70-Kilo-Blindgänger macht es Feuerwerker nicht leicht

hzBombe in Stadtlohn

Schon wieder hat ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg die Stadt Stadtlohn in Atem gehalten. Eine 70 Kilogramm schwere Fliegerbombe machte dem Kampfmittelräumer schwer zu schaffen.

von Stephan Teine, Stefan Grothues, Christoph Winck

STADTLOHN

, 21.06.2018, 14:14 Uhr / Lesedauer: 5 min

Nach einer Stunde Schwerstarbeit am scharfen Sprengkörper und fast fünfstündiger Vorbereitung heulten am Donnerstagnachmittag gegen viertel vor Fünf die Sirenen zum Happy End: Die Entschärfung einer 70 Kilogramm schweren Fliegerbombe ist gelungen. Hunderte Menschen konnten in ihre zuvor evakuierten Wohnungen zurückkehren. Hier ist die Chronologie der Ereignisse eines brisanten Tages.

Morgens um Neun ist die Welt noch in Ordnung. Auf dem Grundstück Ecke Vredener Straße versenkt Harald de Maat die Schaufel seines Baggers tief ins Erdreich. Hier soll bald der Keller eines Mehrfamilienhauses entstehen. Doch dann stutzt der Niederländer: „In 1,80 Tiefe habe ich gesehen, dass da was ist, was ich lieber nicht in die Schippe nehmen sollte.“ Der erfahrene Baggerfahrer hat schon häufiger mal Munition im Erdreich entdeckt. Dieses Mal, so ahnte er, ist er auf etwas Größeres, auf etwas viel Gefährlicheres gestoßen.

Über das Ordnungsamt wird der Kampfmittelräumdienst der Bezirksregierung alarmiert. Dem herbeigeeilten Kampfmittelräumer Horst Schöwe genügen einige wenige Expertenblicke: „Es handelt sich um eine 70 Kilogramm schwere amerikanische Fliegerbombe“, sagt er. Die gute Nachricht: Der gefährliche Blindgänger hat einen Standardaufschlagzünder. Ein Säurezünder hätte die Entschärfung deutlich erschwert. Gemeinsam mit Ordnungsamtsleiter Thomas Gausling legt Horst Schöwe den Radius fest, in dem sämtliche Wohnhäuser während der gefährlichen Entschärfung geräumt werden müssen: 150 Meter.

Glück im Unglück: „Nur“ 70 Kilogramm

„Glück gehabt“, sagt Rainer Milewski, Einsatzleiter der Freiwilligen Feuerwehr. „Wäre die Bombe etwas größer gewesen, dann hätten wir auch das Krankenhaus evakuieren müssen. Das wäre richtig kompliziert geworden.“ Die Straßen rund um den Bombenfundort sind längst gesperrt. Die Grabenstraße kann offen bleiben. Das war im Januar noch anders. Da musste die komplette Ortsdurchfahrt gesperrt werden. Im Evakuierungsgebiet gehen Einsatztrupps der Feuerwehr von Haus zu Haus, klingeln an jeder Wohnungtür und verteilen rote Handzettel: „Gebäude bis 15 Uhr räumen!“, steht darauf. Und es wird auf das Ausweichquartier in der Stadthalle hingewiesen. „Die Allermeisten reagieren verständnisvoll und gelassen“, sagt Rainer Milewski.

Jetzt muss ich an den Krieg zurückdenken“, sagt Tina Twyhues. Auf einem Gehstock gestützt verlässt die 89-Jährige ihr Haus an der Vredener Straße. Helga Honermann begleitet sie bis zum nahen Lidl-Parkplatz. „Dort werden wir abgeholt, hier dürfen ja keine Autos mehr fahren.“ Die rüstige Seniorin nimmt die Herausforderung mit unerschütterlichem Humor. „Eigentlich könnte ich auch hier bleiben. Unser Haus ist ja 1945 auch stehen geblieben, als rundherum alles in Trümmern lag.“ Dass die Baustelle – wie jede andere in der Stadtlohner Innenstadt – brisant werden könnte war von Anfang an klar. „Es hat auch Luftbilduntersuchungen gegeben“, sagt Ordnungsamtsleiter Thomas Gausling. Daraus hätten sich aber keine konkreten Anhaltspunkte ergeben.

