Mauerfall, Wende und Wiedervereinigung: Wie stark diese Themen 1989/1990 auch das Leben von Menschen in Selm und Lünen beeinflusst haben, zeigt ein Blick in die Lokalzeitungen von damals.

Lünen, Selm

, 03.10.2020, 14:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ein mäßiger Wind aus West weht an diesem Herbsttag in Selm und Lünen. Das sagt zumindest der Wetterbericht in der Zeitung - am 9. November 1989. Bis zum Abend ist das noch ein ganz normaler Tag. „Harry und Sally“ und „Die nackte Kanone“ laufen im Kino, eine Flasche Sekt kostet im Angebot 3,99 Mark. Gegen 19 Uhr dann sagt Günter Schabowski, Sprecher des Politbüros der SED, auf einer Pressekonferenz etwas zu einer neuen Reiseregelung der DDR, kündigt die von vielen lang ersehnte und geforderte Reisefreiheit an. „Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich“, sagt Schabowski etwas zögerlich in die Mikrofone.

Es dauert nicht lange, bis die Bürger zu den Grenzen strömen - bis sie über Grenzen gehen.

„DDR: Mauer und Grenze offen“, titeln die Ruhr Nachrichten am 10. November. „DDR öffnet ab sofort alle West-Grenzen“, steht in großen Lettern auf der Titelseite der WAZ. In schwarz-weiß sehen die Leser der Ruhr Nachrichten einen Tag später die Bilder aus dem Osten: feiernde Menschen in Berlin, DDR-Bürger, denen die Freude, die Überraschung, der Wunsch nach Veränderung ins Gesicht geschrieben stehen.

Der Mauerfall in den Lokalnachrichten aus Selm und Lünen

„Besucherwelle rollt nach Westen“ - „Berliner tanzen auf der Mauer“ - „Die Berliner im Freudentaumel“ - „Trabbi-Chaos - Städte überfüllt“ - „Millionen feierten ein Wiedersehen“: Das sind nur ein paar wenige Überschriften aus den Ausgaben der Ruhr Nachrichten und der WAZ von den Tagen nach dem Mauerfall. Die Zeitungen sind an diesen geschichtsträchtigen Tagen prall gefüllt mit Nachrichten aus Berlin - auch in den Lokalteilen von Selm und Lünen.

„Zweemal im meinem Leben hab‘ ik jeweent. Zuerst, als die Mauer jebaut wurde und dann am Donnerstagabend“, sagte Dietrich Röttger der WAZ-Redaktion. Der Lüner war damals 51 Jahre alt, gebürtiger Berliner.

Dieter Wiefelspütz, SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Hamm-Lünen-Werne-Selm, war am Abend des Mauerfalls in Berlin. „Ich fühlte mich mit den anderen Kollegen wie elektrisiert“, wird er zitiert. Auch den Alt-Bundeskanzler Willi Brandt habe er an diesem Abend getroffen. „Ich saß hinter ihm in der zweiten Reihe und sah die Tränen in seinen Augen“, so Dieter Wiefelspütz.

„...und dann schreiben Sie auch, daß die BRD-Bürger uns ganz herzlich empfangen haben.“
Flüchtling aus der DDR, nachdem er in Lünen ankam

Es dauert auch nicht lange, bis die Ausreisewelle der DDR-Bürger auch in Selm und Lünen anlandet. So richtig gut darauf vorbereitet sind die Verwaltungen da noch nicht. Am Samstag nach dem Mauerfall kamen zwar nur neun DDR-Bürger in der Lippestadt an. „Trotzdem hatte die Stadtverwaltung die Lage falsch eingeschätzt. Denn für das Wochenende war keine Anlaufstelle für mögliche Gäste von drüben eingerichtet worden, weil man im Rathaus glaubte, die Grenzgängerkarawane berühre die Stadt noch nicht. Aber die wenigen Gäste brauchen auf ihr Begrüßungsgeld nicht zu verzichten. Der Leiter des Sozialamtes, Bernhard Neve, streckte es aus der eigenen Tasche vor“, berichtet die WAZ.

Nach diesem Vorfall gibt es das Begrüßungsgeld auf der Feuerwache an der Borker Straße.

Und auch immer mehr Unterbringungsmöglichkeiten für die DDR-Bürger werden geschaffen. In Bork zum Beispiel hatte die Polizei schon vor dem Mauerfall - am 25. Oktober - eine Aufnahmestelle mit 50 Betten eingerichtet. Das THW richtet in Lünen außerdem an der Frydagstraße eine Unterkunft mit 110 Betten ein, die Jugendherberge Cappenberger See wird Außenstelle der überfüllten Landesaufnahmestelle in Unna-Massen. „...und dann schreiben Sie auch, daß die BRD-Bürger uns ganz herzlich empfangen haben“, sagt am 15. November einer, der mit Trabbi nach Lünen gekommen war, zu einem Kollegen von der WAZ. Ein Bergmann aus Halle, der wegen der „katastrophalen Wirtschaftslage“ in den Westen rübergemacht hatte.

