Stadtfest-Planer platzt der Kragen: „Dann zieh‘ doch weg, wenn hier alles so scheiße ist“

hzStadtfest

Mit Kritik umzugehen, ist gar nicht so leicht - erst recht in den sozialen Medien. Das hat nicht nur CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer erfahren, sondern auch Norbert Zolda vom Stadtmarketing.

Selm

, 02.06.2019, 04:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es fängt an mit einer Unterhaltung auf Facebook über die Kreisstraße. Auf der Seite der Interessengemeinschaft Kommunalpolitik (IKS) tauschen sich mehrere Leute darüber aus, wie ärgerlich die Dauerbaustelle ist, die schon mehr als zwei Jahre den Verkehr zwischen Selm und Bork stocken lässt. Die Diskutanten sind genervt, kritisieren Stadt und Politik - und das bevorstehende Stadtfest. Alles Frust-Gerede im eher kleinen Kreis, wenn sich Norbert Zolda nicht eingeschaltet hätte.

Dem stellvertretenden Sprecher der Stadt Selm und Stadtmarketing-Mitarbeiter geht es zu weit, als er diesen Post einer Selmerin liest: „Und das Stadtfest können sich die Verantwortlichen sonst wohin schieben. Das soll eh nur ablenken vom restlichen Desaster. Habe schon in anderen Städten gewohnt , aber so etwas noch nicht erlebt.“ Eine Äußerung im nörgelnden Hin und Her, die Zolda so nicht stehen lassen will. Er kontert, aber tüchtig.

„Dann bleib doch zuhause oder zieh wieder weg, wenn hier alles so scheiße ist. Schöne Grüße Norbert Zolda, Stadtmarketing und verantwortlich fürs Stadtfest.“ Dieser Post sorgt dafür, dass die Aufregung plötzlich ablenkt von der Kreisstraße und dem Stadtfest auf den Organisator. Seine Äußerung sei „peinlich, bezeichnend und ein Armutszeugnis. Menschlich vielleicht verständlich, ich denke da steckt viel Arbeit in der Orga, aber als offene Reaktion unerträglich“, schreibt Joakim Lattner - jetzt nicht mehr im kleinen IKS-Kreis, sondern in der rund 7500 Mitglieder zählenden Gruppe „Was in Selm passiert“ und in einem Leserbrief an die RN.

Auch öffentliche Kommunikatoren müssen sich nicht alles gefallen lassen

Die Regeln in sozialen Medien sind einfach: „Meinungsäußerungen sind erlaubt, solange sie nicht persönlich beleidigend oder strafrechtlich relevant, also zum Beispiel volksverhetzend, sind.“ Das sagt Prof. Dr. Arne Westermann, Institutsleiter der ISM International School of Management GmbH in Dortmund. Höflichkeit ist kein Muss, wenn man in den sozialen Medien erfolgreich kommunizieren will. Aber auch kein Hindernis. Ein weites Feld,, insbesondere für alle, die nicht netzaffin sind.

Als öffentlicher Kommunikator müsse man sich auch nicht alles gefallen lassen, so Kommunikationswissenschaftler Westermann. „Man darf auch mal deutlich machen, wann eine rote Linie überschritten ist.“ Allerdings sei es empfehlenswert, das nicht aus einem spontanen Impuls heraus zu tun, „lieber zweimal darüber nachdenken“. Ob im konkreten Fall die Wortwahl glücklich war? Besser wäre es gewesen, der Stadtmarketing-Mann hätte etwas in dieser Richtung geschrieben: „Wir sind überzeugt von unserem Konzept. Es tut mir leid, dass wir Sie nicht damit erreichen können.“

„Im Vorfeld Strategie überlegen“

Prof. Westermann empfiehlt Behörden, Unternehmen und allen, die beruflich die sozialen Medien nutzen, eine Strategie zu entwickeln, wie mit Kritik umzugehen ist. Soziale Medien zu meiden, sei „im Jahr 2019 keine Option mehr“. Dass Kritik auf Facebook und Co. schneller und mitunter heftiger geäußert wird als im direkten Gespräch, liege in der Natur der Sache. „Viele glauben, dass sie sich im Netz anonymer äußern können, was aber gar nicht stimmt.“

Zolda selbst gibt sich einsilbig. Er werde sich grundsätzlich nicht mehr an solchen Diskussionen beteiligen, sagt er.

Die CDU-Chefin kann sich nicht so einfach zurückziehen. Annegret Kramp-Karrenbauer hatte den YouTuber Rezo für sein Video „Die Zerstörung der CDU“ kritisiert, in dem er gegen die CDU Stimmung macht. Sie schlug vor, die Meinungsäußerung im Internet vor Wahlen einzuschränken - und brachte damit nicht nur die Netzgemeinde gegen sich auf.

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So kommentiert Sylvia vom Hofe

Wie man in den Wald hineinruft ...

Ein Fehler entschuldigt nicht den anderen. Aber er kann ihn erklären.

Natürlich ist es falsch, wenn der Mitarbeiter des Stadtmarketings kritischen Bürgern empfiehlt wegzuziehen, anstatt sie von den Vorzügen der Stadt zu überzeugen. Da hat jemand seine Aufgabe missverstanden.
Falsch ist es aber auch, mit derben Worten gleich alles und jeden in Bausch und Bogen zu verurteilen, der nicht auf der eigenen Linie liegt. Das lädt nicht zu einer sachlichen Diskussion ein, sondern verhindert sie. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus. Das ist keine Empfehlung, sondern eine Erfahrung.

Das Statement des Stadtsprechers auf der Facebook-Seite der IKS war unprofessionell, keine Frage. Sich darüber laut aufzuregen, ist aber scheinheilig. Beides geht eben nicht: authentischen Meinungsaustausch haben zu wollen und gleichzeitig Null-Fehler-Toleranz zu üben.

Der Kommunikationswissenschaftler hat recht: Mit Kritik umgehen, will gelernt sein. Da haben manche in Stadtverwaltung und Politik noch Nachholbedarf. Kritik zu äußern, ohne damit vor den Kopf zu stoßen, ist aber auch ein Lernprozess, den andere noch vor sich haben.

Uns allen wäre viel geholfen, wenn wir im Netz nur das schrieben, was wir unserem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden - aber bitte ohne zu schreien.

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