Bücher sorgen nach wie vor für viel Leben im Haus am Markt 11 in Stadtlohn

hzHaus Wüllner Stadtlohn

1900 eröffnete Caspar Wüllner eine Buchhandlung in Stadtlohn. 1907 zog er zum Markt 11, wo bis heute Bücher Anziehungskraft ausüben. Christel Hinnemann und ihrer „Bücherzeit“ sei Dank.

Stadtlohn

, 21.01.2020, 19:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Karin Paredes Gebhard sitzt an einem Tisch in der Buchhandlung Bücherzeit und freut sich darüber, dass die Ladentür sich öffnet und Kunden – an diesem Montagnachmittag vor allem Kundinnen – hereinkommen, reservierte Bücher abholen oder sich umsehen. 2017 hatte sie es als einen „Glücksfall“ bezeichnet, dass die Bücherzeit in das Haus am Markt 11 einzieht. Ein Gebäude, in dem nur mit einer kleinen Pause von 2015 bis 2017 schon seit 1907 der Geist des geschriebenen Wortes weht.

Mit einem Geschäft für Schreibwaren und Bücher selbstständig gemacht

In dem Jahr war Caspar Wüllner, ihr Großvater, mit seiner Buchhandlung vom Markt 1 an die Adresse Markt 11 gezogen. Im Jahr 1900 hatte Caspar Wüllner sich in Stadtlohn selbstständig gemacht, mit einem Geschäft für Schreibwaren und Bücher. Als der Laden an den Markt 11 umzog, konnte der gebürtige Sauerländer sein Unternehmen um eine Buchdruckerei, eine Buchbinderei und ein Spielwarensortiment erweitern. Dort, wo heute im Kreativstübchen Lesungen veranstaltet werden, ratterten damals Heidelberger Druckmaschinen.

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Schön findet Karin Paredes Gebhard es, dass das „Haus Wüllner“ weiterhin ein kommunikativer Ort ist. Beim Vor-Ort-Termin mit der Redaktion taucht sie in die Geschichte des Familienunternehmens und des Hauses ein, in dem sie groß geworden ist. Ihr Großvater stammte aus Schmallenberg und kam durch seine Ausbildung ins Münsterland: In Bocholt bei Blömer lernte Caspar Wüllner das Handwerk des Buchdruckers.

In fein säuberlicher Handschrift hat ein Familienmitglied der Wüllners in einer Chronik festgehalten, dass es sein Chef war, der Caspar Wüllner auf die „verwaiste Buchbinderei Heming“ in Stadtlohn am Markt 1 hinwies. Der Schmallenberger zog also nach Stadtlohn und gründete im Juli 1900 eine Buchbinderei mit Schreibwarengeschäft.

Werbespruch auf Esspapier gedruckt

Dass er ein findiger Geschäftsmann war, kann man aus einem Eintrag aus der Chronik festmachen: Er bedruckte Esspapier mit einem gereimten Werbespruch für sein Geschäft. Der Spruch, so ist zu lesen, habe sich schnell verbreitet und viele Stadtlohner hätten ihn vor sich hingesummt.

Im Jahr 1905 übernahm er den Vertrieb des „Stadtlohner Volksblatts“ und sein Laden diente für lange Jahre als Geschäftsstelle des Verlags Fleißig aus Coesfeld. Caspar Wüllner machte auch über die Grenzen Stadtlohns von sich reden: Eine große Spielwarenausstellung zog schon vor dem Krieg viele Kinder und Erwachsene an den Stadtlohner Markt.

Caspar Wüllner heiratete eine Stadtlohnerin

Caspar Wüllner heiratete eine Stadtlohnerin, Wilhelmine „Mimi“ Wüllner, neun Kinder gingen aus der Ehe hervor. Auch der tatkräftigen Hilfe seiner Frau und der Kinder sei es zu verdanken gewesen, dass sich das Unternehmen so gut entwickelte, ist in der Chronik zu lesen. Sein Sohn Otto, der Vater von Karin Paredes Gebhard, übernahm nach dem Krieg mit seinem Vater zusammen die Leitung der Buchhandlung. Das Haus am Markt 11 war am 21. März 1945 bei den Bombenangriffen in Schutt und Asche gelegt worden, die jüngste Tochter der Familie Wüllner kam dabei ums Leben.

