Der Sex ist nicht der Rede wert: nur ein Augenblick. Mehr Zeit verbringt der Rothirsch mit Drohen, Kämpfen und Röhren. In Cappenberg sind seine Schreie der Lust besonders lange zu hören.

Cappenberg

, 10.11.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Rööööööh!“ Und noch einmal: „Rööööööööööh!“ Der Hirsch hat seinen Kopf, auf dem ein imposantes Geweih thront, weit nach vorne gestreckt und schreit: ein tiefer, rauer Laut. Er lässt nicht nur die Hirschkühe die Ohren spitzen.

Der Platzhirsch wirbt eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit um die Gunst der rund 30 weiblichen Tiere. Seit 2009 ist der 35 Hektar große Wildpark zu Füßen des Schlosses Cappenberg geschlossen. Was die Hormone im Herbst mit Hirschen machen, bleibt dennoch nicht verborgen.

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Röhrende Hirsche im Cappenberger Schlosspark

Bei britischen Hirschen gehen die Uhren anders

Kilometer weit hallen die durchdringenden Schreie der männlichen Tiere: eine eigenwillige Mischung aus dem Muhen der Kuh und dem Knurren des Löwen. Sie künden weithin von dem jährlichen Drama um Liebe und Hass, Macht und Ohnmacht. Der letzte Vorhang ist in diesen Tagen gefallen - mehr als drei Wochen später als andernorts.

Laute Lust mit Verspätung: Warum am Schloss Cappenberg Hirsche später röhren als anderswo

Peter Markett ist Wildmeister. Unter anderem ist er damit als Berufsjäger für die Cappenberger Wälder zuständig. © Sylvia vom Hofe

„In Großbritannien gehen die Uhren eben etwas anders“, sagt Peter Markett, als er das Eingangstor zum Wildpark unten am Schlossberg aufschließt: ein Brexit-Scherz. Als der Berufsjäger mit Meistertitel ihn macht, gilt noch der 31. Oktober 2019 als Tag des Ausstiegs aus der EU. Inzwischen ist es der 31. Januar 2020, vorausgesetzt, die Briten werfen nicht auch diesen Termin über den Haufen. Ihre vierbeinigen Landsleute sind da ganz anders.

Die Brunft zehrt: Der Hirsch verliert 20 Prozent seines Gewichts

Seit Generationen halten Rothirsche aus Großbritannien an einer inneren Uhr fest. Und die geht eben ganz anders als die des heimischen Rotwilds. Peter Markett beobachtet das jedes Jahr. Und vor allem hört das der Wildmeister im Dienste des Grafen von Kanitz. Die Brunft der Cappenberger Hirsche, die einst aus England eingeführt wurden, fängt später an als die der anderen: „Bestimmt zwei Wochen.“

Laute Lust mit Verspätung: Warum am Schloss Cappenberg Hirsche später röhren als anderswo

Der Cappenberger Platzhirsch hat sein Rudel im ehemaligen Wildpark zusammengetrieben. © Sylvia vom Hofe

Die aufregendste und lauteste Zeit im Hirschjahr ist kräftezehrend - vor allem für den Platzhirschen: dem stärksten der etwa zehn männlichen Tiere im Wildpark. Vor lauter Röhren, Drohen, Kämpfen und Begatten kommt er in diesen sechs Wochen kaum zum Fressen. Mehr als ein Fünftel seines Körpergewichts von immerhin bis zu 150 Kilogramm verliert er so. Wenn es nur Pfunde sind, die purzeln, ist er aber noch glimpflich davongekommen.

Kämpfe können tödlich enden

„Bei den Kämpfen kann es richtig zur Sache gehen“, sagt Markett. Er erinnert sich an ein Telefonat aus den Vorjahren. „Hier kämpfen zwei Hirsche“, sagt der Anrufer, der gerade im Park zu tun hat. „Die rennen aufeinander zu und prallen mit ihren Geweihen brutal aufeinander, immer wieder.“ Markett beruhigt den Mann: Ja, das sei so üblich in der Brunftzeit. Etwas später der nächste Anruf.

