Kirche während Corona: Video vom Gottesdienst, schwierige Trauerfeiern und neue Demut

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Das Coronavirus stellt auch die Kirchengemeinden vor Herausforderungen. Jürgen Lürwer, Dechant in St. Otger Stadtlohn, sieht aber auch Chancen, die sich aus der Corona-Krise ergeben.

Stadtlohn

, 20.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Kirchen sind weiter geöffnet, doch Gottesdienste und andere Veranstaltungen der Gemeinde wurden auch in Stadtlohn wegen des neuartigen Coronavirus bis auf Weiteres abgesagt. Im Gespräch erklärt Jürgen Lürwer, Dechant der Kirchengemeinde St. Otger, wie man seinen Glauben trotzdem praktizieren kann.

Herr Lürwer, was ist das für ein Gefühl, wenn am Wochenende Ihre Kirche menschenleer bleibt?

Ein ungewöhnliches Gefühl auf alle Fälle. Wie viele andere vermisse ich das gemeinsame Feiern eines Gottesdienstes.

Wie kann man in diesen schwierigen Zeiten der Corona-Krise seinen Glauben praktizieren?

Jeder ist nun selbst gefordert. Ohne festen Termin am Samstag oder Sonntag muss man sich aufraffen. Zum Beispiel für ein stilles Gebet oder ein Innehalten im Familienkreis. Wir als Kirchengemeinde versuchen, dabei zu helfen.

Inwiefern?

Auf unserer Homepage veröffentlichen wir jeden Tag einen geistlichen Impuls. Außerdem läuten im ganzen Bistum Münster jeden Abend um 19.30 Uhr für 15 Minuten die Glocken. Damit möchten wir den Mitgliedern unserer Gemeinde zeigen, dass sie auch in dieser schwerer Zeit nicht allein sind und ihnen eine Hilfestellung geben. Das Alleinsein ist auf Dauer sehr anstrengend. Obwohl sie nicht vor die Haustür gehen sollen, haben sie aber eine innere Freiheit. Das sollte sich jeder vor Augen führen. Gottvertrauen ist wichtiger denn je.

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Nicht einfach bei einem quasi unsichtbaren Gegner wie dem Coronavirus...

Das macht die ganze Situation zugegeben noch schwerer. Das Virus kann überall hin, aber ist nicht wirklich greifbar. Deshalb tun sich, glaube ich, einige auch so schwer, die Schutzmaßnahmen zu befolgen. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen im Glauben ein Stück Halt sehen. Wir können Gott alles anvertrauen, das uns bewegt. Der Glaube ist in zu allen Zeiten ein Anker im Leben.

Sehen Sie in der gegenwärtigen Krise auch eine Chance? Schließlich wird uns vor Augen geführt, dass wir vieles für selbstverständlich nehmen, das nicht selbstverständlich ist.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Menschen nach der Krise dankbarer und demütiger sind. Vielleicht lernen wir dadurch die Fülle des Lebens wieder mehr zu schätzen. Vor allem sollte in dieser Zeit klar werden: Wir können uns nicht alles kaufen. Vieles wird uns einfach geschenkt – vor allem von Gott.

Homeoffice, Videokonferenzen, Bestellung beim örtlichen Restaurant per Mausklick: Aus der Not entstehen gerade viele digitale Lösungen. Wie sieht es bei der Kirche aus?

Auch wir als Gemeinde entwickeln uns in diesem Bereich gerade weiter. Die Sonntagsmesse zeichnen wir mittlerweile per Video auf. Sie ist dann im Nachgang über unsere Homepage abrufbar. Damit kann man vielleicht Menschen abholen, die sonst nicht in die Kirche kommen würden. Aber wie gesagt: Wir können nur das Angebot schaffen. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, ob er sich die Zeit dafür nimmt.

Die Sonntagsmesse wird in der Otgerkirche aufgezeichnet und anschließend auf der Homepage veröffentlicht.

Die Sonntagsmesse wird in der Otgerkirche aufgezeichnet und anschließend auf der Homepage veröffentlicht. © Pascal Albert

Wie hat sich durch die Ausbreitung des Coronavirus eigentlich Ihr Alltag verändert?

Die ersten Tage waren davon bestimmt, im Krisenmodus zu arbeiten. Viele Dinge mussten organisiert, umgeplant oder abgesagt werden. Es ist gerade total ungewohnt, wie ruhig es im Pfarrhaus zugeht. Andere Dinge, wie die Krankensalbung, finden aber wie gewohnt statt.

Bei der Beerdigungsfeiern gibt es hingegen mittlerweile klare Anordnungen...

Die aktuellen Umstände sorgen leider für große Einschränkungen bei den Trauerfamilien. Wenn auf einer Beerdigung nur noch die nächsten Angehörigen anwesend sein dürfen und nicht jeder Abschied nehmen kann, ist das sehr schwer. Denn im gemeinsamen Trauern finden viele Menschen ein wenig Trost. Durch den Besuch einer Beerdigung zeigen sie auch: Er oder sie hat mir etwas bedeutet. Anders als bei Taufen oder Hochzeiten haben wir allerdings keine Chance, eine Beerdigung auf die Zeit nach der Corona-Krise zu verschieben.

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Liegt Ihnen noch etwas auf dem Herzen, das Sie den Leuten gerne mit auf den Weg geben möchten?

Ich wünsche allen Menschen die Einsicht, die eigene Gesundheit und die der anderen Menschen wertzuschätzen. Um das Virus einzudämmen, braucht es mehr denn je unser aller Solidarität.

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