Überlebenskampf im Winter: Warum werfen Bäume eigentlich das Laub ab?

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Einige leuchten noch im strahlenden Ornat: gelb, rot und alle Farben dazwischen. Andere sind schon komplett nackt. Im Leben der Bäume ist gerade mächtig viel los, nicht nur äußerlich.

Selm, Nordkirchen, Olfen

, 02.12.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten. So hat der Dichter Rainer Maria Rilke den Herbst beschrieben. Bei Wissenschaftlern klingt das viel prosaischer.

Es dreht sich fast alles um ein Wort, das ein Zungenbrecher ist: Fotosynthese, der Vorgang, bei dem eine Pflanze das Kohlendioxid aus der Luft und und dem Wasser in Sauerstoff und nährreichen Traubenzucker umwandelt - zumindest im Frühjahr, Sommer und auch anfangs noch im Herbst. Im Winter ist dieser Stoffwechsel schwer möglich - denn dafür fehlt die grüne Farbe: das Chlorophyll.

Ohne das Blattgrün strahlen andere Farben

Als die Tage begannen kürzer zu werden und es kälter wurde, haben Hormone den Bäumen das Signal gegeben, das Blattgrün aus den Blättern zu ziehen. Ohne das Grün strahlen die Blätter in den übrigen Blattfarbstoffen: gelb, rot, orange, bis sie abfallen und eine Kompostschicht rund um die Stämme bilden.

Das Chlorophyll aber bleibt in Sicherheit und überwintert zurückgezogen im Stamm, in den Ästen und in den Wurzeln. Da, wo Bäume auch ihre wichtigen Nährstoffe lagern: Stickstoff, Kalium, Eisen und Phosphor. Das aufwendige Hin und Her im Baum hat einen lebenswichtigen Grund, wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erklärt.

Mit Laub drohte im Winter der Tod durch Austrocknen

Das Wasser ist entscheidend: Rund 400 Liter Wasser nimmt eine 100-jährige Buche pro Tag durch ihre Wurzeln auf und verdunstet sie zum großen Teil wieder über ihre Blätter. Im Winter können die Bäume aber nicht so gut Wasser aufnehmen wie im Sommer, weil der Boden gefriert. Die Blätter würden aber weiter Wasser abgeben – und nach und nach austrocknen. Thomas Schmidt vom Nabu spricht von „Frosttrocknis“: Lebensgefahr für den Baum. Doch die sei gebannt durch den Laubabwurf. „Genial“ findet das Schmidt.

Und warum verdursten die Tannenbäume nicht? Sie werfen ihre Nadeln schließlich nicht im Winter ab - von der Lärche einmal abgesehen. Dafür hat Schmidt auch eine Erklärung.

Warum Tannenbäume nicht verdursten

Nadelbäume hätten einen effektiven Verdunstungsschutz dank ihrer Nadeln: „Die schmalen Blätter haben eine kleine Oberfläche. Die Ausgänge ihrer Spaltöffnungen sind verengt und eingesenkt, so dass eine Wasserabgabe stark eingeschränkt ist.“ Außerdem schütze eine Wachsschicht vor stärkerem Feuchtigkeitsverlust.

Im Münsterland und im Ruhrgebiet gibt es deutlich mehr Laub- als Nadelwälder. Im Cappenberger Wald sind inzwischen kaum noch Fichten anzutreffen. Wie kommen die Lebewesen hier damit zurecht, dass die meisten Pflanzen keine Fotosynthese mehr betreiben und es damit auch keinen Nachschub an frischem Sauerstoff gibt? Den Sauerstoff , den die Pflanzen freisetzen, benötigen schließlich Mensch und Tier zum Atmen. Bleibt ihnen die Luft weg, wenn das Laub wegfällt?

Gibt es im Winter genug Sauerstoff?

Dieser Frage ist das Wissenschaftsmagazin Quarks nachgegangen. Und es hat Entwarnung gegeben. Die Luft der Erdatmosphäre bestehe zu etwa 21 Prozent aus Sauerstoff, berichteten die Wissenschaftler. Das seien in einer anderen Einheit ausgedrückt 210.000 parts per million (ppm). Tatsächlich sinke der Sauerstoffanteil der Luft bei ausbleibender Fotosynthese gerade mal um etwa 20 ppm: „Aber was sind schon 20 ppm Veränderung zum O2-Gesamtanteil von 210.000 ppm?“

Bäume machen sich nicht nur nackt in diesen Tagen, sondern entgiften sich auch. Mit den Blättern werfen sie die dort gespeicherten Stoffwechselendprodukte ab. „Zunehmend auch Umweltgifte“, so Schmidt. Der Nabu-Mann nennt noch einen Vorteil durch den Laubabwurf: Dadurch hätten die im Frühling austreibenden Knospen ausreichend Licht für ihre Entwicklung.

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