In Werne war nachweislich ein Wolf. Bei einem Vorfall in Selm vor einem Jahr sieht das anders aus. © dpa
Natur in Selm

Wolf unter Verdacht: 43 Tiere verschwanden in Selm ohne Beweise

Der Wolf ist zurück im Kreis Unna. Der erste Nachweis seit fast 200 Jahren stammt vom 13. März 2021 aus Werne. Bereits ein Jahr zuvor führten rätselhafte Spuren nach Selm.

„Wahrscheinlich“ ist ein Wort, das Wilhelm Deitermann nicht benutzt. Zumindest nicht, wenn er arbeitet. Deitermann ist Sprecher des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv). Und als solcher hält er sich nicht mit Mutmaßungen auf, sondern sagt, was ist. Wie wahrscheinlich es ist, dass ein Wolf, der am 13. März in Werne gesichtet wurde, auch schon durch Selm gestreift ist? Keine Aussage. Wie wahrscheinlich es ist, dass er vor nicht ganz einem Jahr in Selm blutige Spuren hinterlassen hat? Ebenfalls kein Statement. Aber ein Hinweis auf die vom Lanuv geführte Statistik der mutmaßlichen Verfehlungen des heimgekehrten Raubtiers.

Zum ersten Mal hat der Wolf Ende 2009 in NRW ein Schaf gerissen

Seit Ende 2009 listet das Lanuv alle sogenannten Nutztierrisse in einer für Jedermann im Internet einsehbaren Statistik auf. Der erste Eintrag ist zweifelsfrei: Am 23. November 2009 hatte in der ostwestfälischen Kleinstadt Borgentreich ein Wolf ein Schaf erbeutet. Daran gibt es nichts zu deuteln. Die nächsten drei Einträge sind ebenso eindeutig: alles Falschmeldungen. Erst fünf Jahre später, am 28. Dezember 2014, lässt sich der Tod von zwei Schafen wieder zweifelsfrei einem Wolf zuordnen. So geht es weiter bis zum letzten Riss: am 28. März in Lügde im Kreis Lippe: ein Mufflon. Ob es tatsächlich Meister Isegrim war? Die Statistik geht da genauso vor wie Wilhelm Deitermann: Spekulationen gibt es nicht. Zurzeit ist dort nur zu lesen „in Bearbeitung“.

Abgeschlossen ist dagegen die Untersuchung eines Vorfalls, der vom 29. März 2020 datiert und in Selm spielt: ein ungeheuerliches Geschehen. 44 Tiere sind betroffen – so viele wie in keiner anderen Meldung aus ganz NRW. 40 Hühner und drei Schafe sollen im Laufe einer Woche verschwunden sein. Außerdem wurde ein Schaf tot aufgefunden, allerdings nur noch in Teilen. Das Lanuv spricht von „älteren Kadaverresten“. Der genaue Ort des Geschehens wird nicht genannt. Und vor einem Jahr hatte die Tiertragödie keine öffentlichen Wellen geschlagen.

Wolfriss in Selm? „Keine Bewertung möglich“

War es der Wolf? Das Lanuv schreibt dazu: „Keine Bewertung möglich.“ 43 Tiere sind verschwunden. Untersuchungen von möglichen Bisswunden und die Suche nach DNA-Spuren sind bei ihnen also genauso wenig möglich wie bei dem schon vor langer Zeit verendeten Tier. Risse in der Nachbarschaft hat es nicht gegeben. Nicht einmal in einem weiten Radius. Ob es also wahrscheinlich ist, dass der Wolf in Selm war oder eher unwahrscheinlich? Wilhelm Deitermann sagt nichts dazu. Ein anderer schon.

Thomas Pusch ist Wolf-Fachmann beim NRW-Landesverband des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Dass ein Wolf in dieser Masse Tiere an einer Stelle tötet, habe er noch nicht erlebt, sagt er. Für wahrscheinlich hält er es nicht. Die Tatsache, dass es auch keine weiteren Spuren gebe, unterstützt die Skepsis. „Aber ich war nicht dabei.“

Dass Wölfe durchs Land wandern, „ist nichts Ungewöhnliches mehr“

In NRW gibt es vier Wolfsgebiete. Das nächste ist in Schermbeck. Weitere sind in der Senne, in der Eifel und im Oberbergischen Land. Dass Wölfe durchs Land wandern – etwa Jungtiere, die ihr heimisches Rudel verlassen müssen -, sei nichts Ungewöhnliches, sagt Wilhelm Deitermann vom Lanuv. „Es sagt ja auch niemand: ,Ich habe ein Reh gesehen‘“, stimmt Thomas Pusch zu. Und auch an Wildschweine habe man sich gewöhnt, „sogar, daran, dass sie in die Hauptstadt kommen und dort Nahrung suchen“. Dass sei bei Wölfen auszuschließen.

Ob der in Werne gesichtete Wolf ein solches Jungtier auf Wanderschaft war? Und welches Geschlecht er hat? „Dazu gibt uns die Aufnahme der Fotofalle keine Information“; sagt Deitermann. Und über Wahrscheinlichkeiten redet er bekanntlich nicht.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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