Josef und Marga Lümmen gehörten am Donnerstagmorgen zu den ersten, die vom Bombenfund erfahren. Von ihrer Wohnung an der Weststraße haben die beiden schließlich einen direkten Blick auf die Baustelle. „Ich habe das vorher schon geahnt. Wir kommen ja eigentlich vom Niederrhein. Aber ich habe in der St. -Otger-Kirche die Bilder von den Bombenangriffen gesehen.“ Dann machen sich die beiden auf den Weg in die Stadt, um sich in Sicherheit zu bringen. „Wir drücken dem Mann, der jetzt die Bombe entschärfen muss die Daumen. Hoffentlich passiert ihm nichts, das ist ja das Wichtigste“, sagt Marga Lümmen.

Erprobte Zusammenarbeit

Um 15 Uhr machen sich die Feuerwehrmänner erneut auf einen Kontrollgang. „Wir haben jetzt noch zwei Personen ausfindig gemacht, die aufgrund einer Behinderung liegend abtransportiert werden müssen“, sagt Einsatzleiter Rainer Milewski. Schon im ersten Durchgang waren sechs Menschen mit Krankenwagen abtransportiert worden. Darum kümmert sich unter anderem das Rote Kreuz. „Die Zusammenarbeit hier klappt super“, sagt Juliane Rehkamp vom DRK. Die Zusammenarbeit ist ja auch erprobt. Erst im Januar hatte der Fund eines ähnlichen großen Blindgängers auf der Baustelle der Feuerwache am Steinkamp Feuerwehr, DRK, Polizei und Ordnungsamts in Atem gehalten. Auf dem Lidl-Parkplatz laufen dieses Mal die Fäden zusammen. Hier haben Feuerwehr und Ordnungsamt ihre Leitstelle eingerichtet – nahe am Bombenfundort, aber doch geschützt durch einen Häuserriegel.

In der Stadthalle malen der kleine Cam (3) und sein Bruder Deniz (11) derweil bunte Bilder. „Die Feuerwehrleute haben uns gesagt, dass wir hier sicher sind“, sagt Mutter Birgül An. „Und wir werden hier super versorgt.“ Darum kümmern sich ehrenamtliche DRK-Helfer. „Wir bieten den Leuten alles was sie brauchen: Getränke und Gespräche und für die Kinder auch Spiele und Süßigkeiten“, sagt Moustapha Abou-Alfe vom DRK. Aber nur wenige Evakuierte nehmen, das Angebot in Anspruch. Die meisten suchen offenbar Verwandte oder Bekannte auf.

Der Fundort der Bombe und der ungefähre Evakuierungsradius

Gegen 15.45 Uhr meldet Einsatzleiter Rainer Milewski die Gefahrenzone als komplett evakuiert. Jetzt liegt alles allein in den Händen von Kampfmittelräumer Horst Schöwe. Ordnungsamtsleiter Thomas Gausling schaut immer wieder auf sein Handy. Er wartet in sicherer Entfernung auf den erlösenden Anruf des Kampfmittelräumers. Minute um Minute verstreicht. Die Stimmung unter den Feuerwehrmänner bleibt aber gelöst. Zeit für Fußballgespräche. Nach knapp einer Stunde klingelt endlich Gauslings Handy. „Geschafft!“

Während die Sirenen im Dauerton Entwarnung geben und der Verkehr wieder zu rollen beginnt, wischt sich ein sichtlich erleichterter Kampfmittelräumer den Schweiß von der Stirn: „Das war ein hartes Stück Arbeit. Die Bombe ist beim Aufschlag gestaucht worden. Da ließ sich der Zünder nicht einfach mal eben herausdrehen“, sagt Horst Schöwe. „Jetzt freue ich mich auf meinen Feierabend.“ Den genießt auch Baggerführer Harald de Maat. Ihm steckt der Fund noch in den Knochen. „Aber morgen wird weiter gearbeitet“, sagt er am Telefon. „Ich werde noch besser aufpassen. Aber ohne Risiko geht es ja nicht. Da müssen wir mit leben.“

Die Entschärfung der Bombe im Live-Ticker

9.30 Uhr: Baggerfahrer Harald de Maat stößt auf dem Grundstück Vredener Straße / Ecke Weststraße auf den Blindgänger.

14.10 Mit einer Meldung informiert die Stadt Stadtlohn die Öffentlichkeit:

Eine Bombe wurde auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik van Bömmel gefunden. Alle Gebäude im Umkreis von 150 Meter müssen geräumt werden. Bei Bauarbeiten wurde auf dem Gelände die Bombe gefunden. Die Evakuierung muss bis 15 Uhr erfolgen. Zu weiteren Details konnte das Ordnungsamt bisher noch nichts sagen. Als Ausweichquartier steht die Stadthalle, Dufkampstraße 44, zur Verfügung. Die Entwarnung erfolgt durch ein Sirenensignal (Dauerton 1 Minute).

