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Margret Overhage begleitet Menschen, die im Sterben liegen. Sie erzählt, was bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit wichtig ist und warum Sprechen dabei manchmal gar nicht nötig ist.

Selm

, 25.03.2019 / Lesedauer: 6 min

Als ihr Vater starb, begann die Südkirchenerin Margret Overhage (55) sich mit dem Thema Tod zu beschäftigen. „Ich konnte das Thema nicht greifen“, erzählt sie. „Der Tod gehört zum Leben dazu, das weiß jeder. Aber ich hatte Angst davor.“ Ihre Lösung: eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin bei der Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen. Nur auf diese Weise habe sie sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und es begreifen können.

Seit zehn Jahren begleitet Margret Overhage, die eigentlich im kaufmännischen Bereich tätig ist, nun Menschen, die im Sterben liegen. „Ich habe meist nur eine Begleitung und mache dann eine Pause“, sagt die 55-Jährige. In dieser Pause gehe sie zur Supervision, spreche also mit den Koordinatoren der Sterbebegleitung, um die vorhergehende Begleitung zu verarbeiten. Auch bei Schwierigkeiten innerhalb einer Begleitung könne sie sich jederzeit an die Koordinatoren wenden.

Overhage: „Bei der ersten Begleitung war ich sehr unsicher“

„Ich habe zwar keine Beziehung zu dem Sterbenden, aber doch eine Verbindung“, erklärt Margret Overhage. Deshalb sei ein sauberer Abschluss einer Sterbebegleitung von großer Bedeutung. Wichtig sei aber auch ein anderer Faktor: Habe ein Sterbebegleiter zum Beispiel private Probleme, könne er einige Zeit aussetzen, bevor er eine neue Begleitung annehme. „Man muss mit sich im Reinen sein.“

Margret Overhage ist mit sich im Reinen. Bei ihrer ersten Begleitung nach der Ausbildung sei sie dennoch sehr unsicher gewesen, verrät sie. „Es gibt ja kein Rezept oder eine To-Do-Liste, die bei jedem funktioniert.“

Jede Begleitung beginnt mit dem Kennenlernen

Der formale Ablauf einer Sterbebegleitung sei hingegen immer ähnlich. „Die Koordinatorin schaut, wohin ich passe“, erklärt Margret Overhage. Dann gehe sie meist in Privathaushalte, manchmal auch in Altenheime. „Dort findet dann ein lockeres Kennenlernen mit dem Menschen statt, den ich begleiten soll.“ Das seien Menschen, die unheilbar krank seien oder aus Altersgründen im Sterben liegen. „Und wenn die Chemie stimmt, besuche ich diesen Menschen ein bis zwei Mal pro Woche und bin telefonisch für ihn erreichbar.“

Im Idealfall seien die Menschen noch ansprechbar. Dann sei es leichter, Vertrauen aufzubauen und etwas über denjenigen zu erfahren. „Wenn die Menschen mir von ihren Vorlieben und von ihrem Leben erzählen können, kann ich darauf eingehen und zum Beispiel entsprechend Musik abspielen oder etwas vorlesen, wenn Sprechen nicht mehr möglich ist“, erklärt Margret Overhage. „Manche sind zum Beispiel auch religiös, anderen brauche ich mit einem Gebet nicht zu kommen.“

Ausbildung sensibilisiert für den Umgang mit Sterbenden

In der Ausbildung zur Sterbebegleiterin hat Margret Overhage gelernt, wie sie sich in den Menschen, den sie begleitet hineinversetzen kann. Anhand der fünf Sterbephasen könne man die Gefühle des Sterbenden nachvollziehen und darauf eingehen. „Medizinisch kann ich dem Menschen schließlich nicht helfen“, sagt die 55-Jährige. „Aber für ihn da sein und ihm Verständnis entgegenbringen, das kann ich.“

Das Da-Sein sei oft das Wichtigste für den Sterbenden. „Wir reden zwar auch über alltägliche Dinge oder die Vergangenheit“, sagt Margret Overhage. „Oft ist es für den Menschen aber auch einfach schön, wenn jemand da ist, um seine Hand zu halten.“ Vor allem, wenn er nicht mehr ansprechbar sei, helfe das Gefühl, dass jemand an seiner Seite sei. Im Laufe der Jahre ist Margret Overhage immer sicherer darin geworden, zu erkennen, was der Mensch, den sie begleitet, braucht. Trotzdem: „Das Spannendste ist der erste Schritt in eine neue Begleitung.“ Denn man wisse nie, was einen erwartet.

