Warum Austauschschülerin Charlotte aus den USA der Karneval besser gefällt als Halloween

hzSchüleraustausch

Sie liebt den Karneval in Köln und fühlt sich bei ihrer Gastfamilie gut aufgehoben: Charlotte Flores hat ihre Heimat in New Mexico für ein Jahr verlassen. Wo sie wohnt? Im Zimmer der Zofe.

Selm

, 24.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Lautes Hundegebell ertönt, als ich vor dem historischen Haus Dahl in Altenbork stehe und an der Außenglocke ziehe, die neben der Haustür an der Wand hängt. Kurz darauf erklingt ein helles „Hallo“ von der Gartenpforte, und ich lerne Charlotte kennen.

„Wir sind froh, dass wir sie haben.“

Charlotte Flores ist 18 Jahre alt. Die US-Amerikanerin lebt eigentlich im Bundesstaat New Mexico in der Stadt Las Cruces. Eine Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern im mexikanischen Grenzgebiet, am Rio Grande gelegen. Dort wohnt sie, wie sie erzählt, mit ihrer Familie in einem typisch mexikanischen Pueblo-Haus.

Jetzt ist Charlotte in einem Gebäude zu Hause, dessen Ursprünge mehrere Jahrhunderte zurückreichen. Gastoma Heidi Wibbeke sagt: „Charlotte wohnt hier im Zimmer der Zofe.“ Und dann fügt die 70-Jährige hinzu: „Sie passt so gut zu uns. Wir sind froh, dass wir sie haben.“

Hunde, Katzen und andere Tiere ist Charlotte gewohnt

Beim Gespräch im Wohnzimmer des alten Hauses wird Charlotte auf dem Sofa von zwei riesigen Hunden flankiert, die sich immer wieder an sie kuscheln wollen. Es sind Frieda und Lucy. „Das bin ich gewohnt“, sagt Charlotte, und ihre dunklen Augen blitzen fröhlich. „Zuhause haben wir vier Hunde, drei Katzen, einen Vogel und viele Fische.“

Warum Austauschschülerin Charlotte aus den USA der Karneval besser gefällt als Halloween

Charlotte mit ihrer Familie (v.l.) Mama Sara, Charlotte, Papa José und der kleine Bruder David. © Martina Niehaus

Was direkt auffällt: Charlotte spricht richtig gut Deutsch. Dabei hat sie vor ihrem Austausch mit dem parlamentarischen Patenschafts-Programm in ihrer High School noch gar keinen Deutschunterricht gehabt. „Wir haben aber vier Wochen lang einen Deutschkurs in Ostdeutschland besucht, in Hedersleben“, erzählt die 18-Jährige.

Ihren Highschool-Abschluss hat sie in New Mexico bereits absolviert. Mit Fremdsprachen hat sie bereits Erfahrung: „In der Schule hatte ich französisch gelernt. Aber ich finde, dass die Sprache Deutsch so schön klingt. Ich habe eine Organisation gesucht und mich dann bei ,Experiment e.V.‘ beworben. Und dann bin ich im August nach Deutschland gekommen“, erinnert sie sich an den Beginn ihres Abenteuers.

Austausch ist für junge Leute „eine große Herausforderung“

Matthias Lichan von der Austauschorganisation „Experiment e.V.“ sagt: „Für die jungen Leute ist so ein Austausch ein großer Schritt, eine große Herausforderung. Wir helfen ihnen dabei.“ Die Schüler, die an dem Programm teilnähmen, seien hochmotiviert. Vor allem die Gastfamilien spielten dabei eine große Rolle, erklärt Lichan. „Wir schaffen es immer, alle zu vermitteln. Manchmal ist es schwieriger, manchmal nicht so schwierig, genug Familien zu finden“, erzählt er.

Charlottes Familie hat sich auf das Abenteuer Austausch eingelassen. Ihre Gasteltern Rebecca und Roland sowie die 13-jährige Gastschwester Amy waren für die junge Frau die perfekte Wahl. „Ich bin hier sehr glücklich, ich habe eine tolle Familie“, sagt Charlotte. Und erzählt von gemeinsamen Ausflügen in die Schweiz oder nach Münster.