Bücher sorgen nach wie vor für viel Leben im Haus am Markt 11 in Stadtlohn

Das Haus Wüllner (Mitte) nach dem Wiederaufbau. Das Gebäude war bei der Bombardierung am 12. März 1945 zerstört worden. © Archiv

Nach dem Krieg ging der Verkauf in einer Garage in der Innenstadt, die noch heil geblieben war, weiter. Caspar Wüllner zog, als er nach dem Kriegsdienst nach Hause gekommen war, mit Fahrrad und Bahn los, um in Tauschgeschäften Ware für sein Geschäft zu besorgen. Keine einfachen Zeiten waren es. Die galoppierende Inflation machte es nötig, dass zwei seiner Kinder mit dem Bollerwagen zu Fuß nach Coesfeld liefen, um dort säcke- und bündelweise Geld beim Verlag Fleißig abzuliefern. Bevor es einen halben Tag später noch weniger wert war.

1950 war das Haus neu errichtet und das Geschäft wurde wieder am Markt 11 eröffnet. Die Druckerei wurde gebaut, „das empfand mein Großvater, der damals 75 war, als Krönung seines Lebenswerkes“, weiß Karin Paredes Gebhard aus Erzählungen. Für den Verlag Lensing aus Dortmund vertrieb das „Haus Wüllner“ nach dem Krieg die heutige Münsterland Zeitung.

Bücher blieben ein wesentlicher Geschäftbereich, sie wurden nicht nur verkauft, sondern auch ausgeliehen im Haus Wüllner, erinnert sich die gebürtige Stadtlohnerin, die schon lange in Nürnberg lebt. 1973 übernahm das Unternehmen Hötzel die Druckerei, 1982 gab die Familie das Geschäft mit Büchern, Schreibwaren, Bürobedarf und Spielzeug in andere Hände.

„Sehr schöne Erinnerungen“ hat Karin Paredes Gebhard an die Buchhandlung, „es war immer was los im Haus.“ Sie und ihre Geschwister waren in der Druckerei, in der Werkstatt und im Laden unterwegs. Und packten auch mit an. In den Ferien hat Karin Paredes Gebhard wie ihre Geschwister auch Botengänge erledigt, aber sie hat auch in der Buchhandlung gejobbt. Es muss ihr gefallen haben: Sie hat den Beruf erlernt und lange ausgeübt.

Haus Wüllner soll „ein kommunikatives Zentrum“ sein und bleiben

Umso mehr freut es sie, dass das Haus ihrer Familie weiter mit Leben gefüllt ist, dass es „ein kommunikatives Zentrum“ bleibt und ist. Dafür sorgt Christel Hinnemann, wie Karin Paredes Gebhard bei Besuchen ihrer Mutter Elfriede, die über der Buchhandlung im Haus Wüllner lebt, feststellt. Die Nürnbergerin kümmert sich um alles, was das Haus angeht, und war dankbar, als die Immobilien- und Standortgemeinschaft Stadtlohn (ISG) sie mit Christel Hinnemann zusammenbrachte, als diese seinerzeit ihr Ladenlokal in der Stegerstraße nicht weiter mieten konnte.

Lesungen im Kreativstübchen geplant

Christel Hinnemann hat für 2020 viele Pläne, um Lebens ins Haus zu bringen. Am Montag, 25. Mai, kommt Gisa Pauly ins Kreativstübchen, und stellt ihr Buch „Zugvögel“ vor. Am Freitag, 5. Juni, ist Stefan Holtkötter als Jan Steinbach mit seinem neuen Buch „Die Schwestern von Marienfehn“ zu einer Lesung zu Gast dort. Schriftsteller H. Dieter Neumann liest am 15. Oktober im Kreativstübchen. Der Eintritt kostet jeweils zehn Euro, Karten gibt es in der Bücherzeit am Markt 11, Tel. (02563) 20 77 60.

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