Wenn Angehörige Redebedarf haben, ist die Sterbebegleiterin auch für sie da

Margret Overhages Hauptaufgabe ist die Begleitung des Sterbenden. Doch gerade in Privathaushalten sind oft auch die Angehörigen dabei. „Früher war es für mich schwierig, mit jemandem zu sprechen, der einen geliebten Menschen verliert oder verloren hat“, erzählt die Südkirchenerin. „Das war wie eine Mauer.“ Inzwischen sei das anders. „Wenn Angehörige Redebedarf haben, bin ich auch für sie da“, erzählt Margret Overhage. „Aber ich höre meist nur zu. Die Menschen brauchen keinen erhobenen Zeigefinger. Sie möchten sich in den Arm genommen fühlen.“

Genauso sei es auch, wenn beispielsweise ein Bekannter oder ein Freund einen geliebten Menschen verliert. „Wichtig ist meiner Meinung nach, auf den Menschen zuzugehen und ihn nicht alleine zu lassen“, rät Margret Overhage. „Man kann ein normales Gespräch suchen, Hilfe anbieten oder den Menschen einfach nur im Arm halten.“ Trauer sei ein Prozess. Ein Prozess, der begleitet durch die Fürsorge von Freunden und Familie oder Angebote wie Trauercafés, erleichtert werden könne.

Trauercafés sind ein Ort des Austausches

Bei den sogenannten Trauercafés treffen Menschen, die jemanden verloren haben, auf Gleichgesinnte. Sie sind ein Ort des Austausches und Mitfühlens. Angeboten werden Trauercafés beispielsweise von der Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen oder Kirchengemeinden.

„Wir als Kirchengemeinde bieten kein Trauercafé an, der Kirchenkreis hingegen schon“, erklärt Andreas Bader, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Selm. Er selbst komme mit trauernden Angehörigen in Kontakt, wenn es um die Planung der Beerdigung gehe. „Die Hinterbliebenen werden vom Bestatter an mich vermittelt“, sagt Andreas Bader. Dann führe er ein Trauergespräch mit ihnen.

Tabu-Frage: Wie geht es Ihnen?

Und dabei sei der Einstieg ins Gespräch besonders wichtig. „Ich frage nie: Wie geht es Ihnen? Diese Frage öffnet nicht, sie schließt eher“, sagt Andreas Bader. „Denn die Antwort wäre in den meisten Fällen: Das können Sie sich ja denken.“ Stattdessen frage er, wie der Mensch gestorben sei. Im Laufe des Gespräches drücken sich dann die Befindlichkeiten des Trauernden automatisch mit aus.

Wichtig sei im Gespräch mit Trauernden, dass man ihnen Halt gibt. „Das Gefühl, nicht allein zu sein, dass da jemand ist, der die Trauer und den Schmerz mit aushält, ist sehr wichtig“, sagt Andreas Bader. Das sei es, was kondolieren im eigentlichen Wortsinn bedeute. „Lateinisch ‚condolere‘ heißt ‚mitfühlen‘. Deshalb sage ich oft erstmal gar nichts und höre nur zu.“

Nur die Guten treten ab

So hält es auch Claus Themann, Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde St. Ludger. „Wichtig ist, dass Gefühle - Lachen wie Weinen - Raum haben“, sagt er. „Dann warte ich auch mal ab und bin einfach nur da.“ Ebenso wie Pfarrer Andreas Bader führt er in der Regel ein Trauergespräch mit den Angehörigen eines Verstorbenen. Nur, wenn die Angehörigen es wünschen, finden weitere Gespräche statt, beispielsweise im Rahmen der Seelsorge.