Eines der Tiere blute, sagt der besorgte Mann am anderen Ende. Kommt vor. Verletzungen ließen sich nicht vermeiden, entgegnet Markett. Wenig später schellt es ein drittes Mal, wieder der Mann. Er wolle nur mitteilen, dass eines der Tiere jetzt leblos am Boden liege, vermutlich tot. Als Markett eintrifft, kann er das nur bestätigen und dem immer noch geschockten Anrufer versichern: „So etwas passiert zwar nur selten, kommt aber vor in der Natur.“

Die meiste Zeit leben die Geschlechter getrennt voneinander

Freie Wildbahn ist der Park rund um die Höhenburg zwar nicht. Die Tiere hier sind aber alles andere als zahm. Kaum haben die Hirschkühe Markett entdeckt, heben sie ihre Köpfe, schnuppern und drehen ihre Ohren: eine jähe Unterbrechung vom täglich mehr als siebenstündigen Äsen und fünf- bis sechsstündigen Wiederkäuen. Und von den Annäherungsversuchen des Platzhirsches und seiner Nebenbuhler.

Laute Lust mit Verspätung: Warum am Schloss Cappenberg Hirsche später röhren als anderswo

Menschen dürfen sich nicht zu nah heranwagen. Dann nehmen Hirschkühe und Platzhirsch lieber Reißaus. © Sylvia vom Hofe

Die meiste Zeit im Jahr treffen die Kühe selbst die Entscheidung, was sie wann wo tun. Sie leben in sogenannten Kahlwildrudeln. „Kahl, weil die weiblichen Tiere kein Geweih haben“, erklärt Markett. Jetzt ist es aber der Hirsch mit dem imposanten Geweih, der die ein Drittel kleineren Weibchen losrennen lässt und 50 Meter weiter wieder zusammen scheucht.

Die anderen Hirsche - die Größe der Geweihe verrät, dass sie jünger sein müssen - schauen sich das aus der Deckung des Waldrandes an. Keiner macht Anstalten, sich einzumischen. Und das ist auch besser so, wie der Chef mit den verästelten Knochen auf der Stirn gerade zu sagen scheint - mit einem durchdringenden „Rööööööh“.

Das Damwild rülpst statt zu rufen

Leiser geht es hinter der hohen Hecke zu, in einem Bereich, den das Rotwild nicht betritt: das Reich des Damwilds. „Der Damhirsch schreit nicht“, sagt Markett auf dem Rückweg, „er rülpst“. Vielleicht ist es auch eine Art Schnarchen oder Grunzen. Auf jeden Fall ein Laut, der anders als das volltönende Röhren der größeren Verwandten, nicht weithin zu hören ist.

Während sich die Rothirsche im November schon wieder von dem aufreibenden Getue um die Zeugung des Nachwuchses erholen können, geht es auf der anderen Seite der Hecke noch richtig zur Sache. Anders als die hochbeinigen Gentlemen mit rotem Fell und Mähne folgt der Damhirsch aber nicht den weiblichen Tieren, bis eines nach dem anderen paarungswillig stehen bleibt. Er lässt stattdessen kommen.

Der Damhirsch ist ein Pascha

„Hier“, Market deutet auf den Boden: Die Erde ist aufgeraut, Grasbüschel sind herausgerissen und eine Vertiefung geschaffen - so gut das geht mit den Schaufeln des Geweihs und den Schalen. „Das ist eine Brunftkuhle“, erklärt der Berufsjäger. Der Hirsch lege sich hinein und erwartet dort die Hirschkühe, „wie ein echter Pascha“.

Laute Lust mit Verspätung: Warum am Schloss Cappenberg Hirsche später röhren als anderswo

Seit 2009 geschlossen: der Wildpark Cappenberg. © Sylvia vom Hofe

Ob sich das Röhren, Graben und Duellieren gelohnt hat, zeigt sich im Juni nächsten Jahres. Dann zeigt der Wildpark, der zuletzt Kampfarena und Liebesnest war, eine neue Facette: Er wird zur Kinderstube. Jeweils ein Jungtier bringt eine Hirschkuh zur Welt - nach 236 Tagen Tragzeit bei den Rot- und 230 Tagen bei den Damhirschen.

