Der goldene Kopf aus dem Cappenberger Kirchenschatz ist als Barbarossakopf weltbekannt. Dabei könnte es die Wissenschaft seit 40 Jahren eigentlich besser wissen.

Cappenberg

, 24.09.2019, 18:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Er ist nur 31,4 Zentimeter hoch und 4,6 Kilo schwer, aber weltberühmt: der vergoldete Bronzekopf aus der Cappenberger Stiftskirche gehört zu den meistfotografierten Kunstwerken des frühen Mittelalters. Er soll das Gesicht des mittelalterlichen Herrschers Kaisers Barbarossa zeigen: vermutlich ein Irrglaube, wie Prof. Dr. Knut Görich meint.

Wissenschaftler lüften das Geheimnis des Barbarossakopfes - mit Jahrzehnten Verspätung

Knut Görich lehrt als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. © Görich

Der Historiker und Barbarossa-Experte der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet zusammen mit Prof. Dr. Henrike Haug von der TU Dortmund die öffentliche, wissenschaftliche Tagung, die am 27. und 28. September - zwei Jahre vor Barbarossas 900. Geburtstag - auf Schloss Cappenberg stattfindet: ein vom Rotary-Club Selm „Kaiser Barbarossa“ organisiertes Spitzengespräch mit führenden Historikern und Kunsthistorikern, das ein neues Licht auf Barbarossas Zeit, auf die Gründung des Klosters Cappenberg und seine Bedeutung werfen will.

Schluss mit der einseitigen Rezeption

Görich hat die 2011 erschienene monumentale Biografie „Friedrich Barbarossa“ geschrieben: ein im Verlag C. H. Beck erschienenes 780-Seiten-Werk, das Schluss macht mit einem verklärenden Blick auf einen vermeintlichen Nationalhelden. Durch den seit dem 19. Jahrhundert wabernden Nebel einer allzu wohlmeinenden Rezeption zeigt Görich einen eher schroffe als einnehmende Herrscherpersönlichkeit. Den Buchtitel ziert ein bekanntes Gesicht.

Große Augen, schlanke Nase, gepflegter Bart: Den Bucheinband schmückt der Cappenberger Kopf. Das sei nicht seine Idee gewesen, sagt Görich und lacht. „Das war der Verlag – aus Marketinggründen.“ Immerhin habe er sich mit dem Verlag darauf geeinigt, dass nur der halbe Goldkopf zu sehen sei: „Weil es auch nur halb gewiss ist, dass es sich tatsächlich um Barbarossas Kopf handelt.“ Und das sei noch übertrieben.

Ein „schwer zu deutendes Objekt“

„Für mich stellt der Kopf ein schwer zu deutendes Objekt dar“, so Görich: ein Objekt, dessen Deutung stark von der Rezeption im späten 19. Jahrhundert bestimmt werde, als seit 1886 wird der Kopf gleichgesetzt mit einer Porträtbüste des Kaisers.

Görich nennt vier Gründe dafür. Erstens: Der Kopf hat sich im Prämonstratenserstift Cappenberg erhalten, mit dem Otto von Cappenberg, der Taufpate Barbarossas, als einer der Gründer in besonderer Weise verbunden ist.

Zweitens: Im Testament dieses Otto ist von einem silbernen Kopf nach dem Bild des Kaisers oder eines Kaisers - das Lateinische Original lässt beide Übersetzungen zu - die Rede. Drittens: Auf der Taufschale ist von Geschenken in der Mehrzahl die Rede, die der Kaiser seinem Paten, übergeben hat. Und man nimmt an, dass dieser Kopf eines der Geschenke sei. Beim vierten Punkt sträubt sich Görich besonders.

Von Anfang an ein Behälter für Reliquien

„Es soll eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Kopf und der Beschreibung Barbarossas in zeitgenössischen Quellen geben.“ Darüber lasse sich „erheblich streiten“. Denn ein heiteres Aussehen, das Barbarossa zugeschrieben werde, habe der Kopf wirklich nicht: eher melancholisch.

Fest steht für Görich: „Der Kopf lässt sich nicht eindeutig als Barbarossa identifizieren.“ Die einzige Inschrift weise ihn als Reliquiar für den Evangelisten Johannes aus: als Behälter für Überreste von verehrten Heiligen. „Man hat lange Zeit vermutet, dass diese Inschrift nachträglich aufgebracht wurde“, sagt Görich. Zu lange.

Im Landesdenkmalamt in Münster wurde der Kopf bereits 1977/78 untersucht. Seitdem ist es zweifelsfrei: Der Cappenberger Kopf besteht nicht aus Silber und war auch nie versilbert, wie es in Ottos Testament heißt. Es ist vergoldete Bronze. „Man hat herausbekommen, dass die Inschrift bereits beim Guss vorhanden war. Die Gusshaut wurde nicht aus allen Buchstaben entfernt“, so Görich.

Untersuchungsergebnisse wurden vergessen

Damit steht eindeutig fest: Die Inschrift wurde nicht nachträglich angebracht, sondern war von vorne herein vorhanden. Der Kopf war also nie etwas anderes als ein Johannesreliquiar. Das hätte fast niemand mitbekommen,

„Die Ergebnisse der materialtechnischen Untersuchung des Kopfes, die die Theorie nachhaltig erschüttern, sind bisher noch nie an das Licht der Öffentlichkeit gekommen“, so Görich. Diese Untersuchung hätte stattdessen Jahrzehnte lang in der Schublade gelegen, bis sie vor einem Jahr wiederentdeckt wurde.

Warum die spannenden Ergebnisse so lange unveröffentlicht blieben, weiß Knut Görich nicht. Er hat aber eine Vermutung, warum seit fast 150 Jahren kaum jemand laut in Frage stellen wollte, dass der Cappenberger Kopf tatsächlich ein Porträt des Kaisers Barbarossa ist.

Freier Blick auf das Mittelalter

„Diese Frage führt zurück ins 19. Jahrhundert“, sagt der Historiker. „Das Mittelalter sollte Legitimation und Tradition für das 1871 gegründete Deutsche Reich nachliefern.“ Barbarossa sei eine Projektionsfläche für die politischen Sehnsüchte gewesen. Klar, dass es da das Bedürfnis gegeben habe, wissen zu wollen, wie Barbarossa aussah.

Die Zeiten, als die Wissenschaft vom Mittelalter auch politische Sinnstiftung war, sind inzwischen lange vorbei. Zum Glück, wie Görich meint. Die Mittelalterforschung habe heute einen freien Blick auf die Zeit: auf Barbarossa selbst und auf denn Cappenberger Kopf.

Termine

  • „Vom Schwimmen zum Bergsteigen – Das Mittelalter als wahre Moderne“ lautet der Vortrag am Donnerstag, 26. September, 19 Uhr, in der Stiftskirche Cappenberg. Prof. Horst Bredekamp referiert.
  • „ Cappenberg: Der Kopf, das Kloster und seine Stifter“ ist der Titel der wissenschaftlichen Tagung am 27. und 28. September im Schloss Cappenberg.
  • Themen sind der historische Kontext des Jahres 1122, als das Kloster Cappenberg entstand, die Ausstattung des Klosters und der Kopf.
  • Der Besuch des zweitägigen Programm, das jeweils um 9 Uhr beginnt, ist kostenlos. Der Rotary-Club bittet aber um eine Spende. Anmeldungen sind hier möglich.
  • Am Samstag, 28. September, stehen ab 11 Uhr die Ergebnisse der materialtechnischen Untersuchung des Kopfes von 1977/78 im Mittelpunkt. Prof. Henrike Haug referiert.
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