Zeitzeuge Heinrich Kimmlinghoff (90): Plötzlich hatte ich den Ternscher See vor der Haustür

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Vor 85 Jahren entstand durch einen Unfall der Ternscher See. Heinrich Kimmlinghoffs Großvater gehörten große Teile der damals noch bewaldeten Fläche. Nur widerwillig gab er sein Land ab.

Selm

, 01.01.2020, 15:16 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Ternscher See entstand 1934 durch ein Missgeschick. Heinrich Kimmlinghoff (90) war damals fünf Jahre alt und lebte mit seiner Familie nur wenige Meter vom See entfernt. 85 Jahre später erinnert sich der Selmer an die Zeit, in der er plötzlich ein beliebtes Ausflugsziel direkt vor seiner Haustür hatte.

„Am Ternscher See sind wir aufgewachsen“, sagt der 90-Jährige. Damals bestand die Fläche, wo heute der etwa 15 Hektar große See ist, größtenteils aus Wald. „Diese Fläche wollte der Staat für die Schifffahrt erwerben.“ Denn für den Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals wurde viel Lehm benötigt. Den dafür nötigen Sand gab es dort, wo heute der Ternscher See ist, reichlich.

Dort, wo heute Wasser ist, war früher nur Wald

Doch die Fläche gehörte zu großen Teilen Heinrich Kimmlinghoffs Großvater. Der wollte sein Land allerdings nicht abgeben, erklärt sein Enkel - auch aufgrund seiner Antipathie gegenüber dem damaligen Reichskanzler Adolf Hitler. Sein Großvater habe mehrmals gesagt: „Ich habe mit Hitler nichts zu tun, ich brauche Hitler nicht.“ Am Ende gab er das Land dennoch ab. „Ich glaube, Opa wurde zwangsenteignet“, sagt Kimmlinghoff.

Zeitzeuge Heinrich Kimmlinghoff (90): Plötzlich hatte ich den Ternscher See vor der Haustür

Heinrich Kimmlinghoff (90) war fünf Jahre alt, als der Ternscher See 1934 entstand. Bis 1959 lebte er noch direkt am See, dann heiratete er seine Frau Maria und verließ sein Elternhaus. © Pascal Albert

Doch sicher sei er sich nicht. Womöglich sei sein Großvater auch zu einem Verkauf gedrängt worden. Ob er Geld für das Land bekam, sei allerdings auch nicht bekannt. Bei einer Sache ist er sich allerdings sicher: Hätten die Landbesitzer sich bis zum Schluss geweigert, ihre Flächen abzugeben, „wären sie eingelocht worden“.

Nach dem Verkauf oder der Zwangsenteignung rollten ziemlich schnell die ersten Maschinen an. Es seien dann immer mehr geworden. „Die vielen kleinen, motorisierten Bagger haben ganze Bäume flachgelegt“, sagt Heinrich Kimmlinghoff. Etwa 60 Morgen seien insgesamt abgeholzt worden.

Grube füllte sich schnell mit Wasser und wurde so zum Ternscher See

Als der gesamte Wald verschwunden war, begannen die ersten Ausgrabungen. Bis zu 16 Meter tief hätten sie damals an manchen Stellen graben können, „weil der Sand so trocken war“. Irgendwann geschah aber ein folgenschweres Missgeschick, das den Ternscher See, so wie er heute existiert, entstehen ließ. Beim Ausbaggern wurde eine Bodenquelle angestochen.

Zeitzeuge Heinrich Kimmlinghoff (90): Plötzlich hatte ich den Ternscher See vor der Haustür

Arbeiter an einem riesigen Kran, der entweder an der Kanalbaustelle in Olfen oder beim Verladen des ausbaggerten Sandes am heutigen Ternscher See eingesetzt wurde. Einige Namen sind sogar noch bekannt: Oben 4.v.l. Erich Westrup und 6.v.l. Franz Westrup. Unten 3.v.l. Michael Rothenbücher. © Foto privat

Die Folge des Unfalls: Die bereits ausgehobene Grube füllte sich mit Wasser. „Nach und nach ist sie zugelaufen“, sagt Kimmlinghoff. Dem Mythos nach füllte sich die Grube sogar so schnell, dass die dort arbeitenden Menschen schnell flüchteten und schwere Gerätschaften zurücklassen mussten. Noch heute sollen diese Geräte am Grund des Ternscher Sees liegen.

In der Nachkriegszeit entwickelte sich der See dann immer mehr zu einem beliebten Ausflugsziel für Menschen aus der ganzen Region. Vor allem am Wochenende seien viele Besucher gekommen, erzählt der 90-jährige Selmer. Für seine Familie sei das immer ein lukratives Geschäft gewesen. An Wochenenden hätten immer über 100 Kunden Eier und andere Produkte vom Hof der Familie gekauft.

„Wir waren immer schwimmen“

Für ihn als kleinen Jungen seien die vielen Gäste am See am Anfang total ungewohnt gewesen. „Wir kannten das ja auch nicht, dass Leute mit dem Fahrrad sogar aus Dortmund zu uns kamen.“ Es seien damals alles Arbeiter gewesen, die sich am Ternscher See eine kleine Auszeit nehmen wollten. Viele der vorwiegend männlichen Besucher seien freitags bereits gekommen und „haben dann spekuliert, wo sie sich nachts aufhalten können“, sagt er und lacht.

Er selbst und seine Geschwister seien so oft wie möglich im See gewesen. „Wir waren immer schwimmen.“ Während der Ernte führte das öfter zu kleineren Diskussionen mit seinem Vater. „In der Mittagszeit haben wir sofort die Badehose angezogen und sind rein ins Wasser“, erzählt er. Damals sei er etwa zwölf Jahre alt gewesen. „Unser Vater sagte immer, wir sollen uns lieber ausruhen.“

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