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Wunderwaffe oder leeres Versprechen?

Superfood

„Superfood“ bezeichnet Nahrungsmittel, die einen besonders hohen Anteil an Nährstoffen aufweisen sollen, zum Beispiel Gojibeeren, Matcha, Chia-Samen und Co. Ernährungsberater Siegfried Wintgen erklärt, was hinter dem Trend steckt.

04.09.2017, 15:59 Uhr / Lesedauer: 2 min
Chia-Samen (dunkel), Quinoa Pops und Plätzchen mit Matcha-Teepulver: Mit dem Superfood macht sich ein neuer Trend breit.

Chia-Samen (dunkel), Quinoa Pops und Plätzchen mit Matcha-Teepulver: Mit dem Superfood macht sich ein neuer Trend breit.

Herr Wintgen, was halten Sie von der Bezeichnung Superfood?

Superfood ist ein Marketingbegriff, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Ich finde ihn eher irreführend. Der Begriff soll natürlich viele ansprechen, die das Bedürfnis haben, ihre Ernährung einfach und ohne Aufwand zu verbessen. Superfoods sind so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau, an die leider viele glauben. Dabei müsste man das Thema durchaus kritischer sehen.

Also ist Superfood nicht nur super?

Nicht zwangsläufig. Es gibt keine feststehenden Verfahren, die den gesundheitlichen Nutzen belegen. Dem Kunden wird suggeriert, dass ein einzelnes Lebensmittel besonders viel kann und dass gesunde Ernährung damit besonders einfach ist. Davon halte ich allerdings nichts. Aus meiner Sicht ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung zielführend, keine produktorientierte.

Können Superfoods sogar gefährlich sein?

Das ist denkbar, wenn zum Beispiel die Qualität nicht stimmt. Superfood zu konsumieren, bedeutet nicht zwangsläufig, auf der sicheren Seite zu sein. Je nachdem, wie die einzelnen Lebensmittel angebaut werden, können sie mit Toxinen belastet sein. Darüber hinaus spielt natürlich auch die Dosierung eine Rolle.

Ist es Zufall, dass die meisten Produkte, die als Superfood deklariert werden, zum Beispiel Gojibeeren oder Acaibeeren, eher exotisch sind?

Das scheint in unserer Natur zu liegen, dass wir die eigenen heimischen Produkte gar nicht so wahrnehmen, aber fremdländischen Produkten vertrauen. Dabei kann man eine saisonal bedingte und konzeptionell ausgerichtete Ernährung genauso gut als Superfood bezeichnen. Der Begriff ist ja nicht geschützt.

Warum gibt es überhaupt Superfoods? Sind sie möglicherweise das Ergebnis einer Gesellschaft, die durchaus Wert auf gesunde Ernährung legt, im Alltag aber doch zu oft an den eigenen Maßstäben scheitert und deshalb so dankbar auf diese einfache Lösung reagiert?

Der Wunsch, mich mit wenig Aufwand gesund zu halten, ist natürlich da. Es ist der Wunsch des Menschen daran zu glauben, dass ich das Wundermittel nur essen muss und Heilung ist unterwegs. Aber gesunde Ernährung erfordert ein konzeptionelles Denken. Wer an seinem Lebensstil nichts ändern will, wem gesunde Ernährung zu aufwendig scheint, der wird mit Superfoods natürlich angesprochen. Viele nehmen es halt auch gern einfach so mit – frei nach dem Motto: Wenn Superfoods so gut sind, dann baue ich sie halt mit in meine Ernährung ein.

Wer fühlt sich denn besonders von Superfoods angesprochen?

Das ist so allgemein schwer zu sagen, aber ich denke, die ländliche Bevölkerung spricht es weniger an als die städtische. Vielleicht sind es auch eher Frauen als Männer – aber man kann es eigentlich nicht klar eingrenzen.

Sind Superfoods denn die bessere Alternative zu Nahrungsergänzungsmitteln wie zum Beispiel Vitamintabletten, weil sie eben viele Vitamine liefern und trotzdem ganz „natürlich“ sind?

Die Frage ist ja, wie „natürlich“ die Superfoods wirklich sind, ob sie nicht auch aufbereitet wurden oder anderweitig industriell verarbeitet wurden. Denn letztlich ist der Begriff ja nicht geschützt, theoretisch kann ich alles als Superfood bezeichnen, was einen gesundheitlichen Mehrwert hat. Ob ich die Heidelbeere nun pur esse, getrocknet oder zu Joghurt verarbeitet, macht da keinen Unterschied.

Wird uns der Trend Superfoods auch zukünftig begleiten?

Vielleicht ändert sich der Terminus. Aber der Wunsch des Menschen nach wenig Aufwand und hohem Nutzen bleibt. Genauso wie die Idee, mit einzelnen Lebensmittel einen besonderen Mehrwert zu verkaufen.

Wenn mich Superfood nicht ans Ziel bringt, was empfehlen Sie denn Menschen, die sich gern gesünder ernähren möchten?

Unbehandelte, frische Produkte, die entsprechend der Jahreszeit konsumiert werden. Das ergibt eine große Vielfalt und wird in der Regel vom Organismus gut vertragen. Außerdem sollte die Ernährung auf die eigene Konstitution abgestimmt sein.