Volle Kanne in die Bremsen treten: So war das Fahrsicherheitstraining in Bork

hzFahrsicherheitstraining Bork

Bremsen, ausweichen, Grenzen testen. Eine beherzte Vollbremsung kann in einer Gefahrensituation Leben retten. Ein Erfahrungsbericht.

Bork

, 11.03.2019, 12:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Geschwindigkeit auf dem Tachometer steigt: 20 km/h, dann 30 km/h, 40km/h bis hoch auf 45 Kilometer pro Stunde. An der Markierung auf der Fahrbahn trete ich voll aufs Bremspedal. Das ABS (Anti-Blockiersystem) springt sofort an, das Bremspedal unter meinem Fuß fängt an zu ruckeln. Augenblicklich leuchten gelbe Lampen auf meiner Anzeigentafel auf und ich halte das Lenkrad zur Sicherheit noch etwas fester. Keine fünf Sekunden sind vergangen, da kommt mein Auto genau 20 Zentimeter vor der orangenen Pylone zum Stehen.

„Sehr gut. Jetzt kannst du dich beim nächsten Mal noch mehr herausfordern und beschleunigen“, höre ich über Funk. Ich nicke und fahre langsam wieder zu den anderen zehn Autos am Rand des großen Platzes. Denn obwohl Geschwindigkeit die Hauptunfallursache Nummer Eins ist, ist die heute sogar ausdrücklich erwünscht. Es geht auch darum, Grenzen zu erfahren und Gefahren im Straßenverkehr frühestmöglich zu erkennen.

Grenzen austesten und Auto kennenlernen

Beim Fahrsicherheitstraining der Kreisverkehrswacht Unna auf dem Gelände des Landesamtes für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW, kurz LAFP NRW in Bork soll man nämlich genau das erfahren: Grenzen austesten und merken, wie das Auto reagiert, wenn man bremst, lenkt, auf glatter Fahrbahn fährt oder sich sogar dreht. Die Polizeibeamten Victor Ocansey und Michael Börste, die in ihrer Freizeit für die Kreisverkehrswacht Unna tätig sind, sind die ganze Zeit dabei, geben Tipps und motivieren. Schon seit einigen Jahren machen beide das Fahr- und Sicherheitstraining für die Kreisverkehrswacht Unna.

„Es ist wichtig, bereits jetzt den nötigen Mut zu entwickeln, um später in einer Gefahrensituation das Fahrzeug handhaben zu können. Dabei geht es aber keineswegs um Waghalsigkeit“, sagt Victor Ocansey. „Bei der Gefahrenbremsung müsst ihr mit aller Kraft aufs Bremspedal treten oder sogar schlagen“, ruft Victor Ocansey durch sein Mikrofon. Dem Auto mache das nichts aus - das sei schließlich gerade für solche Gefahrensituationen konzipiert. Denn die richtige Vollbremsung kann letztendlich Leben retten!

Viele Unfälle sind vermeidbar

„Ich habe es selbst in der Vergangenheit schon als Polizeibeamter erlebt, wo man am Ende mit Sicherheit weiß: Das wäre von Seiten der Fahrer vermeidbar gewesen“, sagt Victor Ocansey. „Eine beherzte und technisch richtige Vollbremsung kann oftmals den rettenden Unterschied machen.“

Und deswegen ist es umso wichtiger, sich einfach mal an Gefahrenbremsungen oder Ausweichmanövern zu versuchen. Denn einfach ist es am Anfang definitiv nicht. Auf glatter Fahrbahn mal eben ausweichen oder bremsen? Im Fahralltag macht man das selten und zumindest ich hatte bis jetzt keinen blassen Schimmer, wie das Auto wohl reagieren wird.

Bremsen und Ausweichen auf nasser Fahrbahn

Doch das hat sich schnell geändert: Auf dem Gelände des LAFP war nämlich vor allem Fahrpraxis wichtig. „Hier kann nichts passieren, hier habt ihr viel Platz und die Chance, einfach mal alles auszuprobieren“, so Börste. Wie ich und alle anderen ganz schnell zum Beispiel festgestellt hatten: Auf nasser Fahrbahn ist es ganz wichtig, weich zu lenken. „Nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich, sonst verliert ihr die Kontrolle“, gibt uns Michael Börste über Funk noch mit auf den Weg.

Mit dem neuen VW Golf meiner Eltern klappt das auch gut. 40 und knappe 50 km/h sind bei der Übung kein Problem. Also versuche ich mich an den 55km/h. Mitten beim Fahren bemerke ich schnell: Die Kurve schaffe ich doch nicht. Ich reiße das Lenkrad etwas mehr als ich sollte, das Heck bricht aus. Ehe ich mich versehe schleife ich die Pylone unter dem Auto einige Meter mit.

Richtige Lenkradhaltung ist wichtig

Kein Problem bei dem Fahrsicherheitstraining. Der Pylone ist nichts passiert und Michael Börste stellt sie einfach schnell wieder hin. Auf der Straße hätte das größere Folgen gehabt. Doch neben den ganzen Fahrübungen gibt es auch noch andere Tipps. Hände auf „Viertel vor drei“ halten und nicht mit den Daumen das Lenkrad umklammern - das wusste ich noch aus der Fahrschule. Doch trotzdem schockiert mich der Grund dafür: Denn wenn die Hand oben am Lenkrad auf 12 Uhr liegt und der Airbag losgeht, kann es durchaus gefährlich werden. „Der Unterarmknochen ist so hart wie ein Hammer – dieser darf dem Airbag nicht im Wege stehen. Das Airbagkissen braucht Platz, um schützen zu können.“ , so Victor Ocansey.

Innerhalb der sieben Stunden Fahrsicherheitstraining habe ich noch viel ausprobiert. Bemerkt, was passiert, wenn ich die Kontrolle verliere und wie ich mich wieder fangen kann. Und auch Spaß hat es gemacht. Wann kann man schon mal ein „schneller fahren“ und Vollbremsungen machen, ohne dass es wirklich ernst wird? Doch was ich von dem Fahrsicherheitstraining vor allem neben der Sicherheit beim Fahren mitgenommen habe, ist auch etwas Mut.

Mut und Sicherheit für den Alltag

Mut, in gefährlichen Situationen eine Entscheidung zu treffen. Mut, mit voller Kraft in die Bremse zu treten und auch das Vertrauen, dass ich so etwas eben schon beim Üben gut hinbekommen habe. „Werdet dadurch aber nicht leichtfertig oder übermütig“, betont Victor Ocansey zum Abschluss noch einmal. Doch ich weiß für mich: Hätte ich Gefahrenbremsungen und Ausweichmanöver nicht noch einmal geübt, ich wüsste nicht, ob ich im Straßenverkehr richtig reagiert hätte.

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