75 Jahre nach der Bombardierung Stadtlohns: „So etwas vergisst man nicht“

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Franz-Josef und Marianne Demes haben als Kinder die Schrecken des Krieges erlebt. Die Luftangriffe auf Stadtlohn im März 1945 haben sie bis heute nicht vergessen.

Stadtlohn

, 11.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Gedenkstunde und ein Requiem in der St.-Otger-Kirche sollen am 22. März an den 75. Jahrestag der Bombardierung Stadtlohns erinnern. Dabei werden auch zwei Stadtlohner Zeitzeugen zu Wort kommen, die eindrücklich über die Schrecken des Krieges berichten: Franz-Josef und Marianne Demes.

Das Ehepaar traf sich am Mittwochmorgen mit Stadtarchivar Ulrich Söbbing und zwei Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Jared Veldscholten aus Stadtlohn und Merle Stiemen aus Gescher – beide 18 Jahre alt – werden das Ehepaar in der Gedenkstunde befragen.

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Franz-Josef Demes war im März 1945 achteinhalb Jahre alt. Marianne Demes (geb. Hamachers) war fünfeinhalb Jahre alt. Zwei Kinder in Zeiten des Krieges. Aus den Kindern wurden Erwachsene. Zwei Menschen, die auch heute, 75 Jahre nach den Ereignissen, innerlich noch immer davon gezeichnet sind. „Die Erinnerungen sind geblieben“, sagt Franz-Josef Demes, heute 83 Jahre alt. Seine 80-jährige Ehefrau greift seine Hand. „So etwas vergisst man nicht.“

Frühjahr 1945: Alliierte Militärkolonnen ziehen durch durch das zerstörte Stadtlohn

Frühjahr 1945: Alliierte Militärkolonnen ziehen durch das zerstörte Stadtlohn. Das Foto zeigt den Blick von der provisorischen Mühlenbrücke auf die Mühlenstraße Richtung Markt. © Stadtarchiv Stadtlohn

Sein Vater hatte Franz-Josef immer wieder eingeschärft, wie er sich bei Fliegerangriffen verhalten soll. „Leg dich flach auf den Boden, sonst zerplatzt dir durch den Luftdruck die Lunge und du bist tot.“ Mariannes Mutter erzählte der Tochter von Bomberpiloten, die auf dem Feld pflügende Bauern mitsamt Pferd „aus purer Lust abgeknallt“ hätten.

Das Elternhaus von Marianne Demes lag an der Hengelerstraße. „Es war gleich das erste Haus auf der Straße. Dort, wo heute die Firma Steinbach ansässig ist, war früher der Gemüsegarten des Krankenhauses.“ Insgesamt sechs Häuser standen 1945 an der Hengelerstraße, erinnert sich Marianne Demes.

Erster großer Luftangriff

Am 11. März 1945 gab es den ersten großen Luftangriff der Alliierten auf Stadtlohn. Franz-Josef Demes, dessen Elternhaus in der Nähe des Wasserturms stand, erinnert sich: „Das war ein Sonntag. Unter der Woche waren viele Lastwagen der Wehrmacht nach Stadtlohn gefahren, weil es dort eine größere Werkstatt gab. Abgestellt wurden sie an der mit Linden bewachsenen Eschstraße.“

Zum Glück für den achteinhalbjährigen Jungen. „Als der Luftangriff begann, habe ich mich in einen Graben geworfen. Die Wagen gaben mir Deckung.“

Nach Ende des Bombardements machte sich Franz-Josef Demes auf den Weg nach Südlohn zu seinem Großvater.

Dort war seine ein Jahr ältere Schwester untergebracht. „Als ich ankam, saßen beide noch unter dem Tisch.“ Auf dem Weg dorthin sah der Junge das erste Mal in seinem Leben Tote.

Spätabends ging es zurück nach Stadtlohn, zum Bomers Kamp. „Dort, wo heute das Gymnasium steht.“ Der Junge übernachtete bei Verwandten. „Als Kopfkissen diente eine Rolle Hühnerdraht.“

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Zwei Tage zuvor musste sich sein Vater Heinrich Demes bei einem Ersatzbataillon in Minden melden. „Er hatte vorher jeden Tag über den Volksempfänger gehorcht und nur darauf gewartet, dass die Alliierten endlich den Rhein überqueren. Wäre der Frontverlauf nah genug gewesen, wäre er in Stadtlohn geblieben und bis zum Kriegsende abgetaucht.“ Die Front rückte über Bocholt und Wesel näher, doch bis zum 9. März nicht nah genug.

Brennender Kirchturm

Beim zweiten großen Angriff der Alliierten auf Stadtlohn, am Mittwoch, 21. März, saß Franz-Josef Demes in einem drei mal drei Meter großen Keller. „Hätte das Haus einen Treffer erhalten, wäre auch der Keller weggewesen.“ Der Bombenangriff erfolgte zwischen 16.30 und 18 Uhr.

Eineinhalb Stunden, in denen nicht nur das Krankenhaus verschwand und der brennende Kirchturm als Feuersäule auf den Markt kippte. „Das habe ich noch vor Augen“, sagt Marianne Demes. Ebenso die vielen Toten. 330 Stadtlohner verloren bei drei Bombardierungen ihr Leben, die dritte erfolgte am 22. März.

Zweimal verschüttet

Franz-Josef Demes saß zu Beginn der Bombardierung am 22. März in einem Bunker in Südlohn. „Bei den alten Komisenhäusern Richtung Vreden, am Kalkbach.“ Als in unmittelbarer Nähe eine Bombe explodierte, wurde der Eingang verschüttet.

Der Achteinhalbjährige buddelte mit seinen Händen den Weg nach draußen frei und warf sich sich in den erstbesten Schützengraben. Als eine weitere Bombe detonierte, wurde der Junge abermals verschüttet. „Das hatte aber ein Wehrmachtssoldat gesehen. Er zog mich aus dem Graben.“

Franz-Josef Demes muss oft an diese Geschehnisse zurückdenken. Seiner Ehefrau kommen manches Mal die Tränen, wenn sie an die Märztage des Jahres 1945 erinnert wird. „Ich hatte Angst. Angst vor etwas Unbegreiflichem. Was weiß ein fünfeinhalbjähriges Kind vom Krieg?“

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Ihre ältere Schwester Irene war zu der Zeit bei einem Bauern in Altenberge untergebracht. „Als sie von dem schweren Luftangriff hörte, wollte sie wissen, wie es uns geht und fuhr am 22. März mit dem Fahrrad nach Stadtlohn.“

Doch wie sollte sie die Familie in all dem Chaos und der Zerstörung finden? Die Hamachers hatten einen Familienpfiff. Die ältere Schwester begab sich also pfeifend auf die Suche durch Stadtlohn.

„Familienpfiff“

Den Pfiff hörten Mutter und Tochter, die auch Stunden nach dem Angriff zur Sicherheit in einem Schützengraben lagen. „Das ist Irene!“ schrie die kleine Schwester. Was für ein glückliches Wiedersehen! Marianne Demes kämpft auch 75 Jahre später bei dem Gedanken daran immer noch mit den Tränen.

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