meine Tochter?“ Selbstverständlich ist das nicht. In Nordrhein-Westfalen haben fast 14 Prozent aller Kinder unter drei Jahren keinen Betreuungsplatz. In Bremen sind es fast 20 Prozent, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bereits Ende 2018 mitgeteilt hatte. Da lagen die Anmeldezahlen für das neue Kindergartenjahr noch gar nicht vor. Und die haben auch die Selmer Planer heftig überrascht. Dabei waren die schon von einem wachsenden Bedarf ausgegangen.

21 Kindergartenplätze für Mädchen und Jungen ab drei Jahre fehlen zum 1. August 2019 in Selm. Das ist nahezu eine ganze Gruppe. Mit einem solch hohen Wert hatten Beigeordnete Sylvia Engemann und ihr Team nicht gerechnet. Schließlich hatte die Stadt bereits im vergangenen Sommer zusätzliche Plätze geschaffen: 12 in der Einrichtung „Kleine Strolche und 25 in einem Container auf dem Gelände des St.-Martin-Kindergartens.

Gremien der Awo müssen noch zustimmen

Trotzdem: 21 Kinder, deren Eltern nach eigenen Angaben aus beruflichen Gründen unbedingt eine Kinderbetreuung benötigen, schauen in die Röhre.

Dass Sylvia Engemann dennoch lächelnd vor die politischen Gremien trat – am Dienstag vor den Jugendhilfeausschuss und am Donnerstag vor den Haupt- und Finanzausschuss – hat einen Grund: Sie hat eine Lösung gefunden.

„Wir werden eine zusätzliche Gruppe in der Kita Konfetti einrichten“ – erst provisorisch in Containern, danach dauerhaft in einem Anbau. Die Sache sei fast sicher.

Fast? „Die Gremien des Trägers haben noch nicht getagt“, so Engemann. Die Kita Konfetti am Bockmühlenweg ist eine Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt Ruhr-Lippe-Ems, die Anfang des Jahres aus der Fusion der Unterbezirke Hamm-Warendorf und Unna hervorgegangen ist. Formal liegt noch nicht die letzte Einwilligung vor. „Wir haben aber schon jetzt sehr positive Absichtserklärungen bekommen“, so Sylvia Engemann.

Neubau für Vier-Grupen-Einrichtung in den Startlöchern

Eine zusätzliche Gruppe löst das Problem dieses Jahres. Ein Puffer bietet sie aber nicht. Weitere Plätze müssen her. „Da sind wir auch schon aktiv“, so Engemann. Das größte Projekt: der geplante Neubau am Pädagogenweg. Da, wo bislang noch die ehemalige Pestalozzischule steht, will die Stadt eine Vier-Gruppen-Einrichtung bauen lassen. Die Jugendlichen des Jugendzentrums Sunshine, die dort zwischenzeitlich Platz gefunden hatten, sind bereits dabei, Umzugskartons zu packen. In einigen Wochen soll der Abbruch beginnen, damit zum Kindergartenjahr 2020/21 die neue Kita dort in Betrieb gehen kann.

Dazu kommen im nächsten Jahr für jeweils eine neue dauerhafte Gruppe Anbauten an die Kita Konfetti und an die Kita St. Martin. Unterm Strich: bis zu 130 zusätzliche Plätze, davon 16 für Kinder unter drei Jahren.

Eine glückliche Fehlprognose

In die Freude, für alle Eltern, die Bedarf angemeldet hatten, einen Betreuungsplatz anbieten zu können, mischt sich bei Sylvia Engemann am Donnerstag auch Sorge. Schließlich ist sie auch Kämmerin der Stadt. Die zusätzliche Gruppe bedeutet zusätzliche Ausgaben von 230.000 Euro. Abzüglich der Zuschüsse bleiben 65.000 Euro, die im Haushalt eigentlich nicht zur Verfügung stehen. Dass sie das Geld jetzt doch ohne schmerzhafte Einschnitte an anderer Stelle zur Verfügung stellen kann, liegt an einer glücklichen Fehlannahme.

Als sie 2018 den Etat aufgestellt habe, sei sie noch von 13,8 Millionen Euro Schlüsselzuweisungen ausgegangen. Gekommen seien 14,2 Millionen.

So kommentiert Redakteurin Sylvia vom Hofe:

Betreuungslücke: nur ein einziges Wort und dennoch eine bundesweite Katastrophe. Wer keinen Kita-Platz findet, guckt bei seiner Lebensplanung nicht selten in die Röhre. Was haben junge Familie von dem seit 2013 geltenden Rechtsanspruch auf öffentlich geförderte Betreuung für Kinder ab einem Jahr, wenn es die Plätze gar nicht gibt?

Wie gut, dass es in Selm diese Betreuungslücke nicht gibt. Dass immer noch eine Punkt-Landung gelingt. Dass sich Bedarf und Angebot so gerade eben entsprechen. Andere Städte sind davon weit entfernt. Schade nur, dass das aber immer erst auf letztem Drücker gelingt.

Das neue Selm auf Wachstumskurs braucht eine großzügigere Bedarfsplanung – und wie andere Städte auch mehr Unterstützung des Landes. Das zweite beitragsfreie Kita-Jahr ist ja eine gute Idee. Noch besser wäre das Geld aber im Kita-Ausbau investiert, damit es erst gar keine Betreuungslücken gibt.

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