Zwei Geburten gab es am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 im Lüner Krankenhaus.

Zwei Geburten gab es am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 im Lüner Krankenhaus. © Marie Rademacher

Ein Beispiel für die Gastfreundschaft der Westdeutschen findet sich in den Ruhr Nachrichten vom 14. November: „Unter den Neuankömmlingen war auch diese junge Mutter mit ihrem Baby“, lautet eine Bildunterschrift. Für das Baby war eigens ein THW-Helfer in die Stadt geschickt worden, um „den notwendigen Säuglingsbrei“ zu kaufen.

Auch am Anfang gab es schon kritische Stimmen

Die Menschen in Selm und Lünen sind laut Lokalnachrichten außerdem spendenfreudig: Sie bringen Kleidung zu den Aufnahmestellen, folgen den Aufrufen von THW und DRK, bringen Kuscheltiere für die Kinder, machen den Menschen aus der DDR auch Wohnungsangebote. Kritische Stimmen gibt es so wenige Tage nach der Wende aber auch schon. „Wer soll in der DDR die Probleme lösen, wenn so viele abhauen?“, fragt ein WAZ-Leser in einem Leserbrief. „Die westdeutsche Wirtschaft zeigt Bereitschaft, der DDR-Wirtschaft zu helfen. Ohne Arbeitnehmer wird es aber in der DDR keinen Wirtschaftsaufschwung geben. Dies sollten die DDR-Flüchtlinge bedenken“, schreibt der Leser aus Lünen.

Ein Bild aus den Ruhr Nachrichten von 1989: Vor der Jugendherberge Cappenberger See haben sich DDR-Flüchtlinge versammelt. Für sie gab es dort eine Aufnahmestation.

Ein Bild aus den Ruhr Nachrichten von 1989: Vor der Jugendherberge Cappenberger See haben sich DDR-Flüchtlinge versammelt. Für sie gab es dort eine Aufnahmestation. © Marie Rademacher

Die Euphorie der ersten Tage - sie ebbt natürlich nach und nach ab. „Am 13. November 1989 wurde Hans Modrow zum neuen Ministerpräsidenten der DDR gewählt. Damit begann, nach einer kurzen Phase überschwenglicher Euphorie und grenzenloser Hoffnungen, das Alltagsgeschäft der Wende“, erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung in einer Darstellung zur Wiedervereinigung Deutschlands.

Der „Alltag der Wende“: Für die Menschen in dem - bald ehemaligen - Ostdeutschland ist der auch mit vielen Tiefschlägen und desillusionierenden Erfahrungen verbunden.

Der Tag der Deutschen Einheit in Selm und Lünen

Am 3. Oktober 1990 aber, da kommt die Euphorie noch mal hoch - in Ost und West. Vor genau 30 Jahren feiern die Deutschen ihre Wiedervereinigung. Die Überschriften in den großen Zeitungen aus Lünen und Selm an diesem Tag sind wohl alternativlos: „Deutschland wieder vereinigt“, titeln die Ruhr Nachrichten. „In Frieden und Freiheit“ ist die Sonderbeilage an diesem Tag überschrieben. „Mit dem heutigen 3. Oktober beginnt ein neues Kapitel deutscher Geschichte. Nach über vier Jahrzehnten der Trennung als Folge des Zweiten Weltkrieges leben die Deutschen wieder in einem Staat. Zum ersten Mal erhält das deutsche Volk einen Nationalfeiertag, an dem die Geburt eines Gesamtstaates aufgrund demokratischer Selbstbestimmung gefeiert werden kann“, heißt es darin.

„Ich fühlte mich mit den anderen Kollegen wie elektrisiert.“
Dieter Wiefelspütz, ehemaliger Bundestagsabgeordneter aus Lünen kurz nach dem Mauerfall

Die Menschen in Berlin feiern. Aber auch die in Selm und Lünen. In und um die Burg Botzlar gibt es verschiedene Veranstaltungen: Das Blasorchester spielt ein Platzkonzert vor der Burg, im Ratssaal ist eine Karikaturen-Ausstellung zu sehen, das Frauennetzwerk häkelt eine Deutschlandkarte zusammen, es gibt Musik und Gesprächsrunden mit Menschen, die die Gründung der DDR und BRD miterlebt haben.

In Lünen feiern tausende Menschen auf dem Markplatz in den 3. Oktober rein. „Lola“ und „Let it be“ singt die Band Meier & Co. - und die Menschen grölen mit. „Reden und große Worte zum Tag der deutschen Einheit wären in Lünen wirklich überflüssig gewesen. Diese Stadt und ihre Bürger wollten feiern, gemeinsam fröhlich sein und sicher auch ein gewisses Wir-Gefühl spüren“, schreibt die RN-Reporterin von der Veranstaltung am Abend.

Im Marien-Hospital in Lünen werden am Wiedervereinigungstag außerdem zwei Kinder geboren: Nils und Nadin-Christin. Auch sie haben heute, am 3. Oktober, Geburtstag. Und werden genauso alt wie die Deutsche Einheit.

Lesen Sie jetzt