Väter kümmern sich nicht um die Erziehung des Nachwuchses

Egal, ob Rot- oder Damhirsch: Der Vater hat mit der Aufzucht des Nachwuchses nichts zu tun. Er freut sich bestenfalls aus der Ferne, dass nahezu alle Jungtiere seine Erbeigenschaften haben und nicht die seiner Nebenbuhler. Während die Muttertiere ihre ganze Fürsorge den Kälbern widmen, sind die Hirsche bereits mit sich selbst beschäftigt - genau genommen: mit ihrem Kopfschmuck.

Laute Lust mit Verspätung: Warum am Schloss Cappenberg Hirsche später röhren als anderswo

Ein Postkartenmotiv: das Schloss Cappenberg, die einstige Höhenburg, vom Wildpark aus gesehen, der für die Öffentlichkeit gesperrt ist. © Sylvia vom Hofe

Im Februar fällt dem Rothirsch das 5 bis 10 Kilogramm schwere Geweih ab. Kurz danach beginnt bereits das Neue zu sprießen: in der Regel größer und mächtiger als das des Vorjahres.

Berufsjäger bestreut 57 Reviere in der Davert

Peter Markett schließt das Holzgatter hinter sich. Der Besuch bei den Cappenberger Hirschen gehöre zu seinen Nebenaufgaben, sagt der Wildmeister aus Hamm.

Er arbeitet längst nicht nur für die gräfliche Verwaltung Cappenberg. Seit 2001 betreut er den Hochwildring Davert: einen Zusammenschluss aus 57 Revieren mit mehr als 15.000 Hektar Fläche, und seit 2016 berät er die Jägerschaft in ganz NRW.„Das ist auch viel Schreibtischarbeit“, sagt er. Umso mehr genieße er es, die stolzen Tiere zu beobachten, die mitten im Herbst ihre Frühlingsgefühle bekommen.

Schon bald wird Markett zurückkommen: dann allerdings nicht nur mit dem Fernglas, sondern mit dem Gewehr. Ohne Bejagung würden die Rudel der Hirsche einfach zu groß, sagt er. Traditionell werden dann auch einige der erlegten Tiere am 14. und 15. Dezember beim Adventsmarkt rund um Schloss Cappenberg am Spieß gebraten und den Gästen angeboten. Die meisten, versichert Markett, würden aber auch im nächsten Herbst wieder mitspielen im röhrenden Drama um Lust und Leidenschaft´.

Rot- und Damwild

  • Rotwild ist schon immer in Deutschland heimisch gewesen. Nach Schätzungen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz leben rund 12.000 Tiere in Nordrhein-Westfalen, verteilt auf zehn abgegrenzte Rotwildgebiete: Die nächsten Damwildvorkommen in freier Wildbahn sind in der „Davert“ bei Münster und in der „Hohen Mark“ bei Haltern.
  • Damwild ist dagegen in der letzten großen Eiszeit in ganz Europa ausgestorben. Alle heute in Mitteleuropa lebenden Tiere seien wieder angesiedelt worden, schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu).
  • Sikawild wurden im Jahr 1893 als Parkwild nach Deutschland gebracht und gezielt angesiedelt. In NRW wurden zwei Verbreitungsgebiete für das Sikawild festgelegt: im Arnsberger Wald und bei Beverungen (Kreis Höxter).
  • Rehe sind mit einer Schulterhöhe von 60 bis 75 Zentimeter und einem Gewicht von 20 bis 30 Kilogramm die kleinste heimische Hirschart. Das Reh ist in fast ganz Europa vertreten, allerdings fehlt es auf den Mittelmeerinseln, dem griechischen Peloponnes und in Irland. Anders als Rot-, Dam- und Sikawild kommt es im Cappenberger Wald wildlebend vor.
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