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Dem Eisenmangel auf der Spur

Eisenmangel gehört zu den häufigsten Mangelerscheinungen weltweit. Prof. Dr. Ulrich Mahlknecht, Chefarzt der Abteilung für Onkologie und Hämatologie an der St.-Lukas-Klinik in Solingen, erklärt Symptome und Therapie.

07.09.2015, 13:40 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ständig müde? Das kann ein Hinweis auf Eisenmangel sein.

Ständig müde? Das kann ein Hinweis auf Eisenmangel sein.

Herr Professor Mahlknecht, wie entsteht ein Eisenmangel? Eisenmangel entsteht vorwiegend durch Blutverlust. Deshalb sind auch Frauen häufiger betroffen als Männer – allein schon aufgrund ihrer Regelblutung. Aber auch im Wachstum, in der Schwangerschaft und der Stillzeit benötigt der Körper mehr Eisen. Bekommt er das nicht, kommt es zum Eisenmangel. Rund 80 Prozent aller Anämien sind Eisenmangelanämien. Bei älteren Patienten kommt es eher zum Blutverlust über den Magen-Darm-Trakt. Ursächlich sind häufig Angiodysplasien – das sind kleine Knötchen von Blutgefäßen in der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts. Sie verursachen keine Beschwerden, können aber platzen und zu Blutungen führen. Manchmal steckt allerdings auch eine bösartige Tumorerkrankung dahinter, die mit einem chronischen Blutverlust einhergeht. Auch dadurch kann es zum Eisenmangel kommen.

Woran können Betroffene den Mangel erkennen? Eisenmangel kündigt sich an. Durch Haarausfall, brüchige Fingernägel, eingerissene Mundwinkel, auffallende Blässe, Frieren, Müdigkeit oder vermehrte Pilzinfektionen.Kann ich dem Eisenmangel vorbeugen? Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Es gibt auch Substanzen, die einen Eisenmangel begünstigen. Ich hatte mal einen Fall, in dem der Patient täglich vier Liter Schwarztee getrunken hat und Eisenmangel bekam. Die Gerbstoffe binden das Eisen aus der Nahrung, bevor es vom Körper aufgenommen werden kann. Ansonsten gilt: Solange man sich ausgewogen ernährt, bekommt man so schnell keinen Eisenmangel. Bei Eisenmangel nimmt der Körper automatisch mehr Eisen aus der Nahrung auf. Man muss aber auch sagen, dass tierische Produkte in der Regel mehr Eisen enthalten. Getreide, insbesondere Weizenkleie, enthält ebenfalls reichlich Eisen.Heißt das, Vegetarier sind schneller betroffen? Nein. In Pflanzen ist ja auch Eisen, wenn auch weniger. Aber Vegetarier ernähren sich generell bewusster, achten stärker auf die Inhaltsstoffe ihrer Nahrung. Generell gilt, dass Eisen in einem sauren Milieu besser aufgenommen werden kann. Das heißt, wer zum Essen ab und zu einen Orangensaft trinkt, verbessert die Eisenaufnahme.Wie wird Eisenmangel diagnostiziert? Zum einen über die typischen Symptome. Sicherheit bringt eine Blutuntersuchung. Bei einer Anämie ist zu wenig Hämoglobin im Blut vorhanden. Auch die Anzahl der roten Blutkörperchen ist meist vermindert. Bei einem Eisenmangel sind diese zudem kleiner als gewöhnlich und enthalten weniger roten Blutfarbstoff. Auch das Ferritin, ein körpereigener Indikator, der über den Füllungszustand der Eisenspeicher informiert, ist herabgesetzt. Allerdings ist ein hoher Ferritinwert kein Garant, dass kein Eisenmangel vorliegt. Denn der Wert ist auch bei Entzündungen im Körper erhöht. Das ist der Grund, warum mit dem Ferritin zusammen immer das CRP, also der Entzündungsmarker im Blut, bestimmt wird. Nur im Zusammenhang aller Werte ist eine sichere Diagnose möglich.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Eisenmangel ist gut therapierbar. Es gibt viele Präparate zur oralen Einnahme, entweder als Kapsel oder als Brausetablette. Diese werden allerdings nichts von allen vertragen, und leider ist die Akzeptanz beim Patienten nicht sehr groß. Rund 50 Prozent beenden die Einnahme vorzeitig.Warum ist das so? Wird Eisen in konzentrierter Form eingenommen, kommt es zu einer Schwarzfärbung des Stuhls und oft auch zu Verstopfung. Das verunsichert viele Patienten. Man muss viel trinken, sich mehr bewegen, eventuell noch ein Mittel gegen die Verstopfung einnehmen – das ist manchen zu viel.Gibt es denn therapeutische Alternativen? Ja, die gibt es. Das Eisen kann auch intravenös gegeben werden. Das geschieht dann ambulant im Krankenhaus. Die intravenöse Therapie kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn es Unverträglichkeiten während der oralen Therapie gab oder eine unverlässliche Einnahme vorlag.Wie sieht es mit freiverkäuflichen Eisenpräparaten aus? Diese Präparate enthalten in den meisten Fällen die gleichen Dosierungen wie diejenigen, die vom Arzt verschrieben werden. Von einer Selbstmedikation ohne Diagnose ist jedoch abzuraten. Denn der Körper kann überschüssiges Eisen nicht ausscheiden. Liegt tatsächlich kein Eisenmangel vor und sind die Eisenspeicher gut gefüllt, wird das zu viel zugeführte Eisen in verschiedenen Organen eingelagert.Besteht die Gefahr einer Überdosierung? Eine schwere Überdosierung ist eher selten. Denn die meisten Patienten hören bei den ersten Nebenwirkungen der Selbstmedikation von selbst mit der Einnahme auf – wenn sie denn den Zusammenhang herstellen.

