Fußball

Victoria Habinghorst trauert um Jürgen Boschella – er war für alle der Onkel Jürgen

Die Fußballer von Victoria Habinghorst trauern um ihren langjährigen Vorsitzenden Jürgen Boschella. Er starb am 3. Juni 2021 im Alter von 74 Jahren.
Die Fußballer von Victoria Habinghorst trauern um ihren langjährigen Vorsitzenden Jürgen Boschella. Er starb am 3. Juni 2021 im Alter von 74 Jahren. © Jens Lukas

Die Verbindung zwischen Jürgen Boschella und der Victoria Habinghorst (viele Jahre DJK Victoria) dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert. 1958 kam der jugendliche Boschella zum Habinghorster Fußballverein und verließ ihn nicht mehr – mit einer erzwungenen Ausnahme.

Eigentlich undenkbar: Jürgen Boschella wechselte zum VfB Habinghorst

Das beichtete er im Jahr 2009. „Als ich ins entsprechende Alter kam, gab es bei Victoria keine A-Junioren-Mannschaft“, erinnerte er sich. Für ein Jahr wechselte er zum Ortsnachbarn VfB. Nach dem Wehrdienst begann der gelernte Zentralheizungs- und Lüftungsbauer bei Victoria als Trainer selbst mit dem Aufbau einer A-Junioren-Mannschaft.

Bis in die späten 1970er Jahre spielte Boschella als Offensiv-Akteur für Habinghorst. Ab 1978 übernahm er für zwei Jahre auch das Amt des Vorsitzenden. Ab 1988 bekleidete er die Posten als Jugendleiter und als Betreuer der ersten Mannschaft – bis 2010. Vorsitzender war er Anfang der 2010er Jahre nochmals – und war auch bei den Spielen der annullierten Saison 2020/21 zu sehen.

Der amtierende Victoria-Vorsitzende Dirk Konisch sagt: „Ich habe Jürgen als sehr liebevollen älteren Herrn kennengelernt. Für den Verein ist sein Tod ein großer Verlust. Jürgen ist als Mensch und als Urgestein bei Victoria niemals zu ersetzen. Er und seine ganze Familie sind stark verwurzelt mit dem Klub.“

Jürgen Boschella war stolz auf seinen ersten Spielerpass. Diesen archivierte er ebenso akribisch wie die Zeitungsausschnitte, die mit Victoria Habinghorst zu tun hatten. © Jens Lukas © Jens Lukas

Für mich als Reporter bleibt für immer ein grauer Sonntag Ende November 2009 am Gänsebusch in Erinnerung. Der Platz ganz rechts auf der Einwechselbank der DJK Victoria Habinghorst war unbesetzt. „Den halten wir für ‚Onkel Jürgen‘ frei“, sagte Tino Lammering, der damalige Trainer der ersten Mannschaft, vor der Partie gegen die DJK Falkenhorst.

„Onkel Jürgen“, so nannten alle bei Victoria Jürgen Boschella. Jahrzehntelang war er bei jedem Spiel dabei. Dieser Tag war die Ausnahme: heute, am ersten Advent, war der Castrop-Rauxeler zum Brunch beim ehemaligen Victoria-Coach Klaus Prahl eingeladen.

„Jürgen hat versprochen, dass er zur zweiten Halbzeit wieder bei uns ist“, erklärte Trainer Lammering. Den Arztkoffer schob Christian Fels unter die hölzerne Trainerbank. Der Ersatztorwart übernahm für 45 Minuten das Amt des Betreuers. Auf Boschellas Platz setzte er sich allerdings nicht. Der blieb frei.

Dass das Gesetz ist, darauf wurden auch die weiblichen Habinghorst-Fans hingewiesen, die nach dem Anpfiff nach einer Sitzgelegenheit suchten. „Unser ‚Onkel‘ Jürgen‘ wird einiges verpassen“, sagte Spieler Sven Jacke. Die Vorhersage des Mittelfeldspielers trat ein. Marvin Homann, Sven Jacke, Patrick Hüser und Samir Dzilic sorgten für eine schnelle 4:0-Führung (25.).

Trainer Lammering notierte die Namen der Torschützen in einer Kladde und betont: „Das macht nicht der Jürgen. Das ist mein Job.“ Boschella profitierte aber davon – indirekt: Er schnitt montags aus der Zeitung unserer Redaktion die Aufstellungen und Spielberichte aus – und heftete sie feinsäuberlich ab.

Halbzeitpause. Die Victoria-Kicker stapften mit einer 5:1-Führung und lehmverschmierten Schuhen in die Kabine. Als sie wieder auf den Platz gingen, war „Onkel Jürgen“ noch immer nicht zu sehen. In der 50. Spielminute kam er dann endlich durch das Eingangstor – direkt von der Feier im feinen Sonntagsanzug. Die Fans auf den Stehrängen riefen verzückt „Ah“ und „Oh“.

Als Boschella die Einwechselbank erreicht, folgte gleich die erste Amtshandlung: Coach Lammering reichte ihm seine Trainingsjacke, weil er sich selbst einwechselte.

Der Platz linkaußen auf der Bank von Victoria Habinghorst gehörte jahrelang Jürgen Boschella. © Jens Lukas © Jens Lukas

Jetzt übernahm Boschella – allerdings nicht lautstark – das Regiment an der Linie. Vielmehr nahm er sich Zeit für einen Plausch mit den Zuschauern. So auch mit Michael Krebs. Der Trainer von Victoria II wusste damals zu berichten: „Die Passkontrollen mit Jürgen sind immer lustig – wenn er versucht die ausländischen Namen auszusprechen.“

Boschella wechselte das Thema, erzählte lieber von seinen Enkeln. Marvin lief damals für Victoria auf. Fabian hatte die Habinghorster in Richtung Arminia Ickern verlassen. „Darüber bin ich natürlich absolut sauer“, sagte Großvater Jürgen, lachte aber dabei.

Unterdessen war die Begegnung zu Ende. Boschellas Victoria hatte 6:3 gewonnen. Der Betreuer musste nicht ein einziges Mal auf den Platz eilen, konnte den Koffer unter der Bank stehen lassen. „Wenn ich verletzt bin, stehe ich ganz schnell wieder auf – damit Jürgen nicht auf den Platz kommt.“, sagte Spieler Björn Goede.

Viele der Akteure der Mannschaft kannte Jürgen Boschella seit dem Kindesalter. Auch bei den Aktivitäten außerhalb des Platzes war er mit von der Partie. „Bei den Saisonabschlussfahrten ist heute zumeist Mallorca angesagt“, berichtete Boschella schmunzelnd, „und ich als alter Mann muss da noch mit.“ Was auch Trainer Lammering so sah: „Wir halten überall für ‚Onkel Jürgen‘ einen Platz frei.“ – jetzt auf jeden Fall mehr denn je in ihren Herzen.

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