Was bei Trauergesprächen oft auffalle, so Claus Themann, sei, dass fast ausschließlich positiv über den Verstorbenen gesprochen werde. „Das Gespräch ist immer nur so offen, wie die Angehörigen es wünschen“, sagt Claus Themann. „Dementsprechend lerne ich nur das kennen, was sie erzählen möchten.“ Und viele Menschen denken dann - ob bewusst oder unbewusst - eher an das Gute zurück, negative Dinge verlieren ihre Wichtigkeit. „Es ist wie in dem Lied von Reinhard May: ‚Nur die Guten treten ab‘.“

Trauergespräch in gewohnter Umgebung

In gewohnter Umgebung seien die Trauergespräche meist offener und vertrauter, erzählt Claus Themann. „Für viele ist es leichter, in ihrer gewohnten Umgebung über das zu sprechen, was passiert ist“, sagt er. „Wer es wünscht, kann aber natürlich auch in die Kirche kommen.“ Er selbst sei nah an den Angehörigen dran, auch, um Inhalte für seine Beerdigungs-Predigt aus dem Gespräch zu ziehen.

Eine gewisse Distanz sei jedoch nötig, um dem Angehörigen die Zuwendung entgegen zu bringen, die er braucht. „Ich darf nicht selbst in Tränen ausbrechen - auch wenn ich manchmal mit ihnen kämpfe, weil die Situation zum Beispiel meiner eigenen Lebenssituation ähnelt“, erklärt Andreas Bader. Denn ohne die Zurückhaltung der eigenen Gefühle, sei es kaum möglich, Halt zu geben. Ähnlich beschreibt es auch die Sterbebegleiterin Margret Overhage: „Ich bin an der Seite des Sterbenden und für ihn da, aber ich trage ihn nicht in meinem Herzen.“

Themann: „Die letzte Ölung gibt es nicht mehr“

Mit Sterbenden selbst haben die beiden Selmer Pfarrer weniger zu tun als mit den Angehörigen. „Die letzte Ölung gibt es nicht mehr, nur noch Krankensalbungen“, sagt Claus Themann. „Und die finden eher selten statt.“ Stattdessen gebe es Salbungsfeiern in Seniorenheimen. „Das heißt natürlich nicht, dass die Gesalbten sterben - nur, dass Gott sie auf all ihren Wegen begleitet“, erklärt der katholische Pfarrer.

Dieses Wissen sei aber auch für die Angehörigen eines Verstorbenen wichtig. „Die Angehörigen müssen erkennen, dass sie mehr sind als diese traurige Situation“, sagt Andreas Bader und fügt hinzu: „Die Welt versinkt niemals in ein Nichts, sondern in Gottes Hand - wenn man so will.“ Oder eben in die Hände von Freunden und Familie.

  • Die Hospizgruppe Selm-Olfen-Nordkirchen wurde im März 2003 gegründet als gemeinnütziger Verein.
  • Sie möchte dazu beitragen, dass Menschen mit begrenzter Lebenserwartung, Schwerstkranke und Sterbende bis zum letzten Augenblick ihres Lebens in Würde leben und sterben.
  • Der Verein macht nach eigenen Angaben keinen Unterschied in Bezug auf Konfession, Nationalität oder Weltanschauung.
  • Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich und unterliegen der Schweigepflicht.
  • Die Arbeit des Vereins ist für die Sterbenden und ihre Angehörigen immer kostenlos.
  • In allen drei Ortsteilen gibt es Sprechstunden: In Selm, Kreisstraße 89 (Eingang im Hof), jeden Dienstag von 17 bis 19 Uhr und jeden Donnerstag von 10 bis 12 Uhr; in Olfen jeden zweiten Mittwoch von 10 bis 12 Uhr im Leohaus, Bilholtstraße 37; in Nordkirchen jeden erste Dienstag von 9 bis 11 Uhr im Bürgerhaus Nordkirchen, Am Gorbach 2.
  • Interessierte können telefonisch Kontakt aufnehmen unter Tel. (02592) 9 78 61 56 im Büro der Geschäftsstelle in Selm.
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