Der heiße Sommer ist ganz nach Wanzen-Geschmack. Er macht Appetit. Und Lust. 2018 hatten die Sechsbeiner mehr Sex - und mehr Nachwuchs. Das ist aber kein Grund zur Sorge, mit einer Ausnahme.

Selm

, 05.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt sie nicht. Die kleine Wanze sitzt auf einer weißen Blüte und wirkt dabei alles andere als aufmerksam. Kein Fühler des rotschwarz-gestreiften Tierchens regt sich, als das Fotoobjektiv immer näher rückt. Selbst als eine Hand der Fotografin die Blüte etwas anhebt, bewegt sich die Streifenwanze kein Stück. Sie hat gerade Besseres zu tun, wie Karl-Heinz Jelinek weiß.

Eigentlich ist der Rentner aus Köln Schmetterlingsforscher. Das Wissen über die anderen heimischen Insekten ist sozusagen Beifang. Wer seit Jahrzehnten Tag- und Nachtfalter beobachtet, kommt wohl oder übel in Kontakt mit allem anderen, das krabbelt, kriecht und fliegt: „Vor allem mit Mücken“, sagt Jelinek und lacht, aber eben auch mit Wanzen.

Er sagt das nicht abfällig. Nicht mit dem Unterton, den vermutlich Goethe hatte, als er dichtete: „Die Flöhe und die Wanzen gehören auch zum Ganzen“. „Es lohnt sich, näher mit ihnen zu beschäftigen“, steht für den Sprecher des Landesfachausschusses Entomologie im Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fest. Der unbekannte Name bedeutet nichts anderes als Insektenkunde - die Erforschung eines zumeist unbekannten Teils des Tierreichs.

In einem heißen Sommer gibt es deutlich mehr Nachwuchs

Die Wanzen haben gerade eine gute Zeit. Im Vorjahr war das auch schon so. Gar von einer Wanzen-Plage war im Oktober 2018 die Rede. Der Anlass: Die Tierchen, die eine eigene Ordnung in der Klasse der Insekten bilden und eher mit Läusen und Zikaden verwandt sind als mit Käfern, hatten sich besser vermehrt als in den Vorjahren: Statt einer neuen Generation pro Jahr gab es gleich zwei.

Im Herbst, als es auch für Wanzen langsam ungemütlich wurde draußen, drängten entsprechend viele von ihnen ins Warme und Trockene - und damit auch in Häuser. Rollladenkästen und Risse und Spalten in den Mauern sind beliebte Orte zum Überwintern. Vor geöffneten Fenstern und Haustüren machen sie auch nicht halt. Von einer „Invasion der Stinkwanzen“ hat die Bild-Zeitung sogar berichtet. Naturschützer haben das mit gemischten Gefühlen gelesen.

Warum die allermeisten Wanzen viel besser als ihr Ruf sind und welche man besser meidet

Auch oft zu beobachten aber besser nicht anzugreifen: Eine Stinkwanze sonnt sich in einem Garten auf einem Blatt. © picture alliance/dpa

„Stinkwanzen sind harmlos, sie richten keine Schäden an“, macht der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) auf seiner Homepage klar. Die im Sommer grünen und im Herbst eher bräunlichen Wanzen könne man ruhig als Untermieter tolerieren. Wem das zu viel Tierliebe ist und sie lieber loswerden wolle, sollte behutsam vorgehen, rät der Nabu. Denn die Tierchen würden ihren Namen nicht zu Unrecht tragen. Stinken können sie tatsächlich.

„Ihr Geruch weckt Ohnmächtige auf“

Wie viele andere Wanzen auch sondern sie laut Nabu bei Gefahr ein unangenehm riechendes Sekret aus: ein Geruch, der lange in Holz und porösem Stein hängen bleibt. „Ihr Geruch weckt (...) Ohnmächtigen auf“, hat bereits der vor rund 2000 Jahren lebende griechische Arzt Pedanios Dioskurides geschrieben. Er empfiehlt sie nicht nur als Riechsalzersatz, sondern auch als Mittel gegen den Biss der giftigen Aspis-Viper: „Zu sieben Stück mit Bohnen den Speisen zugesetzt.“

Anstatt zum Kochtopf oder zur Fliegenklatsche zu greifen oder zuzutreten, rät der Nabu, im Haus unerwünschte Wanzen im Herbst mit einem weichen Handbesen zusammenzukehren und raus zu tragen. Hektische Bewegungen seien zu vermeiden - nicht nur wegen der Stinkdrüse am Hinterleib, sondern auch wegen der Flügelchen auf dem Rücken. Gift brauche dabei auf keinen Fall eingesetzt zu werden. Bei einer Wanzenart, die sich ebenfalls bestens entwickelt - allerdings nicht wegen des Klimawandels -, fällt die Empfehlung anders aus.