Gerade wird die Evakuierung vorbereitet. Das DRK Stadtlohn bereitet gerade die Stadthalle vor. Ab 14.30 Uhr soll die Evakuierung beginnen.

14.21 Uhr: Günther Wewers, Leiter der Stadtlohner Feuerwehr und Pressesprecher der Stadt, erklärt, dass die Feuerwehr Stadtlohn alarmiert wurde, um die Evakuierung durchzuführen. Auch wenn die Evakuierung bis 15 Uhr umgesetzt sein muss, bleibt er betont ruhig: „Dass so schnell evakuiert werden muss, ist in so einem Fall normal“, sagt er und erinnert dabei an den Bombenfund vom vergangenen Februar. „Das war fast der gleiche Fall“, sagt er.

14.43 Uhr: Wie unser Reporter vor Ort gerade berichtet, wurde die Bombe bereits heute Morgen um 9.30 Uhr entdeckt. Ein Alarm war da jedoch noch nicht ausgelöst worden. Die Feuerwehr ist seit 12.30 Uhr im Einsatz um die Evakuierung vorzubereiten. Es handelt sich bei dem Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg offenbar um eine amerikanische 70-Kilogramm-Sprengbombe mit einem Standard-Aufschlagzünder.

14.52 Uhr: Horst Schöwe vom Kampfmittelräumdienst bei der Bezirksregierung Arnsberg wurde alarmiert. Er wird ab etwa 16 Uhr die Bombe entschärfen. „Damit die Menschen so schnell wie möglich wieder in ihre Wohnungen kommen“, sagte Günther Wewers von der Stadtlohner Feuerwehr.

15.07 Uhr: Auf dem Lidl-Parkplatz hat die Feuerwehr ihre Einsatzleitstelle eingerichtet. Niemand darf mehr in den Sperrbezirk. Gerade hat die Polizei einen Jungen auf seinem Rad angehalten und zurückgeschickt er wollte nur den Lidl-Parkplatz überqueren.

15.34 Uhr: Wir konnten kurz mit Markus Vennemann von der Feuerwehr Stadtlohn sprechen.

15.42 Uhr: Gerade ist die zweite Evakuierungsaktion der Feuerwehr abgeschlossen worden. Der Gefahrenbereich ist nun komplett geräumt. Laut Planung soll die Bombe nun in ungefähr zehn Minuten entschärft werden.

15.44 Uhr: Kleine Anekdote am Rande: Der Hausmeister der Stadthalle, Bernhard Höing, rechnete nicht damit, dass viele Menschen die Notunterkunft in der Stadthalle nutzen werden: „In Stadtlohn geht man für die Zeit einer Evakuierung zu Verwandten oder Freunden.“ Dennoch musste die Halle für den Ernstfall natürlich vorbereitet sein.

16.25 Uhr: Noch gibt es keine neuen Meldungen von der Einsatzstelle. Der Mitarbeiter vom Kampfmittelräumdienst ist allein vor Ort und arbeitet weiter an der Entschärfung der Bombe. Alle weiteren Einsatzkräfte mussten sich aus der Gefahrenzone begeben. „Wir warten alle auf den Anruf, dass alles erledigt ist“, sagt unser Reporter vor Ort.

16.38 Uhr: Die Bombe ist entschärft. Eine Entwarnung gibt es aber noch nicht, weil die Bombe erst noch sicher im Wagen der Kampfmittelbeseitigung verladen werden muss. Dazu sind gerade vier Freiwillige der Feuerwehr Stadtlohn im Einsatz.

16.53 Uhr: Soeben gibt die Sirene das Entwarnungssignal. Die Entschärfung der Bombe ist ohne Komplikationen gelungen. An dieser Stelle beenden wir den Live-Ticker und aktualisieren gleich nur noch einmal, wenn weitere Bilder vorliegen.

17.39 Uhr: Einen Nachtrag haben wir doch noch: Die Entschärfung hat ja etwas länger gedauert, als zunächst gedacht war. Wir wissen jetzt auch warum: Die Arbeiten an der Bombe waren komplizierter als angenommen, weil die 70-Kilogramm-Sprengbombe ziemlich verformt war.

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