Theaterstück in Selm zeigt Horror im Pflegesektor

„Ihr habt alle weggesehen“

Den Horror im Pflegegeschäft zeigt das Aktionsbündnis Pflege am Boden mit einem Theaterstück in Sem. Dabei geht es ziemlich drastisch zu. Doch die Pflegekräft, die mitspielen sehen einen Bezug zur Realität.

Selm

, 24.01.2018, 12:08 Uhr / Lesedauer: 3 min
Über Pflegenotstand klagen sie nicht nur. Jasmina Dinter (v. l.), Daniela Volle und Betty-Maria Wolf in ihren Rollen in dem selbst geschriebenen Stück „Ihr habt alle weggesehen“, das im „Sanatorium des Grauens“ spielt. vom Hofe

Über Pflegenotstand klagen sie nicht nur. Jasmina Dinter (v. l.), Daniela Volle und Betty-Maria Wolf in ihren Rollen in dem selbst geschriebenen Stück „Ihr habt alle weggesehen“, das im „Sanatorium des Grauens“ spielt. vom Hofe © Foto: Sylvia vom Hofe

Im Flur flackern Kerzen: spärliches Licht, das den Besucher fast über die Grabsteine stolpern und stürzen lässt – aber bloß nicht verletzen: Medizinisches Fachpersonal ist zwar vor Ort. Aber von dem will sich besser niemand behandeln lassen.

Eine manische Oberschwester mit Totenkopf in der Hand, die Lernschwester des Grauens und Gevatter Tod sitzen zusammen am Tisch – ein schauriger Vorgeschmack auf das, was am Samstag, 3. Februar, ab 20 Uhr im Bürgerhaus am Willy-Brandt-Platz zu sehen sein wird: das verstörende Horrorstück „Ihr habt alle weggesehen“, das die Altenpflegerin Jasmina Dinter und ihre Mitstreiter von der überparteilichen und von Gewerkschaften und Verbänden unabhängigen Selmer Gruppe „Pflege am Boden“ selbst geschrieben haben – nicht nur, um zu unterhalten, sondern um aufzurütteln. „Denn der echte Horror passiert nicht im Theater, sondern in der Realität“, sagt die 42-Jährige: in Krankenhäusern und Altenheimen.

Über Leichen gehen

Grell und zum Gruseln: Die 22 Laienschauspieler tragen dick auf – nicht nur die entstellende Schminke. Als Horror-Crew, wie sich die Pflegeaktivisten und ihre Mitstreiter nennen, laden sie in ein etwa 50-minütiges, gespenstiges Stück ein. Schauplatz: das abgebrannte Sanatorium des Grauens, das ein privater Investor weiterführt und dabei über Leichen geht – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ob ihm diese Form der Öffentlichkeitsarbeit gefällt? Ludger Risse, seit zwölf Jahren Vorsitzender des NRW-Pflegebeirats und Kämpfer für bessere Arbeitsbedingungen, ist da skeptisch. Das sei reine Geschmackssache, sagt er im Telefonat mit den RN. Der Pflegedirektor des Werner St.-Christophorus-Krankenhauses lässt lieber nüchterne Zahlen sprechen.

Drastischer Stellenabbau

„Verglichen mit dem Jahr 1995 haben wir bundesweit 36.000 Krankenschwestern und Pfleger weniger als damals – bei deutlich gestiegenen Patientenzahlen.“ Kein Wunder, wie er meint: „Jahrelang haben Krankenhäuser bewusst Stellen abgebaut – dem demografischen Wandel zum Trotz.“ Die Folge: Was die Personalausstattung angeht, stehe Deutschland schlechter da als der europäische Durchschnitt, sagt er mit Verweis auf die internationale Pflegestudie Registered Nurse Forecasting der TU Berlin aus dem Jahr 2015. Auch die technischen und räumlichen Arbeitsbedingungen ließen zu wünschen übrig. Und das Zeitbudget. Und die Bezahlung. Und die Wertschätzung.

„Klar, dass das zu Missständen führt, die auch den Patienten schaden“, sagt Jasmina Dinter, die Frau mit dem blutverschmierten Kittel und dem Totenkopf. Sie hat die Probe für das Theaterstück unterbrochen und spricht jetzt nicht von dem fiktiven Gruselsanatorium, sondern von den Krankenhäusern und Heimen, in denen sie und ihre Kollegen arbeiten: keine aufgeblähte Horrorstory, sondern eine Bestandserfassung.

„Im Extremfall zum Tod“

Das war auch Ende vergangener Woche auf dem Kongress Pflege 2018 in Berlin zu hören. Eine Unterbesetzung im Pflegedienst von Krankenhäusern erhöhe das Risiko schwerer Komplikationen signifikant, bestätigt Michael Simon von der Hochschule Hannover in der aktuellen Ausgabe des Ärzteblatts. In zahlreichen internationalen Studien sei gezeigt worden, dass Pflegekräfte im Krankenhaus schwere Komplikationen bei Patienten eher übersähen, wenn sie überlastet seien. Das könne im Extremfall zum Tod des Patienten führen, so Simon. „Das geht alle an“, findet Gevatter Tod alias Daniela Volle. Die 41-Jährige arbeitet als Physiotherapeutin.

Besser als Flashmob

Sie hofft, dass das Theaterstück, das nach der Premiere in Selm auch in anderen Städten der Region zu sehen sein wird, ein Weg ist, Menschen zu interessieren für den Pflegenotstand. Vorangegangene Aktionen waren es nicht.

2014 hatten sie, Dinter und andere Selmer Pflegekräfte an einem Flashmob teilgenommen: einer bundesweiten Verabredung, sich auf einem öffentlichen Platz auf die Erde zu legen. „Wir wollten zeigen, dass die Pflege am Boden ist“, sagt Dinter. Angekommen sei die Botschaft aber nicht. „Die Leute gingen einfach weiter.“ Für sie steht fest: „Ich lege mich nicht mehr hin.“ Sie steht auf, um für eine Verbesserung der Situation zu kämpfen.

Dennoch attraktiv

Dieses Ziel teilt auch der Chef des NRW-Pflegebeirats, Ludger Risse – wenn auch mit anderen Mitteln. „Wir dürfen nicht abschrecken, sondern müssen auch die positiven Seiten der Pflegeberufe zeigen.“ Nach der Ausbildung gebe es etwa jede Menge Möglichkeiten, sich fortzubilden und zu qualifizieren. Das überzeugt offenbar immer weniger Berufsanfänger. Im Dezember hatte die Uniklinik Münster eine Station schließen müssen, wie am Montag bekannt wurde – wegen Personalmangels. „Keine Ausnahme“, sagt Risse.

Der Pflege den Rücken zudrehen? Für die Horrorcrew kommt das nicht in Frage. „Wir lieben schließlich unseren Beruf“, sagt die manische Oberschwester mit dem Totenkopf. Gevatter Tod und die Lernschwester des Grauens nicken zustimmend im Kerzenschein. „Deshalb setzen wir uns ja ein für menschenwürdigere Bedingungen“ – selbst mit Theaterdonner.

Ihr habt alle weggesehen
„Ihr habt alle weggesehen“ feiert am 3. Februar, 20 Uhr, im Bürgerhaus, Willy-Brandt-Platz 1, Premiere. Einlass ist ab 19 Uhr.im „Sanatorium des Grauens“: einem Theaterstück, das am 3. Februar im Bürgerhaus zu sehen sein wird. Autoren und Akteure sind Pflegekräfte aus Selm – mit viel schwarzem Humor und einem ernsten Anliegen.
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