Warum Austauschschülerin Charlotte aus den USA der Karneval besser gefällt als Halloween

Charlotte (M.) mit Gastschwester Amy und Gastoma Heidi. Und mit Pony Naomi. © Martina Niehaus

Auch mit ihrem Paten, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Thews, hat sie sich bereits getroffen. „Wir werden zusammen nach Berlin fahren. Das wird sehr schön“, freut sie sich jetzt schon. Und mit den anderen Austauschschülern hat sie den Karneval in Köln besucht. „Ich war als Polizistin verkleidet. Das war so lustig. Ich feiere zu Hause gerne Halloween. Aber Karneval ist noch viel besser“, lacht Charlotte.

Saubere Schuhe, viele Brotsorten und wenig Sonne

Die Weihnachtszeit in Deutschland hat der 18-jährigen besonders gut gefallen. „Die Lichter hier überall bringen tolle Stimmung, das fühlt sich richtig an wie Weihnachten.“ Und dann erzählt Charlotte, wie verwirrt sie war, als ihre Familie sie am Abend vor Nikolaus aufforderte, ihre Schuhe zu putzen. „Ich wusste erst gar nicht, warum ich das tun sollte. Bei uns feiern wir nämlich keinen Nikolaustag.“

Als Vegetarierin ist Charlotte besonders von den vielen Brotsorten beeindruckt, die es hier gibt. „Ich liebe aber auch Nudeln und Kartoffeln. Und am Wochenende gibt es hier immer ein großes Frühstück mit der ganzen Familie. Das ist sehr schön.“

Auch hier in Deutschland besucht Charlotte die Schule - die Wolfhelm-Gesamtschule in Olfen. „Heidi, meine Gastoma, fährt uns jeden Morgen mit dem Auto hin“, erzählt Charlotte. Sie ist davon beeindruckt, dass die Zug- und Busverbindungen in Deutschland so gut vernetzt seien. „Die Entfernungen sind hier aber auch viel kleiner. Wir fahren viel Auto, und eine mehrstündige Fahrt ist bei uns etwas völlig Normales.“

„Durchlauferhitzer“ für die persönliche Entwicklung

Frank Seiler ist Englischlehrer an der Wolfhelm-Gesamtschule. Neben Charlotte, erzählt der 58-Jährige, sei gerade noch ein weiterer Schüler aus den USA zu Gast. „Cullen und Charlotte bringen sich im Englischunterricht richtig toll ein, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen oder alles an sich zu reißen. Das läuft prima“, erzählt er begeistert.

Auch den Deutschunterricht besuchen die beiden. Denn an der Gesamtschule wird DAZ (Deutsch als Zweitsprache) unterrichtet. Sie seien „sehr bestrebt, deutsch zu lernen“, sagt der Lehrer.

Einen Aufenthalt in einem anderen Land sei für die Entwicklung eines jungen Menschen sehr gut, weiß der Pädagoge. „Wenn man ein halbes Jahr oder Jahr nicht mehr im ,Hotel Mama‘ wohnt, kehrt man viel reifer und selbstsicherer zurück“, sagt Seiler. Das Kennenlernen anderer Kulturen, das Reisen, die Sprache - all diese Dinge seien wichtig.

Auch im späteren Studien- oder Berufsleben könne ein Auslandsaufenthalt Vorteile bringen. „Als Arbeitgeber würde ich darauf schon einen Blick werfen“, sagt Frank Seiler. Man sei schließlich offen für Neues, selbstständig und beweise mit einem Aufenthalt in einem fremden Land nicht zuletzt Durchhaltevermögen und kommunikative Kompetenzen.

Warum Austauschschülerin Charlotte aus den USA der Karneval besser gefällt als Halloween

Bei ihrer Gastfamilie in Bork fühlt sich die Amerikanerin wohl. © Martina Niehaus

Auch Schulleiter Dr. Jerome Biehle sagt: „In unserer globalisierten Welt gewinnen die Jugendlichen viel an Weltoffenheit.“ Ein Auslandsaufenthalt sei „ein Durchlauferhitzer“ für die persönliche Entwicklung eines jungen Menschen. Das erkenne Biehle auch an seiner eigenen Tochter, die ein halbes Jahr in den USA absolviert habe.