„Erkennen, Vorbeugen, Bekämpfen.“ So lautet die Überschrift einer Broschüre, die das Umweltbundesamt bereits im September 2017 herausgegeben hat. Im Fokus steht eine 1 bis 8 Millimeter große Wanze, die seit Jahrzehnten in Deutschland ausgerottet zu sein schien: die Bettwanze. Inzwischen ist sie zurück: in Betten, Sesseln und hinter Fußleisten und Lichtschaltern. Von dort krabbeln sie nachts hervor, um Blut zu saugen - Menschenblut.

Die Bettwanze ist nach Deutschland zurückgekehrt

Das ist eklig und unangenehm. „Bettwanzen übertragen aber keine Krankheitserreger“, stellt das Bundesumweltamt klar. Häufig werde der Stich des Tierchens, das sechs Monate alt werden kann, gar nicht wahrgenommen. „Die Hautreaktion kann von Person zu Person sehr unterschiedlich ausfallen“: von gar keiner Reaktion über juckende Pusteln bis zu Blasen und Quaddeln. Und fast immer ist noch etwas dabei: eine gewisse Scham, mit dem Ungeziefer in Kontakt gekommen zu sein - zu Unrecht, wie das Umweltbundesamt mitteilt.

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Eine Bettwanze beim Blutsaugen auf menschlicher Haut, veröffentlicht von der Harvard Universität (Foto undatiert). Haben sie sich erst einmal eingenistet, bekommt man sie nur schwer wieder los. © picture alliance / dpa

„Dass ein Befall mit mangelnder Hygiene zu tun hat, ist ein weit verbreiteter Irrtum.“ Vielmehr könnten Bettwanzen völlig unabhängig von jeglichen hygienischen Bedingungen vorkommen - verstärkt in Almhütten.

„Bettwanzen - es geht uns alle an!“, lautete der Titel einer Konferenz, zu der der Deutsche Alpenverein Hüttenwirtsleute, Vereinsverantwortliche und Wissenschaftler fürs Frühjahr 2018 eingeladen hatte. Damit war es raus: „Wir haben Wanzen auf unseren Berghütten.“ Zehn Prozent der Hütten seien betroffen. Und nicht nur sie.

Nichts für Laien: Die Bekämpfung ist langwierig und schwierig

Inzwischen machen sich die Plagegeister auch in immer mehr Wohnungen breit als ein ungewolltes Mitbringsel von Reisen. Sie verstecken sich in Koffern und Kleidung und nisten sich dann in den Schlafzimmern ein. Wenn sie erst einmal da seien, könne man laut Bundesumweltamt wenig tun. Die Bekämpfung sei aufwendig und Experten zu überlassen, die dafür meist mehrere Wochen im Einsatz sind.

Mit Bettwanzen kennt sich Karl-Heinz Jelinek nicht aus, zum Glück. Mit Streifenwanzen dafür schon besser: diese rotschwarzen Tierchen, die auf der weißen Blüte am Wegesrand wie auf dem Präsentierteller hocken. Die grelle Farbe signalisiert Vögeln und anderen Tieren: Friss mich besser nicht. Ich bin bestimmt giftig - ein Bluff. Denn die 12 Millimeter große Wanze ist ein friedlicher, Pflanzensaft saugender Vegetarier mit ungewöhnlich guten Manieren.

Die Wanze mit der ungewöhnlichen Mutterliebe

Nach der Paarung - Hinterleib an Hinterleib - heftet Mutter Streifenwanze die Eier im Frühjahr an Blätter und Stengel. Damit ist die Sache aber nicht für sie erledigt. Sie bleibt und bemuttert noch den Nachwuchs: erst die Eier, dann die winzigen Larven, die eine Woche später schlüpfen und fast schon wie sie selbst aussehen - nur deutlich kleiner und noch nicht so grell. Fünfmal werden die Babys sich häuten und jedes Mal der Mutter ähnlicher werden, ohne sich wie Schmetterlinge und Käfer zu verpuppen.

Insektenforscher Karl-Heinz Jelinek hat seit einigen Jahren deutlich mehr Gelegenheit, Streifenwanzen zu beobachten. Ursprünglich, sagt er, seien die in Deutschland gar nicht so weit nördlich vorgekommen. Aufgrund des Klimawandels hat sich das wärmeliebende Tier aber immer weiter vorgearbeitet und ist jetzt bis auf wenige Ausnahmen überall auf sonnige Wiesen und an Wegesrändern zu finden.

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