Welche Nebenwirkungen sind das? Zunächst natürlich die Verstopfung. Aber auch Gelenkschmerzen, Übelkeit oder Bauchkrämpfe. Überschüssiges Eisen wird zunächst im Knochenmark eingelagert, dann in den Drüsen. Als erstes in der Leber, dann in Bauspeicheldrüse und Schilddrüse. Ist dauerhaft zu viel Eisen im Blut, können die Organe langfristig Schaden nehmen. Mögliche Spätfolgen wären Diabetes, Herzschwäche, Leberzirrhose oder eine Schilddrüsenunterfunktion.

Hier steckt viel Eisen drin:
- Fleisch ist der Eisenlieferant schlechthin. Dabei ist Leber ist das tierische Lebensmittel mit dem höchsten Eisenanteil. Der Eisengehalt hängt von der Art der Leber ab. Während Schweineleber 22,1 mg Eisen enthält, finden sich in Rinder- oder Kalbsleber nur rund 7 bis 8 mg pro 100 Gramm.
-Mit durchschnittlich 16 mg ist Weizenkleie das eisenhaltigste Getreideprodukt. Linsen enthalten 6,9 mg Eisen, Erbsen immer noch 5 mg. Bei Obst stehen getrocknete Aprikosen mit 3,8 mg Eisen an der Spitze. Auch Kürbiskerne (12,1 mg) und Sesam (10 mg) sind kleine Eisenbomben. Mit 6,5 mg je 100 Gramm enthalten frische Pfifferlinge reichlich Eisen – in der getrockneten Form sogar noch mehr. Damit liegen sie klar vor anderen Pilzen: Champignons liefern nur 1 mg.
-Gemessen an ihrem Eisenanteil je 100 Gramm schlagen einige Kräuter andere Lebensmittel um Längen. Da sie jedoch nur in kleinen Mengen genutzt werden, fallen sie als Eisenlieferant kaum ins Gewicht. Kardamom enthält etwa 100 mg Eisen, getrocknete Petersilie 97,8 mg und Zimt immer noch 38,1 mg.
-Mythos Spinat: Das grüne Gemüse galt lange als regelrechte Eisenbombe. Pro 100 Gramm sollten 35 bis 40 mg Eisen enthalten sein. Die Angaben bezogen sich allerdings auf getrockneten Spinat. Frischer besteht zu etwa 90 Prozent aus Wasser, wodurch sich der Eisengehalt deutlich verringert. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung stecken in 100 Gramm Spinat 3,4 mg Eisen – was immer noch passabel ist.