„Ich habe ihn nicht gewählt, aber er ist unser Präsident“

Und Charlotte kann ihren Mitschülern in Deutschland auch Dinge näherbringen, die diese bisher nur aus großer Entfernung verfolgt haben. Von ihrem Heimatort aus, der direkt im mexikanischen Grenzgebiet liegt, kann die 18-Jährige zum Beispiel auch den Zaun sehen, der die USA von Mexiko trennt. „Als ich klein war, konnte man dort noch hindurchfahren. Das geht jetzt nicht mehr“, bedauert sie.

Nach ihrer Meinung zu Donald Trump gefragt, reagiert die junge Amerikanerin dann doch sehr diplomatisch. „Ich habe ihn nicht gewählt. Und es war für uns eine große Überraschung, dass er es geschafft hat. Aber er ist jetzt unser Präsident.“ Dann fügt sie hinzu: „Auf jeden Fall ist die politische Situation sehr interessant geworden.“

Wie es nach ihrem Austausch weitergeht, weiß Charlotte auch schon. „Ich interessiere mich für Politik und Philosophie und habe mich an mehreren Universitäten in England angemeldet. Von zwei habe ich Zusagen bekommen.“ Vermutlich, glaubt Charlotte, werde sie nach Sheffield oder Durham gehen.

Ihre Austauscherfahrungen werden ihr dabei sicher helfen. „Sprachen zu können - das hilft einem so viel. Und so ein Austausch eröffnet neue Welten.“ Zu Hause habe sie schon viele Austauschschüler kennengelernt. „An meiner Schule waren schon interessante Leute - aus Kasachstan, Spanien, Portugal und anderen Ländern.“

Warum Austauschschülerin Charlotte aus den USA der Karneval besser gefällt als Halloween

Charlotte vermisst ihren Kater Skippy. „Er kuschelt immer so gern." © Martina Niehaus

Doch natürlich gibt es auch Dinge, die sie vermisst. Ihre Eltern, klar. Vater José, Mutter Sara und den fünfzehnjährigen Bruder David. „Und ich hätte früher nie gedacht, dass ich mal die Sonne vermissen würde. Bei uns ist es immer sehr heiß“, erzählt Charlotte. Und sie vermisst ihren kleinen Kater Skippy. „Er ist so kuschelig, und ich freue mich darauf, ihn wiederzusehen.“

Das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP)
  • Seit 1983 gibt das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) jedes Jahr jungen Deutschen die Möglichkeit, mit einem Vollstipendium ein Schuljahr in den USA zu erleben. Zeitgleich sind Jugendliche aus den USA für ein Austauschjahr in Deutschland.
  • Das PPP ist ein gemeinsames Programm des Deutschen Bundestages und des US-Kongresses, das die deutsch-amerikanische Freundschaft stärken möchte und jungen Menschen aus beiden Ländern die Gelegenheit bietet, sich auszutauschen und ein Netzwerk persönlicher Kontakte zu knüpfen. Durch die Unterbringung in einer Gastfamilie sind sie von Anfang an in die Kultur des Gastlandes eingebunden.
  • Der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Thews engagiert sich für diesen interkulturellen Austausch und unterstützt die Austauschorganisation Experiment e.V. dabei, neugierige und weltoffene Familien zu finden, die ab September einen PPP-Stipendiaten als „Familienmitglied auf Zeit“ bei sich aufnehmen möchten. „Ich möchte die Familien in meinem Wahlkreis dazu ermutigen, eine Schülerin oder einen Schüler aus den USA bei sich aufzunehmen. Für alle Beteiligten ist das eine neue, spannende Erfahrung, denn beide Seiten lernen und beide Seiten profitieren“, so der Abgeordnete.
  • Gastfamilie kann fast jeder werden – egal ob Alleinerziehende, Paare mit oder ohne Kinder oder Patchwork-Familien, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Wichtig seien vor allem Humor, Neugier und Toleranz sowie die Bereitschaft, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Wer sich vorstellen kann, PPP-Gastfamilie zu werden, kann sich an die Bundesgeschäftsstelle von Experiment e.V. in Bonn wenden.
  • Ansprechpartner ist Matthias Lichan (Tel.: 0228 95722-21, E-Mail: lichan@experiment-ev.de). Weitere Informationen zum PPP gibt es hierwww.bundestag.de/ppp.
Lesen Sie jetzt